Das Menschliche und seine Verächter

Wenn ich empfinde,
Für das Gefühl, für das Gewühl
Nach Namen suche, keinen finde,
Dann durch die Welt mit allen Sinnen schweife,
Nach allen höchsten Worten greife,
Und diese Glut, von der ich brenne,
Unendlich ewig, ewig nenne…
                        - Goethes Faust

Betrachtet man die Konnotationen des Wortes "menschlich" im heutigen Sprachgebrauch, fallen einem zwei Verwendungsweisen auf: Nach der ersten wird jemand "menschlich" im Sinne von "human" genannt, nur mit eindeutig sentimentaler Gewichtung. Er wird von dem Gefühl des Mitleidens bis hin zu selbstlosem Einsatz bestimmt; er ist hilfreich und edel, oder jedenfalls erzeugt er gerne dieses Bild von sich. Als menschlich gilt demnach, wer vor lauter Rührseligkeit Tränen bei traurigen Filmszenen hervorbringt oder an seiner gefühlsmäßigen Anteilnahme an den Leiden der Welt selber leidet oder solches vorgibt. Zweitens wird menschlich als Synonym des Unzulänglichen verwendet, als Faktor für Verfehlen und Versagen. Das berühmt-berüchtigte "menschliche Versagen" ist hier schnell am Zuge, oder eine irre Verzweiflungstat wird rhetorisch mit dem Vermerk rehabilitiert, menschlich könne man sie aber nachvollziehen.

Halten wir hier an und betrachten diese beiden Tendenzen etwas eingehender, zeigt sich schnell eine gemeinsame inhaltliche Intention. Im ersten Fall wird das Menschliche allein auf der Gefühlsebene verortet und dort qualifiziert und bejaht. Das Gefühl adelt, menschlich ist hier gut. Im zweiten Fall, im Fall einer falschen Entscheidung oder Reaktion, beurteilen wir einen Willens- oder Denkvorgang; wir befinden uns auf der geistigen Ebene. Doch Wille und Denken versagen. Menschlich ist hier schlecht, gar gefährlich, jedenfalls mangelhaft.

Diese Gegenüberstellung vermag plakativ zu zeigen, worin der heutige, vorgeblich hoch individualisierte und luzid aufgeklärte westliche Mensch als Kollektiv tatsächlich noch steckt: Tief im Freudschen Es des Empfindens und der ihn nötigenden Befindlichkeiten wälzt er sich wie ein draufgängerischer Goldgräber trachtend nach Befriedigung seiner menschelnd-moralistischen Selbstgefälligkeit. Oder haben wir schon mal gehört, daß eine geistige Großtat, ein Meisterwerk, eine uns allen zugute kommende geniale Entdeckung das Prädikat "menschlich" bekommen hat?

Dabei ist bekanntlich Genius weitaus exklusiver menschlich als alle Empfindungshörigkeit, die ja auch Erdmitbewohner mit uns teilen, denen wir keinen Geist, keinen Genius zusprechen würden.

Ist einmal diese Scheu vor dem Geistigen als Grundtendenz der gegenwärtigen Kultur erkannt, treten einem auch die Wirkungen dieser Aversion in den verschiedenen Gebieten des gesellschaftlichen Baus in Erscheinung: in der Kunst, in der Bildung, in der Politik. Es ist dann auch ein Leichtes, das Gesinnungslager auszumachen, das dieses prämentale Wesen des Empfindungsmenschlichen vornehmlich trägt und pflegt, und damit die Bildung verflacht, die Kunst entzaubert, die Technik verdammt und behindert, die Logik in die intellektualistischen Bockshörner neuer "Wissenschaften" jagt und die Politik moralisiert und emotionalisiert. Beachtenswert hierzu ist übrigens, daß die neue rechtskonservative Partei "Alternative für Deutschland" es ist, die zu ihren Absichten auch die Rückkehr in die "humanistisch" genannte Bildung erklärt hat, das ist kurz gesagt das frühere Bildungsprinzip, das darauf abzielte, den Geist des Schülers selbst zu bilden und ihn nicht bloß als selbstlosen Anbieter der Intelligenz aufzufassen, die man zur Erlernung der verschiedenen Sachgebiete braucht (Ausbildung) , ohne selbst eigenes Wesen und eigene Zuwendung zu beanspruchen (Geistesbildung).

Wir sehen also, daß die kurze Auseinandersetzung mit den zwei Anwendungen des Begriffes "menschlich" uns auch in die Kompetenz versetzt, ein zuverlässig geltendes Differenzierungsprinzip zwischen den politischen Lagern links und rechts auszumachen.

Es stünde nun die Frage nach den Gründen im Raume, die diese Geistesscheu im sogenannten linksliberalen Establishment verursachen. Wir wollen diese Frage beantworten, allerdings ohne hier eine geschichtsphilosophische Analyse des aufkommenden Materialismus in der Geistesgeschichte und seiner geistfeindlichen Aspekte zu unternehmen, denn das würde den Rahmen einer Anmerkung über das Menschliche sprengen. Es würde aber zum selben Zweck durchaus genügen, einige Funktionen und Voraussetzungen des Geistes herauszustellen, die deutlich werden lassen, warum die genannte Gesinnungskaste keine allzugroße Freundschaft mit der Evolutionskrone des Menschen pflegen kann.

1. Die Grundfunktion des individuellen Geistes (also der menschlichen Vernunft) und das ist warum er in den klassischen Allegorien gerne mit einem Schwert verglichen wird, ist das Scheiden, also das Unterscheiden, das Diskriminieren. Sein Grundgerüst (die Logik) untersucht zwecks Erkennens immer als Erstes, ob die zu untersuchenden Parameter oder Gegenstände gleich oder ungleich sind. Ohne diese Festlegung funktioniert kein Verstand.

2. Sein eminenter Effekt auf seinen Träger, den Menschen, besteht im Darbieten einer zentralen Instanz, die alle mentalen und psychischen Regungen und Ereignisse zu einer einheitlichen Reflektion konzentriert, die wir als unser Ich erfahren, als unsere Identität. Der Geist ist also vom Wesen her höchst identitär, wobei seine genannte diskriminierende Tendenz in der Unterscheidung zwischen Ich und allem anderen, allem Nicht-Ich, sogar eine Zuspitzung erfährt.

3. Der Geist ist vollkommen frei! Freiheit ist für den Geist nicht bloß ein erstrebenswerter Zustand, wie etwa die vielerlei Tugenden, die er fördert, nein, die Freiheit ist das Medium, in dem er nur agieren kann. Sie ist das, was für den Fisch das Wasser und fürs Federvieh die Lüfte sind. Wird die Freiheit abgeschafft, macht sich auch der Geist von dannen, und es gibt doktrinäre unfreie Kulturkreise, die ihn schon ganze Jahrhunderte verbannt haben... Weil nun der Geist nur vollkommen frei agieren kann, kann er auch Sprachregelungen, die ihm aufgedrängt werden, nicht als eigene Ergebnisse ausgeben. Das wiederum konterkariert alle politische Korrektheit.

Diese unbequemen Positionen dürften genügen, um ein spannendes Verhältnis zwischen dem Geist und der oben genannten Gesinnungsklientel zu erklären. Und dieser Sachverhalt vermag zugleich einen Erfolgsfaktor jener letzteren aufzuzeigen, denn ihre angewandte Geistesächtung harmoniert mit der allgemeinen Geistesscheu und jener Aufwertung des Gefühls und der Empfindung, die – wie gesehen - der moderne Europäer hegt.

Übrig für beide bleibt ein ausgetrockneter ertragsarmer Intellekt, der seine immer halsbrecherischer lautenden Formulierungen zur Festlegung der neu zu schaffenden gesellschaftlichen Ordnung seine neuen "Wissenschaften" nennt. Dem Zerfall des Denkens, der sich in den Leistungen des entsprechend befallenen Bildungssystems auch bereits zeigt, wird das goldene Kalb der moralischen Selbsterhöhung entgegengestellt, um welches hysterisierte Gutmenschenmassen ihre Ausdruckstänze im Reigen vorführen. Fragen der Vernunft, die das "bunte" Desaster zu charakterisieren und aufzuzeigen versuchen, sind "populistisch", die diese Stellenden: Ewiggestrige, Abgehängte, vernachlässigbare Störenfriede.

Hier stehen wir gerade. Doch wir müssen anders! Es ist nicht menschlich, den Verstand auszuschalten, und schon gar nicht gut - sei dem Gutmenschen gesagt. Die Probleme der Welt werden in dem Maße gelöst, in dem sich der Mensch primär als das begreift, was in ihm will und denkt, und nicht als das, was kuscht, leidet und sich fürchtet. Wer guter Mensch sein will, muß entsprechend eine Politik präferieren, die dem Wahlvolk Willen und Interessen zugesteht, nicht bloß einen bedepperten Altruismus, der das Land zu einem Weltsanatorium verwandelt, das schnurstracks in die Pleite fährt.

Der Geist, das exklusiv und vornehmlich Menschliche ist das einzige Wesen, an dem die Welt genesen könnte - nicht die politisierte Rührseligkeit des Entwicklungshelfers. Kulturen erlebten dort ihre Höhepunkte, wo sie dieses allein dem Menschen zukommendes Erbe, die Ehre und Bürde Geist zu sein, als die kostbarste und erquicklichste Selbstwahrnehmung pflegten. Manche Kulturen waren und sind weit davon entfernt. Helfen kann man ihnen jedoch nicht, indem man sie bemitleidet oder als edelwild verhätschelt, sondern indem man ihnen stringent und mit null Toleranz die Dringlichkeit, ja den Zwang spüren läßt, die geistigen Werte anzunehmen und zu respektieren, die dem Westen seine Freiheit schenkten.