Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Eine kleine Verschwörungstheorie oder warum es “Lügenpresse” heißt

28. 08. 2016 | Gesellschaft und Politik

Das politische Personal parlamentarischer Demokratien steht dem Volk gegenüber, und gegenüber beginnt mit “gegen”. Das Volk, jene historisch/geographisch zusammengewachsene Schicksalsgemeinschaft, die den Staat bestellt, verbleibt der rechtmäßige Ursprung und Träger aller politischen Macht, und dies erzeugt leicht bei seinen temporären Vertretern eine Art von Widerstreben. Ausgehend von diesem
anfänglichen Mindestmaß an - zunächst vielleicht latenter - Antipathie der politischen Klasse gegen das eigene Volk, stellt sich die Frage, auf welchem Weg sich diese Animosität nähren und entfalten könnte, um einmal das Verhältnis zwischen der politischen “Elite” und der “Bevölkerung” entscheidend zu belasten.

Der genetische Punkt solcher Entwicklung wäre wohl in jener Dichotomie der Wählerpopulation zu vermuten, die den politischen Parteien schon mit der Einrichtung des allgemeinen Wahlrechts mitgeliefert wurde: der Dichotomie zwischen Habenden und Bedürfenden, zwischen Wohlstand und Mangel. Unter den Labels spezieller Gerechtigkeiten wie Sozialgerechtigkeit oder Leistungsgerechtigkeit entzweite sich das Wahlvolk ein erstes Mal a priori, und die Divergenz wurde in die Form jenes grundlegenden gesellschaftlichen Widerstreits zwischen links und rechts gegossen. Dieser Prozeß setzte sich alsdann durch weitere Modifikationen dieser Differenz fort, welche aus den privat-biographischen und weltanschaulichen Positionen und Interessen innerhalb beider ursprünglichen Gruppen resultierten und aus weiteren gesellschaftlichen Fragestellungen, die verschiedene Bewegungen in Abständen formulierten: Fragen zu den Geschlechtern, zu der ökologischen Umwelt, zum Umgang mit Kultur, mit Einwanderung oder Fragen über Wesen und Rolle der Kunst.

Nicht lange mußte es dauern, bis ein kaum überschaubares Geflecht aus Willensstrukturen sich in das politische Geschehen mit differierenden Interessenvertretungen, Verbänden, Initiativen, zivilgesellschaftlichen Konstitutionen und sogenannten Nichtregierungsorganisationen aller Couleur hineinwucherte, während sich der Souverän als ursprünglicher Träger aller Kompetenz und Legitimation von Politik durch den Dschungel der Dichotomien, den die Parteien, der Macht der Spaltung bewußt gern annahmen, immer mehr abstrahierte und aus dem Gesichtsfeld seiner vorgeblichen Vertreter letztlich verschwand. An sich ein in der Natur der Sache liegendes Risiko, ist man bereit zuzugestehen. Doch das besonders Fatale unserer Zeit lag in einer ganz anderen Konstellation, durch welche die Entfremdung der politischen Kaste von ihrem eigentlichen Auftraggeber erst recht zu ihrer Vollendung fand.

Das Mutieren der Vierten Gewalt zum zweiten Volk

Nachdem hier mit besonderem Nachdruck all die (wenigen) wissenschaftlich sachkundigen und ihr Berufsethos auch vor dem eigenen Gesinnungsgefälle bewahrenden und oft sogar noch literarisch hervortretenden Journalisten, die einem bekannt sein mögen, vom folgenden Urteil ausgenommen werden, erlauben wir uns, die verbleibende Masse der Akkordschreiberlinge im geistunbeschienenen Unterholz des Blätterwaldes - zuzüglich ihresgleichen in den sonstigen Medienanstalten - einen Ausbund hochambitionierter Vermessenheit mit entsprechendem Frustrationspotential zu nennen. Frustration? Nun: Jemand, der mit Schreiben, dieser eminent zivilisatorischen Kommunikationsfertigkeit, seinen Unterhalt verdient, doch wissend, daß nach seinem beruflichen Abtreten und einem Schriftenkonvolut, das möglicherweise mehr als das Gesamtwerk mehrerer Weltliteraten auf die Waage bringt, kaum jemand seine Texte kennen wollen wird; daß sein ephemeres Schaffen im Reich der Ephemeriden so viel der geistigen Menschheit bedeutet wie ein Papierlampion der Astronomie, der kann durchaus ein Problem mit seinem Selbstverständnis bekommen.

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