Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Menschliche und seine Verächter

22. 10. 2017 | Gesellschaft und Politik

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Wenn ich empfinde,
Für das Gefühl, für das Gewühl
Nach Namen suche, keinen finde,
Dann durch die Welt mit allen Sinnen schweife,
Nach allen höchsten Worten greife,
Und diese Glut, von der ich brenne,
Unendlich ewig, ewig nenne…
                        – Goethes Faust

Betrachtet man die Konnotationen des Wortes “menschlich” im heutigen Sprachgebrauch, fallen einem zwei Verwendungsweisen auf: Nach der ersten wird jemand “menschlich” im Sinne von “human” genannt, nur mit eindeutig sentimentaler Gewichtung. Er wird von dem Gefühl des Mitleidens bis hin zu selbstlosem Einsatz bestimmt; er ist hilfreich und edel, oder jedenfalls erzeugt er gerne dieses Bild von sich. Als menschlich gilt demnach, wer vor lauter Rührseligkeit Tränen bei traurigen Filmszenen hervorbringt oder an seiner gefühlsmäßigen Anteilnahme an den Leiden der Welt selber leidet oder solches vorgibt. Zweitens wird menschlich als Synonym des Unzulänglichen verwendet, als Faktor für Verfehlen und Versagen. Das berühmt-berüchtigte “menschliche Versagen” ist hier schnell am Zuge, oder eine irre Verzweiflungstat wird rhetorisch mit dem Vermerk rehabilitiert, menschlich könne man sie aber nachvollziehen.

Halten wir hier an und betrachten diese beiden Tendenzen etwas eingehender, zeigt sich schnell eine gemeinsame inhaltliche Intention. Im ersten Fall wird das Menschliche allein auf der Gefühlsebene verortet und dort qualifiziert und bejaht. Das Gefühl adelt, menschlich ist hier gut. Im zweiten Fall, im Fall einer falschen Entscheidung oder Reaktion, beurteilen wir einen Willens- oder Denkvorgang; wir befinden uns auf der geistigen Ebene. Doch Wille und Denken versagen. Menschlich ist hier schlecht, gar gefährlich, jedenfalls mangelhaft.

Diese Gegenüberstellung vermag plakativ zu zeigen, worin der heutige, vorgeblich hoch individualisierte und luzid aufgeklärte westliche Mensch als Kollektiv tatsächlich noch steckt: Tief im Freudschen Es des Empfindens und der ihn nötigenden Befindlichkeiten wälzt er sich wie ein draufgängerischer Goldgräber trachtend nach Befriedigung seiner menschelnd-moralistischen Selbstgefälligkeit. Oder haben wir schon mal gehört, daß eine geistige Großtat, ein Meisterwerk, eine uns allen zugute kommende geniale Entdeckung das Prädikat “menschlich” bekommen hat?

Dabei ist bekanntlich Genius weitaus exklusiver menschlich als alle Empfindungshörigkeit, die ja auch Erdmitbewohner mit uns teilen, denen wir keinen Geist, keinen Genius zusprechen würden.

Ist einmal diese Scheu vor dem Geistigen als Grundtendenz der gegenwärtigen Kultur erkannt, treten einem auch die Wirkungen dieser Aversion in den verschiedenen Gebieten des gesellschaftlichen Baus in Erscheinung: in der Kunst, in der Bildung, in der Politik. Es ist dann auch ein Leichtes, das Gesinnungslager auszumachen, das dieses prämentale Wesen des Empfindungsmenschlichen vornehmlich trägt und pflegt, und damit die Bildung verflacht, die Kunst entzaubert, die Technik verdammt und behindert, die Logik in die intellektualistischen Bockshörner neuer “Wissenschaften” jagt und die Politik moralisiert und emotionalisiert. Beachtenswert hierzu ist übrigens, daß die neue rechtskonservative Partei “Alternative für Deutschland” es ist, die zu ihren Absichten auch die Rückkehr in die “humanistisch” genannte Bildung erklärt hat, das ist kurz gesagt das frühere Bildungsprinzip, das darauf abzielte, den Geist des Schülers selbst zu bilden und ihn nicht bloß als selbstlosen Anbieter der Intelligenz aufzufassen, die man zur Erlernung der verschiedenen Sachgebiete braucht (Ausbildung) , ohne selbst eigenes Wesen und eigene Zuwendung zu beanspruchen (Geistesbildung).

Wir sehen also, daß die kurze Auseinandersetzung mit den zwei Anwendungen des Begriffes “menschlich” uns auch in die Kompetenz versetzt, ein zuverlässig geltendes Differenzierungsprinzip zwischen den politischen Lagern links und rechts auszumachen.

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