Birgitta Weber und die Instrumentalisierung

Offener Brief zu diesem Fernsehkommentar:

TT-Kommentar Birgitta Weber

„Lasst euch nicht instrumentalisieren.“ Ein Kommentar zum Umgang mit dem Hass und der Angst in Kandel von Birgitta Weber.

Posted by tagesschau on Mittwoch, 10. Januar 2018

Schönen Tag, Frau Weber,

mit etwas Verspätung ist mir zuteil worden, Ihren am 10. Jan. ausgestrahlten Fernsehkommentar, den Sie anläßlich der Folgeereignisse nach der brutalen Tötung einer 15jährigen Deutschen durch einen vermeintlich gleichaltrigen Afghanen in der Stadt Kandel abgegeben haben, auf der Internetseite Ihres Senders1 studieren zu dürfen.

Da Umfang und Konnotation Ihrer Begrifflichkeit jedoch so originär und eindrucksvoll das Scheitern des Denkens im politischen Disput der Gegenwart illustrieren, ist, meine ich, keineswegs zu spät für die hier erfolgende Analyse ihres gedanklichen Vorgehens im genannten Kommentar.

Der Titel, "Laßt euch nicht instrumentalisieren", stellt klar, daß Sie von etwas sprechen möchten, was ambivalent bewertet werden kann. Eine Ihrer Meinung nach falsche Bewertung des sich in Kandel ereigneten Mordfalls, wäre ein Instrument in den Händen der Ihnen unliebsamen politischen Seite. Wäre aber nun die Ihrer Meinung nach richtige Bewertung des Mordfalls kein Instrument in den Händen des von Ihnen präferierten politischen Milieus?

In Kandel standen sich nach dem entsetzlichen Messermord Gruppen gegenüber, von denen die eine den Zusammenhang zwischen der seit Herbst 2015 kaum kontrollierten Einwanderung in dieses Land mit der gestiegenen Kriminalität im selben vertritt, und politische Konsequenzen gegen diese Art der Staatsführung verlangt. Die andere Gruppe leugnet entweder den eben beschriebenen Zusammenhang, oder sie nimmt die durch die Einwanderung von Flüchtlingen gestiegene Kriminalität als einen zu ertragenden Kollateralschaden auf dem Weg zu einem "bunten", ethnisch und kulturell planierten Europa in Kauf.

Ich überlasse es dem Leser, hierzu Stellung zu nehmen. Aber könnte der in der Tat edle Traum einer bunten einheitlichen Welt nicht ein Instrument in den Händen derjenigen sein, die in den vergangenen 200 Jahren unaufhörlich und in wechselnden epochalen Kostümierungen der westlichen Kultur den Garaus machen wollten, die sie das eine Mal als kapitalistisches Bürgertum, das andere Mal als bürgerliches Patriarchat und zuletzt - nunmehr unverblümt - als den "alten weißen Mann" diskreditierten, dessen letztes Aufbäumen sie in Donald Trump sehen?

 

Soviel zu Ihrem Titel, der uns allerdings mit "Instrumentalisierung" ein Schlüsselwort lieferte; denn ich werde im Folgenden zeigen, daß erst recht Sie sich, Frau Weber, in Ihrem Fernsehkommentar hoch verdächtig machen, ausgiebig Instrumentalisierung zu betreiben. Und dies so heftig, daß Sie dabei offenbar vergessen, über die Begriffe nachzudenken, die Sie dazu gebrauchen.

Sie tragen vor:

"Ein angeblich 15-jähriger Afghane ersticht eine 15-Jährige. Entsetzlich für die Eltern und die Freunde. Und natürlich gibt es Trauer, Wut, Mitleid. Auch unter denen, die sich für ein Miteinander von Deutschen und Flüchtlingen engagieren. Gefühle sind richtig und wichtig…

Doch diese Gefühle werden missbraucht. Kühl kalkuliert von NPD, von AfD-Politikern und von Rechten. Sie versuchen, die Wut in Hass umzuwandeln, das Entsetzen in Angst. Mit einer Lawine von Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen werden die Worte derjenigen, die versuchen menschlich zu bleiben, erstickt. Sie missbrauchen Mias Tod."

Schauen Sie, Frau Weber:

Im "Entsetzen" ist die Angst bereits enthalten und muß daher nicht erst von erdichteten bösen Mächten herangetragen werden. Der Duden bietet für das Lexem zwei Deutungen an, und diese sind:

  1. "mit Grauen und panikartiger Reaktion verbundener Schrecken" und
  2. "etwas, was Schrecken, Angst hervorruft"!

Es bedarf also keineswegs der Alchimie rechtsrabiater oder rechtskonservativer Parteien (die AfD vertritt in Sachen Einwanderung das, was die CDU noch vor wenigen Jahren vertrat) um "das Entsetzen in Angst" umzuwandeln. Wer entsetzt ist, ist bereits in Angst!

Doch Angst wollen Sie den Menschen in Kandel nicht gestatten. Haß auch nicht. Erlaubt seien nur "Trauer, Wut" und "Mitleid". Da haben Sie aber unsere Gefühlswelt schön säuberlich formatiert und dividiert, darf man sagen. Nur: Aus Trauer, Wut und Mitleid, kann wiederum Haß werden, und dies ebenfalls ohne daß die Trauer, die Wut und das Mitleid von "rechten" Kräften hin zum Haß eskortiert werden müßten. Aus Trauer, Wut und aus dem Mitleiden mit Opfern von Gewalt wird schnell Haß, wenn sich die "Einzelfälle", die solche Gefühle hervorrufen, perpetuieren, sich zum Phänomen häufen. Ob dies zur Zeit geschieht oder unterbunden wird, entscheidet noch - und leider Gottes - am allerwenigsten die AfD, und sie trägt deshalb auch am allerwenigsten die Verantwortung dafür.

Es wird Ihnen sicher nicht entgangen sein, daß kürzlich das Brandenburger Innenministerium einen Aufnahmestopp für die Stadt Cottbus beschlossen hat, nachdem dort innerhalb weniger Tage zwei Messerangriffe gegen Cottbusser Bürger durch Flüchtlinge verübt worden waren2. Ist jetzt dieser Zuzugsstopp Haß? Ich bezweifle das; sollten Sie jedoch auf einer solchen Definition bestehen, dann würde das Vorgehen der Brandenburger Behörde meine Erklärung über die Entstehung solchen "Hasses" bestätigen und nicht ihre Vernebelungstheorie, die AfD hätte ihn dorthin getragen.

 

Wenn nun, werte Frau Weber, Angst und Haß durchaus ohne das Zutun Ihrer Gespenster von rechts und rein aus kriminellen Geschehnissen heraus resultieren können, dann steht der denkende Leser bzw. Zuhörer ihres Textes vor einer Frage, vor der Frage nämlich, welches Motiv Frau Weber bewegt haben könnte, eine externe - nicht in den sich häufenden aggressiven und gar tödlichen Messerangriffen selbst liegende - Ursache für die Entstehung des hier gemeinten Hasses und der hier gemeinten Angst zu konstruieren.

Alsdann könnte die Logik des Fragenden ihm als naheliegend empfehlen: Frau Weber, Angestellte in einer Anstalt, von der belegt ist, daß grünlinkes Personal die diskursive Dominanz innehat, instrumentalisiert den Mordfall von Kandel und seine Folgereaktionen in der Stadt, um daraus eine "Keule" gegen ihre politischen Antipathien zu schmieden.

Diesem Gedanken nun läge der Begriff der Hetze nicht fern, und zwar einer so dezidiert groben Hetze, die nicht einmal davor haltmacht, den Begriff "menschlich" so im Text zu plazieren, daß für die mißliebige Gegenseite Assoziationen wie un-, oder untermenschlich freistünden. Und das könnte als eine wesentlich aggressivere Hetze eingestuft werden, als sich die Menschen, die in Frau Weber ihren politischen Gegner sehen, jemals öffentlich und von offizieller Stelle aus erlaubt hätten. Von der mißbräuchlichen Instrumentalisierung des Sendekanals einer zur Neutralität verpflichteten und finanziell von allen Bürgern getragenen öffentlich-rechtlichen Anstalt ganz zu schweigen.

Wie stünden Sie zu einem solchen Verdacht, Frau Weber?

Weiterhin einen schönen Tag!

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Anmerkungen:

1. Frau Webers Text auf der Seite des SWR
2. welt.de, "Nach Messerangriffen – Cottbus wird keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen"




Vielfalt und Auflösung

Nietzsches zwei Ebenen des Verbrechens

Die umfassenden Sicherheitsmaßnahmen, die aufgrund der Gefahr radikal-islamischer Anschläge bei Massenbegegnungen heute Usus geworden sind, Maßnahmen, die für die moderne Gesellschaft bisher ungekannte Freiheitseinschränkungen bedeuten, lassen einen Gedanken Nietzsches über das Verbrechen aufkommen, das dort “zurückbildend” genannt wird. Zurückbildend sei das Verbrechen, weil es die Gesellschaft “auf frühere Stufen der Kultur” zwingt, als die Stufe, auf der sie sich befindet.

Allein nämlich das strafrechtliche Instrumentarium “der Notwehr und der Rache”, das “Polizisten, Gefängniswärter, Henker, Ankläger und Advokaten” unterhält, welche allesamt “in ihrer Wirkung… niederdrückende… Erscheinungen sind”, die eine fortschreitende Gesellschaft eigentlich überwinden möchte, macht die fortschrittshemmende Wirkung des Verbrechens deutlich - so Nietzsches These ausgehend vom strafrechtlichen Apparat seiner Zeit in Menschliches, Allzumenschliches.

Wir haben es demnach beim Verbrechen mit zwei Dimensionen des Schadens zu tun: dem individuellen Schaden des Opfers plus der regressiven Wirkung der Straftat und ihrer strafrechtlichen Konsequenzen auf den zivilisatorischen Status. Daß diese letztere Beeinträchtigung von den Vollstreckern der "Rache" in den fortgeschrittenen Judikativen der Welt, in den westlichen Rechtsstaaten, sehr zu Herzen genommen wird, erleben wir in jener oft und oft zu Recht gescholtenen Milde der Gerichtsbarkeit gegenüber dem Täter, die in der Absicht, die "Rache" weitestgehend zu verdrängen, in den Augen des konsternierten Beobachters oft einer Verhöhnung des Opfers und einer beinahen Sympathie für den Täter gleichkommt.

Eine "neue" Kriminalität in Schweden/Europa

Wohin diese Anmerkungen hinauswollen, ergibt sich aber erst durch ihre Ergänzung mit einem in der Sache verwandten Phänomen, das in der westlichen Kriminalistik neuerdings aufgetreten ist. Deutlich beschrieben wurde dieses Phänomen im November 2016 von einem schwedischen Staatsanwalt, der – gemäß seiner politischen Positionierung in der Vergangenheit – über jeden Verdacht erhaben sein dürfte, mit politischer Unkorrektheit punkten zu wollen. Der schwedische Staatsanwalt Thomas Ahlstrand aus Göteborg sprach von einer neuen "Art der Kriminalität" in Schweden, die sich durch "zwei besondere Kennzeichen" von der bisherigen unterschiede.

Das erste dieser Kennzeichen sei eine entsetzliche Brutalität, so der schwedische Staatsangestellte: "Wir sind perplex… Sie schießen, sie denken sie seien in einem Wettbewerb und sie jagen… in die Luft… Wir verstehen sie nicht und deshalb können wir nicht damit umgehen…" [Hervorhebungen in diesem und in allen folgenden Zitaten durch den Verfasser.]

Das zweite Kennzeichen beleuchtet den Grund für das erste. Es ist die Wertefrage. Ahlstrand befindet über die neuen Kriminellen: "Unsere Werte sind denen scheißegal". Und er erklärt das damit kurz gefaßte Problem folgendermaßen: "Unsere Tradition im Umgang mit Kriminalität ist, dass der Kriminelle einer von uns ist, einer der unsere Standards teilt, der aber aus sozialen Gründen… einen kriminellen Lifestyle angenommen hat. Wir bieten ihnen Schutzmaßnahmen, begleitende Therapien, Bildung und letztendlich Gefängnisstrafen, die alle diese Komponenten enthalten. Wir beziehen ihre Familien mit ein. Die Grundvoraussetzung all unserer Angebote ist aber, dass die Kriminellen unsere Werte, unsere Moral, unsere Sicht der Gesellschaft teilen… Aber wir wissen nicht, wie man mit Kriminellen umgeht, die sich weder um uns noch um unsere Werte scheren."

Zumal, wie Ahlstrand weiter ausführt, auch der Einbezug der Familie des neuen Kriminellen kaum helfe, da diese zumeist mit dem Lebensgang ihres Sprosses sympathisiert: "Die Familien denken oft, dass der Kriminelle toll sei, dass er gut dazu beitrage Geld zu verdienen. Die bedingungslose Liebe zur Mutter und Respekt gegenüber dem Vater reflektieren oft die totale und blinde Loyalität der Eltern."1

Nach dieser schonungslosen Darstellung des nicht nur in Schweden bestehenden gesellschaftlichen Problems werden wir zur Erhellung seiner Entstehung zwei Begriffe im folgenden Text auflesen, denen eine für Schweden geschichtliche Relevanz zugesprochen werden kann; es sind die beiden besonders hervorgehobenen Begriffe. In diesem Text werden gewisse politische Schritte dargelegt, die in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts von der schwedischen Politik eingeleitet wurden. Wir lesen über den damaligen Ministerpräsidenten Schwedens:

"Tage Erlander, der sozialdemokratische Ministerpräsident des Landes… hatte noch ein recht kühles Verhältnis zu Menschen aus dem Ausland und zur Idee einer vielkulturellen Gesellschaft. So meinte er 1965:

'Wir Schweden leben ja in einer vom Schicksal so unendlich begünstigteren Situation. Die Bevölkerung unseres Landes ist homogen, dies nicht nur vom Aspekt der Rasse [sic!] her gesehen, sondern auch in vielen anderen Bereichen.'

Doch in jenem Jahr wanderten bereits 50.000 Ausländer in Schweden ein. Für seinen Verkehrsminister Olof Palme, der 1969 sein Nachfolger wurde, war es darum Zeit für einen Kurswechsel. Am ersten Weihnachtsfeiertag 1965 hielt er eine Radioansprache, die… als Auftakt zum 'Modernen Schweden' gilt.

Zu Beginn versuchte Palme, den schwedischen Zuhörern die Angst vor Menschen anderer Kultur und Hauptfarbe zu nehmen, deren Andersartigkeit habe 'nichts mit ihrer menschlichen Qualität zu tun'. Gleichzeitig versicherte der polyglotte Sozialdemokrat, dass sich die Neuankömmlinge an die 'schwedischen Spielregeln' zu halten haben…

Hiermit war der Grundstein für eine ideologische Einwanderungspolitik gelegt…"2

Olof Palme wurde 1986 ermordet. Sein Tod ist lt. Wikipedia noch immer Gegenstand polizeilicher Ermittlungen. Zur den Gruppen der Verdächtigen gehörte bisweilen nach der eben genannten Quelle - neben Rechtsextremisten - auch der schwedische Geheimdienst.

Die beiden Begriffe, die wir dem obigen Bericht abgewonnen haben, Homogenität und Andersartigkeit finden sich sinngemäß auch in den Offenlegungen des zuvor angeführten Staatsanwalts Ahlstrand, der ja nichts anderes beklagt, als die "Andersartigkeit" eines neuen Verbrechertums, das durch die Einwanderung heterogener Kulturangehöriger entstanden ist, und welches nicht nur brutaler, also menschenverachtender ist, sondern sich noch dazu den einheimischen Bewältigungsstrategien entzieht.

Demnach müssen wir also die einstmalige Zusicherung des ermordeten Sozialdemokraten Olof Palme, die "Andersartigkeit" der nach Schweden Immigrierten "habe nichts mit ihrer menschlichen Qualität zu tun", schmerzlich dementieren. Und wir sind zu erkennen genötigt, daß dieses Verfehlen mit der ideologisch motivierten Zerstörung eben jener Homogenität einhergeht, die Olof Palmes Vorgänger mit weisen, aber politisch schon damals aussichtslosen Ermahnungen so sehr würdigte.

Wie aber sollten wir nach alldem den kognitiven und ethischen Bestand jener heutigen Politkorrektler beurteilen, die noch immer und völlig undifferenziert "Vielfalt", also Anhäufung von Andersartigkeiten, als dogmatische Monstranz vor sich her tragen und, allen Verwüstungen zum Trotz, die sich in Kriminalstatistiken und in den Ghetto-Milieus europäischer Städte zeigen, als gesellschaftliches Heilmittel anraten?

Die "Vielfalt" der Einfältigen

Vielfalt als zwangsläufiges Gut für eine Gesellschaft ist so unsinnig wie Vielfraß als Titel für Lebensqualität. Zunächst ist Vielfalt stets an den Begriff der Kategorie gebunden: Vielfalt von was? Von Bäumen? Von Talenten? Von Erkrankungen? Von Obstsorten? Von mysteriösen Todesfällen? Die Kategorie bietet ein Basiskriterium für Sinn oder Nicht-Sinn einer Vielfalt. Fällt die Kategorie weg, bedeutet Vielfalt erst einmal Chaos!

Komplexer noch wird die Selektion beim Menschen. Das liegt daran, daß er als Vernunftwesen selber mentale Kategorien erschafft, die entscheidende Faktoren bei der Bildung von kollektiver Mentalität und von anderen zivilisatorischen Merkmalen, Vorsätzen und Bedingungen bieten. Wir nennen diese Grundlagen für mentale Zusammengehörigkeit Kulturen, die Kulturen der Völker, wie man noch vor kurzem ohne Verdacht formulieren konnte. Und die Ermahnung, daß eine Vielfalt der Kategorien Chaos bedeuten kann, gilt auch und vielleicht vornehmlich für die Kategorie Kultur und Menschenbild.

Denn: Braucht ein Land eine Vielfalt von Experten, von Vagabunden, von Talenten oder von Rückständigkeiten? Die Kategorien verlangen nach Selektion. Vielfalt ohne Selektion mag einem verwilderten Garten seinen Charme verleihen, einer gleichermaßen verwilderten Gesellschaft verheißt sie nichts Gutes.

Warum das so ist, wird begreiflich, wenn wir uns etwas genauer mit jenen "Merkmalen, Vorsätzen und Bedingungen" befassen, nach welchen die verschiedenen Kulturen funktionieren. Diese Software nämlich meinte auch der schwedische Staatsanwalt von weiter oben als er "unsere Werte, unsere Moral" und "unsere Sicht der Gesellschaft" ansprach.

Nun wachsen Werte nicht auf Bäumen. Der genetische Boden aller Werte ist der Wert des Menschen in seinem Bestehen als Einzelner, als Individuum. Ja, der Wert selbst einer Kultur ist analog zu der Wertschätzung, die das Individuum in ihr erfährt. Besonders in Richtung des Kulturrelativisten soll in aller Deutlichkeit das Folgende formuliert werden: Die Kulturen der Erde sind nicht gleich und nicht gleichwertig. Sondern sie sind um so wertvoller, als in ihnen der individuelle Mensch als freies Wesen bejaht wird, dieser sich dort frei entfalten kann, und sie, die Kulturen, aus dem kreativen Potential solcher freien Entfaltung ihrer freien Individuen Wachstum und Optimierung erwarten und erhalten.

Wie aber sollte unter diesem Aspekt wünschenswert sein, gar Bereicherung heißen, daß sich in den Breitengraden der westlichen Aufgeklärtheit Kulturkreise einnisten, die solche Standards ablehnen, das Individuum nur als unterwürfigen Vollstrecker strengen religiösen Reglements akzeptieren und die freie Gesellschaft täglich durch auffällige Aggression attackieren? Welcher Politiker, welcher Soziologe möchte uns das erklären?

Homogenität und Innere Sicherheit

Politiker wie Soziologen (eine Sparte, die hier für den Linksintellektuellen schlechthin steht) können nicht etwas erklären, was sie nicht begreifen wollen: Wie wird eine Gesellschaft längerfristig modifiziert, in der ein Teil aufgeklärt-emanzipierter Individuen neben religiös-sittenhaft gesteuerten Individuen lebt?

Es war ein Versäumnis bisher, diese Frage nur seitens der ersteren Gruppe anzugehen, um zu schließen: Wir, die Aufgeklärt-Emanzipierten sind gegenüber anderen Kulturen tolerant, haben längst gelernt, tolerant sein zu müssen, und somit dürfte es keine Probleme geben. Man hat sträflich außer Acht gelassen, daß man erst dann "tolerant" wurde, als man nicht mehr religiös-sittenhaft war. Und man hat außer Acht gelassen, daß diese beiden Elemente, die sich innerhalb einer Person widersprechen, auch als Zutaten einer Gesellschaft niemals spannungsfrei koexistieren könnten; um an das Lieblingsvokabular der naiven Gesellschaftsköche anzuknüpfen: nicht integrierbar sein würden.

Denn, wie soll das Grundverhältnis dieser Symbiose von der anderen Seite, von der Seite der fundamentalen Unmündigkeit und ritueller Unterwürfigkeit, aussehen? Diese so vordergründige Frage scheint sich dem Gutmenschentum bald zwei Generationen lang verbogen gehalten zu haben. Jedenfalls blieb sie unwirksam. Den sich in ihrer pappigen Moralität gern wälzenden Soziallogistikern scheint Intuition nicht nur etymologisch ein Fremdwort zu sein. Mit einer geringen Dosis davon nämlich hätte man schon im voraus erwägen können, welche Nachbarschaft der Befindlichkeiten in den einst angesteuerten Multikultiparadiesen entstehen müßte:

Von den in den Westen eingewanderten mündigkeitsscheuen Neubürgern würde sicher ein Teil die westlichen Freiheiten annehmen, praktizieren und genießen. Angesichts aber der leicht zu erbringenden Feststellung, daß selbst im "freien Westen" der Großteil der Bevölkerung staatliche Betreuung und Bevormundung bejaht (sonst hätten wir längst überall libertäre Systeme und sicher auch kein Staatsfernsehen), wäre davon auszugehen, daß ein noch erheblicherer Teil der Immigrierten seinen Traditionen und der durch sie perpetuierten Unfreiheiten treu bleiben und den Westen als kulturelle Provokation empfinden würde.

Und auch innerhalb der mehr oder weniger Anpassungsfähigen wäre bei Verstand mit leisem Unbehagen zu rechnen, welches aus dem stets gegenwärtigen Vergleich der eigenen Herkunftskultur mit der im Westen vorgefunden freieren Zivilisation resultieren müßte; ein Unbehagen in Form jener Kränkung, die bei manchen entsteht, wenn sie das Eigene herabgesetzt sehen, und die durchaus in Aggression gegen die vorzüglichere Alternative umschlagen kann. Solche Aggression wäre gegen die Freiheit gerichtet, und es gibt kaum eine bessere Art, sich an der Freiheit zu rächen, als sie zu mißbrauchen, um sie so zu diskreditieren. Zumal dort, wo die Justiz als Instrumentarium "der Notwehr und der Rache" abgedankt hat.

Daß ein Sozialist also in Schweden der 60er Jahre ein so folgenreiches politisches Konzept mit der Behauptung begründete, die Andersartigkeit der nach Schweden Eingewanderten hätte keine menschlich-gesellschaftliche Bedeutung, gehört zu den epochalen Täuschungen des Werte und Verstand nivellierenden Utopismus im Denken derjenigen, die mit eschatologischem Eifer das verhaßte Eigene, die westliche Zivilisation und Vergangenheit unterminieren. Oder will es ein Zufall, daß diejenigen, die sich Multikulturalisten nennen, dieselben sind, die gerne auch "Deutschland verrecke" skandieren? - Keine Chance somit, den eigenen Widerspruch zu reflektieren, den sie dort herstellen, wo sie im selben Moment, in dem sie nach Vielfalt trommeln, auch die Integration beschwören, also die Vereinheitlichung, die Wiederaufhebung der Vielfalt…

Diese war es auch nicht, was dem Westen einst die Freiheit in Sicherheit ermöglichte, sondern jene integrale Homogenität tat dies, die selbst den Kriminellen - den autochthonen Kriminellen - umfaßte, weswegen ihn der zitierte schwedische Staatsanwalt in den Worten beschrieb, "einer von uns, einer der unsere Standards teilt". Diese Homogenität konsolidiert und befriedet eine Gesellschaft; linke Experimente dagegen sind immer mit der Gefahr und ja, mit der Absicht der Auflösung des Autochthonen verbunden. Denn das Autochthone, das Gestandene, das "Bürgerliche", ist der Erzfeind des Utopischen.

Und so ist sie jetzt da, die Auflösung, die gesellschaftliche Desintegration, deren Schöpfer nun heuchlerisch nach Integration jaulen. Der allmähliche Rückzug der Freiheit, der sich dann zeigt, wenn Volksfeste martialisch abgesichert oder gleich abgesagt und Bilder abgehängt werden, oder wenn Karikaturen blutige Aufstände befürchten lassen müssen, bestätigt freilich auch jene nietzscheanische zurückbildende Wirkung des Verbrechens, von der hier anfangs die Rede war. Und ist es nicht ebenfalls eine kulturelle Zurückbildung, wenn Fahrkartenkontrolleure im einst sicheren Land jetzt mit Schlagstock und Pfefferspray bei ihren Kontrollen "unterstützt" werden müssen? Wenn der Inhalt von Geld- und Fahrscheinautomaten in sportlicher Häufigkeit per Sprengsatz entwendet wird; wenn privat und illegal beschlossene Autorennen in Innenstädten das Leben unbeteiligter opfern, oder (und dies ist gewiß kein Verbrechen, jedoch ein flagrantes Indiz von Mentalitätsferne) Hochzeitsfeiern auf Autoschnellstraßen diese lahmlegen und den nachfolgenden Verkehr in seltsamer Selbstverständlichkeit ignorieren? Wäre ein solches Maß der Anomie denkbar auch in der vom einstigen schwedischen Ministerpräsidenten Erlander favorisierten gesellschaftlichen Homogenität?

Doch das Zurückfahren der Zivilisation und des zivilisierten Miteinanders endet in der Barbarisierung, und auch Muster einer solchen sind schon im Umlauf. Mit Entsetzen erfüllt uns der Vollzug mancher Verbrechenstat, deren demonstrative Bestialität uns selbst die Beschreibung verbietet und Vorzivilisatorisches bekundet, das vor noch wenigen Jahren als in modernen Gesellschaften nicht mehr möglich gegolten hätte.

Die zwei Ebenen der Täterschaft

Zu Nietzsche nun zurückkehrend, der auf die zwei Ebenen des Verbrechens hingewiesen hatte, die Ebene des privaten Opfers und die des generellen Angriffs auf die angestammte Kultur, mag uns doch durchaus erscheinen, daß auch die Täterschaft zwei Ebenen bewohnt: die Ebene des individuellen neuen Verbrechers, wie ihn der schwedische Staatsanwalt Ahlstrand hier beschrieb, und die Ebene der Zerstörer jener Homogenität, welche den Gesellschaften die nun vermißte innere Sicherheit garantierte. Denn der Gang des neuen Verbrechers gegen den alten Frieden setzte ja mit der Verwirklichung der politischen Vielfaltsprogrammatik ein, wie sie seinerzeit Olof Palme für Schweden etablierte, und seine Kollegen im rasch danach sozialdemokratisierten Westen in ihren Ländern weiter.

Welche moralisch-historische Verwerflichkeit dieser letzteren Ebene der Täterschaft einmal zugeschrieben sein wird, möchten wir hier nicht voraus befinden. Unbenommen bleibt uns aber, unsere Gegenwart mit Spannung zu erleben, denn vieles spricht dafür, daß sie mit der Verarbeitung dieser Fehltritte bald beginnen könnte.

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Anmerkungen:

1. Aus www.gp.se, dem Online-Portal des Göteborg Posten, 21. 11. 2016. (Die Übersetzung ins Deutsche befindet sich leider nicht mehr im Netz)

2. "Schwedens liberale Flüchtlingspolitik am Scheideweg", heise.de, 23. 01. 2014




Gesinnung, Identität und Politische Korrektheit

Wem die Felle davonschwimmen, dem kann man eine gewisse Verwirrung nicht verdenken. Ein ganz besonderer Härtefall ist es aber dann, wenn derjenige noch dazu und allem Anschein zum Trotz behauptet, der Strom fließe in die entgegengesetzte Richtung als die, in die sein Hab und Gut hoffnungslos dahinschwindet.

In ähnlicher Sachlage läßt sich wohl die panmediale Groteske illustrieren, die von den publizistischen Pleitiers in Redaktions- und Meinungsforschungsstuben aufgeführt wird, wann immer sie ihre anhaltenden Prognosen- und Propagandadesaster schnell wieder wegschieben und sich die falsche Flußrichtung gegenseitig bestätigen. Mitleid mit diesem Personal könnte einen übermannen, wäre da nicht die Verwunderung darüber größer, wie rasch doch bei ihm nach jedem Versagen der alte Schlendrian wieder einkehrt als wäre nichts gewesen.

Ein heiteres Paradestück solchen Überdauerns des Blamablen führte die Publizistin Vera Lengsfeld am Beispiel des ARD-Korrespondenten in New York, Markus Schmidt vor, der nach dem Wahlsieg Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen im November 2016, einem Wahlergebnis, dem Schmidt und Ähnliche null Wahrscheinlichkeit zugesprochen hätten, noch immer mit seinen liebgewonnenen Bauklötzchen improvisierte: Für Trump hätten die weißen Männer und die Arbeitslosen gestimmt, Clinton dagegen hätten (man zähle auf!) die Schwarzen, die Hispanics, die Gebildeten und die Frauen gewählt. "Daß Hillary Clinton dann die Wahl mit Zweidrittelmehrheit hätte gewinnen müssen", resümiert Lengsfeld nüchtern in ihrem Blog, "fiel dem gestandenen Journalisten nicht auf. Solche Verheerungen können ideologische Vorurteile im Denken anrichten."1

Ja, das scheinen sie zu können. Oder ist vielleicht das Phänomen, das hier wie denkerische Unzulänglichkeit aussieht, am Ende anders zu benennen?

Starten wir den Versuch einer Annäherung an den möglichen Begriff, stehen wir zunächst vor einem Gesellschaftsbild. Es ist das Gesellschaftsbild von Markus Schmidt, dem ARD-Korrespondenten in New York. Nach diesem Bild wählen wahlberechtigte Eingewanderte links, da sie ja wissen, daß Linke für Einwanderung, "Populisten" aber gegen Einwanderung sind. Homosexuelle sind nach dem Gesellschaftsbild des ARD-Korrespondenten Anhänger der Genderideologie, weil sie "Zwangsheterosexualität" ablehnt; Frauen wählen Frauen, weil sie sich gegenseitig gegen das (weiße!) Patriarchat ermächtigen wollen. Man könnte diese Unhaltbarkeiten dem Herrn Korrespondenten auch als seine Meinung vorhalten, das Wort würde aber zu kurz greifen. Denn Meinungen könnten noch berichtigt werden, recht leicht und schmerzlos sogar.

Etwa die Meinung über das angebliche Wahlverhalten der Frauen: Schon im Jahr 2002 stellte der Schreiber dieser Worte in maskulist.de die Behauptung auf, "daß Frauen beim Wählen ihr Vertrauen an die maskuline Kompetenz trotz jahrzehntelanger Versuche ihrer Umerziehung aufrecht erhalten haben." ("Von der grundsätzlichen Inkompetenz des Feminismus und den Folgen ihrer sozialpolitischen Kompensation".) In den darauffolgenden Jahren konnte diese Auffassung regelrecht triumphieren. Nicht nur bei den satten Mißerfolgen der schwedischen sog. Fraueninitiative und anderer europäischer Frauenparteien, die allesamt zu einem politisch nichtigen Quasidasein verurteilt zu sein scheinen. Die mit mancher Peinlichkeit geschmückten Absetzungen von Frauen auf Landesebenen in dieser Republik (Ypsilanti, Simonis), die derben Schlappen Hillary Clintons, als Erste-Frau-Hoffnung für den US-Präsidententhron sowohl bei den Vorwahlen gegen Obama im Jahr 2008 als auch bei der erwähnten Präsidentschaftswahl gegen Donald Trump im November 2016, und nicht zuletzt der mühselig-knappe Wahlsieg Merkels zu ihrer ersten Amtszeit 2005 gegen einen extrem geschwächten Gegenkandidaten Schröder, dem zu jener Zeit (wegen gewisser Spar-Reformen) die eigene Wählerschaft davonlief, bestätigten in Abständen überaus die vorangestellte Behauptung. Mochten die Medien noch so lautstark ihre ermüdende Parole "Höchste-Zeit-für-eine-Frau-an-der-Macht" immer zur rechten Zeit angestimmt haben.

Nein, Frauen wählen nicht Frauen; die Feministinnenminderheit tut das, und ARD-Korrespondenten nennen sie "die Frauen". Warum tun sie das? Nun: Weil sie damit nicht ihre Meinung zum Ausdruck bringen wollen, sondern ihre Gesinnung dem öffentlichen Disput aufdrücken. Was ist Gesinnung?

Gesinnung ist Identität

Laut DUDEN ist Gesinnung "Haltung". Es heißt: "Haltung, die jemand einem anderen oder einer Sache gegenüber grundsätzlich einnimmt; geistige und sittliche Grundeinstellung eines Menschen." - Haltung, Grundeinstellung, das ist Charakter gewordene Unterweisung, das ist ein gutes Stück Identität.

Eine zu Charakter geronnene Katechese fungiert als Faktor jenseits kognitiver Einflüsse, sie wird weder von logischen Strukturen angesprochen, noch ist sie für jedwede Argumentation mehr erreichbar. Würden logische Argumente auf Identitäten so wirksam mit ihrer Evidenz einschlagen, wie auf den neutral erkennenden Verstand, würde das Wiederaustreten aus politischen Malheurs nicht ein Prozeß von Generationen sein (siehe UdSSR). Ein Prozeß von Generationen ist eine solche gesellschaftliche Restauration aber deswegen, weil zuvor so viele Identitäten in entscheidenden Institutionen Wurzel fassen müssen, bis sie anteilig stark genug sind, um dort Veränderung einzuleiten. (Wobei auch eine einzige solche Identität in einer Spitzenposition für eine Initiierung von Prozessen genügen kann.)

Daß es im politischen Kampf am Ende um Identitäten geht, also um das So-Sein der Gesellschaftsmitglieder und nicht etwa um ihre bloße Meinung, wird auch deutlich, sobald wir uns die Forderungen der etablierten politischen Ideologien genauer anschauen. Verweilen wir dabei ruhig weiter beim Feminismus: Er kam zunächst mit der Forderung nach gleichen Rechten für Frauen, etwa dem Recht, Fußballvereine zu gründen, und solche sind gegründet worden. Nehmen wir nun an, Sie, ein Leser dieser Zeilen, besorgen sich in politisch korrekter Absicht eine Eintrittskarte für ein solches Fußballspiel der Frauen (oder einen Frauenboxkampf, falls dies Ihnen lieber ist) und begeben sich in das Stadion, um damit mit dem Recht der Frauen auf den einschlägigen Wettkampf zu solidarisieren. Sie gehen nun davon aus, dem Feministen/der Feministin es damit rechtgemacht zu haben. Doch im anschließenden Gespräch mit einem/er solchen stellten Sie unschwer fest, daß sich diese Erwartung nicht so leicht erfüllt:

Wehe nämlich, Sie lassen durchblicken, daß Sie zwar das Recht der Frauen auf Fußball anerkennen und auch gern fördern, daß Sie aber bei einem Frauenwettkampf was Spannung und emotionale Herausforderung betrifft, nicht ein Gleiches empfinden, wie bei einer Männerpartie. Denn damit blieben Sie weiterhin ein SChBeG (Sexist, Chauvinist, Biologist und ewig Gestriger). Wir brauchen hier nicht die mentalen, psychologischen, anatomischen, biographischen, kulturellen und sonstigen Faktoren zu explorieren, die Ihr legitimes Empfinden schlüssig erklären und verteidigen könnten. Denn das wären Argumente, und Gesinnungen können mit solcher Deckung nichts anfangen. Sie wollen unser ganzes So-Sein bedingungslos bestimmen, wir müssen lernen anders zu fühlen, anders zu erleben, sprich anders zu sein; Ideologien (denn dasselbe ließe sich bei jeder anderen Ideologie des Mainstreams nachweisen) wollen unsere Identität, nichts weniger, unnachgiebig! Sie sind nicht mit unserer bloßen Billigung und Folgsamkeit zu befrieden, wie Gesetze, Verordnungen und Bräuche es sind. Sie wollen unsere Seele – das ist, was sie unmenschlich macht!

Die Politische Korrektheit als Angebot, das man nicht ausschlagen kann

Zu erwähnen ist allerdings, daß dieser Anspruch, unser Wesen einem mentalen Machwerk zu vermachen, das uns noch dazu nicht durch Evidenz, sondern allein durch seinen moralistischen Imperativ habhaft werden will, wohl auch von seinen Verfassern selbst als eine Zumutung angesehen wird, weswegen sie ein Zubehör gleich nachgeliefert haben, mit welchem man die abverlangte Loyalität auch ohne eigene Überzeugung simulieren kann. Die politisch korrekte Sprache erfüllt genau diesen Zweck. Mit ihrem Gebrauch signalisiert der Prüfling, daß von ihm keine Gefährdung des Systems ausgeht, und trägt zugleich dazu bei, den öffentlichen "Sprech" zugunsten der etablierten Theoreme zu prägen, ihren Subtext im Alltagsdiskurs zu konservieren und sich somit dem System, wenn auch nicht als zelotischer Jünger, dann mindestens als williger Multiplikator anzudienen. Politisch korrekte Sprache also als Schutzgeld, das man beim öffentlichen Auftreten zu entrichten hat, will man nicht - wie schon so viele - als Dissident abgekanzelt und als öffentliche Person erledigt werden.

Diese Politische Korrektheit war es, die auch aus der Aussage des ARD-Korrespondenten von weiter oben sprach, wonach die Schwarzen, die Hispanics, die Gebildeten und die Frauen Clinton gewählt hätten. Ob nun als Maske oder Gehalt, ob aus gründen des Selbstschutzes oder aus solchen der Überzeugung oder gar der Gewöhnung, fand hier lediglich eine Aufteilung der Gesellschaft nach recht exakt vorformatierten Bezogenheiten und Ursächlichkeiten, die als gegeben erachtet werden sollen, um die Weltbilder der Feministen, Multikulturalisten und Intellektualisten ("Gebildeten") zu bestätigen.

Noch recht harmlos eigentlich angesichts anderer Korrektheiten, die täglich unseren Verstand rüde beleidigen: Etwa wenn sie die westliche aufklärerische Kultur als das Unglück der Erde darstellen, wenn sie die Integration unkontrolliert Eingewanderter aus Gegenden, in denen Eltern schon mal ihr Kind wegen einer vorehelichen Beziehung lebendig begraben, als Bereicherung des Westens und seine historische Aufgabe definieren, oder wie neuerdings fieberhafte und teure Sicherheitsvorkehrungen vor öffentlichen Massenveranstaltungen aufgrund der Befürchtung migrantischer Kriminalität veranlassen, aber gleichzeitig beteuern, das Land sei super sicher gerade wegen (Achtung: steiles Gefälle!) seiner Offenheit diesen Eingewanderten gegenüber!

Wer die Lüge sät…

Freilich verrät solcher Mißbrauch der Semantik die großen Defizite linker Gesinnungen in der Wahrnehmung und Darstellung des Wesentlichen und Faktischen. Und das ist ein Grund des sicheren Scheiterns ihrer Manifestationen.

Doch mittendrin zeigt sich gerade, daß die durch die politische Falschsprache ausgeleierte Redlichkeit (kommt nicht zufällig von "reden") Diskursambivalenzen erzeugt, die alle Verlautbarungen derart entkernen, daß nicht einmal mehr eine Umfrage das ist, was sie mal war. Denn ein gelenkter Diskurs, der Meinungen einschüchtert, wird am Ende gewiß auch die Meinungsforschung soweit verfremden, bis niemand mehr weiß, ob der ARD-Kommentator, der zum Erhalt seines guten Jobs die Politik der Kanzlerin vollen Lobes referiert, nicht am Ende die AfD wählen geht. Wer Schutzgelder eintreibt, kann nicht zugleich Vertrauen einfordern, und wer in der Sprache die Lüge installiert, wird bald auch selbst belogen sein.

In diesem Verunsicherungsmodus und eifrig danach, jedes Fettnäpfchen auch zu betreten, das sich die Genossen selbst hingestellt haben, laufen zur Zeit seitens der fragwürdigen politischen "Elite" unter den Anglizismen "Hate Speech" und "Fake News" hektische Versuche, die "richtige" Zensur von den "falschen" zu isolieren. Das heißt, dieselben, die in der verlogenen Politischen Korrektheit einen "Fake Speech" installierten, erdreisten sich, uns von den von ihnen selbst definierten "Fake News" zu "schützen". Womit sie nicht rechnen, was ihnen aber im gerade begonnenen Wahljahr sauer aufstoßen wird, ist, daß sie sich dadurch dem inhaltlichen Disput ausliefern, vor welchem sie sich bislang durch ihren "Fake Speech", die Politische Korrektheit, drücken konnten. Wohlan also, Genossen!

Ab 2017: Kampf der Identitäten

Viel klarer beim Verstand und im Konzept dagegen zeigt sich erfreulicherweise die Gegenseite. Sie bleibt konsequent beim eigentlichen Problem, wie dieses weiter oben aufgezeigt wurde: Es findet ein Kampf der Identitäten statt. Oktroyierte Gesinnungsidentitäten gegen natur-, sprich historisch gewachsene. Gemeinsame Geschichte, gemeinsame Kultur und aus ihnen entwickelte Mentalität sind Berührungspunkte, die ein kohärentes Wir, ein solides kollektives So-Sein, das sich daher ein Volk nennen darf, zusammensetzen. Mögen Begriffe wie Heimat und Abendland dem modernistischen politischen Katecheten als verrucht vordefiniert sein, ihre konstituierende Kraft, die gezielt auf dem Gemeinsamen und Homogenen statt auf einer zersplitternden Diversität baut, lebt.

Es lebt und flackert daher immer wieder im Disput auch das eine Wort, um das es geht, und das sich junge Bewegungen wie die Identitären im Namen festgeschrieben haben: Identität. Um diesen Begriff formiert sich der politische Kampf der Gegenwart. Und nicht besser kann man heute die Unterscheidung auslegen, die sich einst in links und rechts aussprach, als eine zwischen ideologisch aufgezwungenen und organisch gewachsenen Identitäten. Und sollte das auch ein wenig nach Kulturchauvinismus anmuten, so entspannt euch, ihr Guten unter der Sonne: Ein gesundes Maß davon sollte sich die Zivilisation angesichts des morbiden Atavismus, der sich gegenwärtig in aller Welt mordend gegen sie stellt, erlauben dürfen.

In diesen Gedanken soll das gerade angetretene Jahr gegrüßt sein. Und eine anständige Neujahrsansprache hatten wir auch schon (siehe Video unten)!

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Anmerkungen:

1. Vera Lengsfeld, "Mauerfall in den USA"