Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Vielfalt und Auflösung

21. 05. 2017 | Allgemein

Nietzsches zwei Ebenen des Verbrechens

Die umfassenden Sicherheitsmaßnahmen, die aufgrund der Gefahr radikal-islamischer Anschläge bei Massenbegegnungen heute Usus geworden sind, Maßnahmen, die für die moderne Gesellschaft bisher ungekannte Freiheitseinschränkungen bedeuten, lassen einen Gedanken Nietzsches über das Verbrechen aufkommen, das dort “zurückbildend” genannt wird. Zurückbildend sei das Verbrechen, weil es die Gesellschaft “auf frühere Stufen der Kultur” zwingt, als die Stufe, auf der sie sich befindet.

Allein nämlich das strafrechtliche Instrumentarium “der Notwehr und der Rache”, das “Polizisten, Gefängniswärter, Henker, Ankläger und Advokaten” unterhält, welche allesamt “in ihrer Wirkung… niederdrückende… Erscheinungen sind”, die eine fortschreitende Gesellschaft eigentlich überwinden möchte, macht die fortschrittshemmende Wirkung des Verbrechens deutlich - so Nietzsches These ausgehend vom strafrechtlichen Apparat seiner Zeit in Menschliches, Allzumenschliches.

Wir haben es demnach beim Verbrechen mit zwei Dimensionen des Schadens zu tun: dem individuellen Schaden des Opfers plus der regressiven Wirkung der Straftat und ihrer strafrechtlichen Konsequenzen auf den zivilisatorischen Status. Daß diese letztere Beeinträchtigung von den Vollstreckern der “Rache” in den fortgeschrittenen Judikativen der Welt, in den westlichen Rechtsstaaten, sehr zu Herzen genommen wird, erleben wir in jener oft und oft zu Recht gescholtenen Milde der Gerichtsbarkeit gegenüber dem Täter, die in der Absicht, die “Rache” weitestgehend zu verdrängen, in den Augen des konsternierten Beobachters oft einer Verhöhnung des Opfers und einer beinahen Sympathie für den Täter gleichkommt.

Eine “neue” Kriminalität in Schweden/Europa

Wohin diese Anmerkungen hinauswollen, ergibt sich aber erst durch ihre Ergänzung mit einem in der Sache verwandten Phänomen, das in der westlichen Kriminalistik neuerdings aufgetreten ist. Deutlich beschrieben wurde dieses Phänomen im November 2016 von einem schwedischen Staatsanwalt, der – gemäß seiner politischen Positionierung in der Vergangenheit – über jeden Verdacht erhaben sein dürfte, mit politischer Unkorrektheit punkten zu wollen. Der schwedische Staatsanwalt Thomas Ahlstrand aus Göteborg sprach von einer neuen “Art der Kriminalität” in Schweden, die sich durch “zwei besondere Kennzeichen” von der bisherigen unterschiede.

Das erste dieser Kennzeichen sei eine entsetzliche Brutalität, so der schwedische Staatsangestellte: “Wir sind perplex… Sie schießen, sie denken sie seien in einem Wettbewerb und sie jagen… in die Luft… Wir verstehen sie nicht und deshalb können wir nicht damit umgehen…” [Hervorhebungen in diesem und in allen folgenden Zitaten durch den Verfasser.]

Das zweite Kennzeichen beleuchtet den Grund für das erste. Es ist die Wertefrage. Ahlstrand befindet über die neuen Kriminellen: “Unsere Werte sind denen scheißegal”. Und er erklärt das damit kurz gefaßte Problem folgendermaßen: “Unsere Tradition im Umgang mit Kriminalität ist, dass der Kriminelle einer von uns ist, einer der unsere Standards teilt, der aber aus sozialen Gründen… einen kriminellen Lifestyle angenommen hat. Wir bieten ihnen Schutzmaßnahmen, begleitende Therapien, Bildung und letztendlich Gefängnisstrafen, die alle diese Komponenten enthalten. Wir beziehen ihre Familien mit ein. Die Grundvoraussetzung all unserer Angebote ist aber, dass die Kriminellen unsere Werte, unsere Moral, unsere Sicht der Gesellschaft teilen… Aber wir wissen nicht, wie man mit Kriminellen umgeht, die sich weder um uns noch um unsere Werte scheren.”

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