Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
« ZURÜCK

Das Menschliche und seine Verächter

22. 10. 2017 | Gesellschaft und Politik

PRINT

Es stünde nun die Frage nach den Gründen im Raume, die diese Geistesscheu im sogenannten linksliberalen Establishment verursachen. Wir wollen diese Frage beantworten, allerdings ohne hier eine geschichtsphilosophische Analyse des aufkommenden Materialismus in der Geistesgeschichte und seiner geistfeindlichen Aspekte zu unternehmen, denn das würde den Rahmen dieser Anmerkung sprengen. Es genügt aber auch zu unserem hiesigen Zweck durchaus, einige Funktionen und Voraussetzungen des Geistes herauszustellen, die deutlich werden lassen, warum die genannte Gesinnungskaste keine allzugroße Freundschaft mit der Evolutionskrone des Menschen pflegen kann.

1. Die Grundfunktion des individuellen Geistes (also der menschlichen Vernunft) und das ist warum er in den klassischen Allegorien gerne mit einem Schwert verglichen wird, ist das Scheiden, also das Unterscheiden, das Diskriminieren. Sein Grundgerüst (die Logik) untersucht zwecks Erkennens immer als Erstes, ob die zu untersuchenden Parameter oder Gegenstände gleich oder ungleich sind. Ohne diese Festlegung funktioniert kein Verstand.

2. Sein eminenter Effekt auf seinen Träger, den Menschen, besteht im Darbieten einer zentralen Instanz, die alle mentalen und psychischen Regungen und Ereignisse zu einer einheitlichen Reflektion konzentriert, die wir als unser Ich erfahren, als unsere Identität. Der Geist ist also vom Wesen her höchst identitär, wobei seine genannte diskriminierende Tendenz in der Unterscheidung zwischen Ich und allem anderen, allem Nicht-Ich, sogar ihre Zuspitzung erfährt.

3. Der Geist ist vollkommen frei! Freiheit ist für den Geist nicht bloß ein erstrebenswerter Zustand, wie etwa eine Tugend, nein, die Freiheit ist das Medium, in dem er nur agieren kann. Sie ist das, was für den Fisch das Wasser und fürs Federvieh die Lüfte sind. Wird die Freiheit abgeschafft, macht sich auch der Geist von dannen, und es gibt doktrinäre unfreie Kulturkreise, die ihn schon ganze Jahrhunderte verbannt haben... Weil nun der Geist nur vollkommen frei agieren kann, kann er auch Sprachregelungen, die ihm aufgedrängt werden, nicht als eigene Ergebnisse ausgeben. Das wiederum konterkariert alle politische Korrektheit.

Diese unbequemen Positionen dürften genügen, um das spannende Verhältnis zwischen dem Geist und der oben genannten Gesinnungsklientel zu erklären. Und dieser Sachverhalt vermag zugleich einen Erfolgsfaktor jener letzteren aufzuzeigen, denn ihre angewandte Geistesächtung harmoniert mit der allgemeinen Geistesscheu und jener Aufwertung des Gefühls und der Empfindung, die – wie gesehen - der moderne Europäer hegt.

Übrig für beide bleibt ein ausgetrockneter ertragsarmer Intellekt, der seine immer halsbrecherischer lautenden Formulierungen zur Festlegung der neu zu schaffenden gesellschaftlichen Ordnung seine neuen “Wissenschaften” nennt. Dem Zerfall des Denkens, der sich in den Leistungen des entsprechend befallenen Bildungssystems auch bereits zeigt, wird das goldene Kalb der moralischen Selbsterhöhung entgegengestellt, um welches hysterisierte Gutmenschenmassen ihre Ausdruckstänze im Reigen vorführen. Fragen der Vernunft, die das “bunte” Desaster zu charakterisieren und aufzuzeigen versuchen, sind “populistisch”, die diese Stellenden: Ewiggestrige, Abgehängte, vernachlässigbare Störenfriede.

Hier stehen wir gerade. Doch wir müssen anders! Es ist nicht menschlich, den Verstand auszuschalten, und schon gar nicht gut - sei dem Gutmenschen gesagt. Die Probleme der Welt werden in dem Maße gelöst, in dem sich der Mensch primär als das begreift, was in ihm will und denkt, und nicht als das, was kuscht, leidet und sich fürchtet. Wer guter Mensch sein will, muß entsprechend eine Politik präferieren, die dem Eigenen auch Willen und Interessen zugesteht, nicht bloß einen bedepperten Altruismus, der das Land zu einem Weltsanatorium verwandelt, das schnurstracks in die Pleite fährt.

Der Geist, das exklusiv und vornehmlich Menschliche ist das einzige Wesen, an dem die Welt genesen könnte - nicht die politisierte Rührseligkeit des Gutmenschen. Kulturen erlebten dort ihre Höhepunkte, wo sie dieses allein dem Menschen zukommende Erbe, die Ehre und Bürde Geist zu sein, als die kostbarste und erquicklichste Selbstwahrnehmung pflegten. Manche Kulturen waren und sind weit davon entfernt. Helfen kann man ihnen jedoch nicht, indem man sie bemitleidet oder als edelwild verhätschelt, sondern indem man ihnen stringent und mit null Toleranz die Dringlichkeit, ja den Zwang spüren läßt, in westlichen Gebieten die geistigen Werte anzunehmen und zu respektieren, die dem Westen seine Freiheit schenkten.

PRINT

Seiten: 1 2