Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Vielfalt und Auflösung

21. 05. 2017 | Allgemein

Die “Vielfalt” der Einfältigen

Vielfalt als zwangsläufiges Gut für eine Gesellschaft ist so unsinnig wie Vielfraß als Titel für Lebensqualität. Zunächst ist Vielfalt stets an den Begriff der Kategorie gebunden: Vielfalt von was? Von Bäumen? Von Talenten? Von Erkrankungen? Von Obstsorten? Von mysteriösen Todesfällen? Die Kategorie bietet ein Basiskriterium für Sinn oder Nicht-Sinn einer Vielfalt. Fällt die Kategorie weg, bedeutet Vielfalt erst einmal Chaos!

Komplexer noch wird die Selektion beim Menschen. Das liegt daran, daß er als Vernunftwesen selber mentale Kategorien erschafft, die entscheidende Faktoren bei der Bildung von kollektiver Mentalität und von anderen zivilisatorischen Merkmalen, Vorsätzen und Bedingungen bieten. Wir nennen diese Grundlagen für mentale Zusammengehörigkeit Kulturen, die Kulturen der Völker, wie man noch vor kurzem ohne Verdacht formulieren konnte. Und die Ermahnung, daß eine Vielfalt der Kategorien Chaos bedeuten kann, gilt auch und vielleicht vornehmlich für die Kategorie Kultur und Menschenbild.

Denn: Braucht ein Land eine Vielfalt von Experten, von Vagabunden, von Talenten oder von Rückständigkeiten? Die Kategorien verlangen nach Selektion. Vielfalt ohne Selektion mag einem verwilderten Garten seinen Charme verleihen, einer gleichermaßen verwilderten Gesellschaft verheißt sie nichts Gutes.

Warum das so ist, wird begreiflich, wenn wir uns etwas genauer mit jenen “Merkmalen, Vorsätzen und Bedingungen” befassen, nach welchen die verschiedenen Kulturen funktionieren. Diese Software nämlich meinte auch der schwedische Staatsanwalt von weiter oben als er “unsere Werte, unsere Moral” und “unsere Sicht der Gesellschaft” ansprach.

Nun wachsen Werte nicht auf Bäumen. Der genetische Boden aller Werte ist der Wert des Menschen in seinem Bestehen als Einzelner, als Individuum. Ja, der Wert selbst einer Kultur ist analog zu der Wertschätzung, die das Individuum in ihr erfährt. Besonders in Richtung des Kulturrelativisten soll in aller Deutlichkeit das Folgende formuliert werden: Die Kulturen der Erde sind nicht gleich und nicht gleichwertig. Sondern sie sind um so wertvoller, als in ihnen der individuelle Mensch als freies Wesen bejaht wird, dieser sich dort frei entfalten kann, und sie, die Kulturen, aus dem kreativen Potential solcher freien Entfaltung ihrer freien Individuen Wachstum und Optimierung erwarten und erhalten.

Wie aber sollte unter diesem Aspekt wünschenswert sein, gar Bereicherung heißen, daß sich in den Breitengraden der westlichen Aufgeklärtheit Kulturkreise einnisten, die solche Standards ablehnen, das Individuum nur als unterwürfigen Vollstrecker strengen religiösen Reglements akzeptieren und die freie Gesellschaft täglich durch auffällige Aggression attackieren? Welcher Politiker, welcher Soziologe möchte uns das erklären?

Homogenität und Innere Sicherheit

Politiker wie Soziologen (eine Sparte, die hier für den Linksintellektuellen schlechthin steht) können nicht etwas erklären, was sie nicht begreifen wollen: Wie wird eine Gesellschaft längerfristig modifiziert, in der ein Teil aufgeklärt-emanzipierter Individuen neben religiös-sittenhaft gesteuerten Individuen lebt?

Es war ein Versäumnis bisher, diese Frage nur seitens der ersteren Gruppe anzugehen, um zu schließen: Wir, die Aufgeklärt-Emanzipierten sind gegenüber anderen Kulturen tolerant, haben längst gelernt, tolerant sein zu müssen, und somit dürfte es keine Probleme geben. Man hat sträflich außer Acht gelassen, daß man erst dann “tolerant” wurde, als man nicht mehr religiös-sittenhaft war. Und man hat außer Acht gelassen, daß diese beiden Elemente, die sich innerhalb einer Person widersprechen, auch als Zutaten einer Gesellschaft niemals spannungsfrei koexistieren könnten; um an das Lieblingsvokabular der naiven Gesellschaftsköche anzuknüpfen: nicht integrierbar sein würden.

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