Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
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Eine kleine Verschwörungstheorie oder warum es “Lügenpresse” heißt

28. 08. 2016 | Gesellschaft und Politik

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Außer, man rottet sich zum Verbund der Welterzieher und -erretter zusammen und übernimmt vehement und eins zu eins jede Rolle, die eine ebenso ephemere Bildungselite für die nagende Eitelkeit schrieb, die auf großer Bühne Gewissen spielen möchte. Der “Gutmensch” ist ein journalistischer Komplex.

Und seine Bühne wurde wirklich groß! Die technischen Neuerungen in Kommunikation und Medienwesen hatten bereits in der Vor-Internet-Zeit eine weltweite Agora, eine gewaltige Verkündungsplattform entstehen lassen, in die bald dasselbe Element hineindrängte, das auch den berüchtigten “Marsch durch die Institutionen” angetreten hatte. Auf dieser Bühne stolzierten die Medienvertreter jahrzehntelang und imponierten nicht nur mit ihrer andressierten Moral und der ihnen verliehenen Meinungsmacht. Sie lebten, gewissermaßen therapeutisch, auch jenes eben beschriebene Selbstwertproblem, nennen wir es hier mal die journalistische Bitterkeit, ausgiebig aus, nicht zuletzt indem sie mit Lust Formen tradierter Größe herabsetzten oder diffamierten. (Es sei nebenbei gesagt, daß sie diese Tatkraft mit dem modernen Künstlertum dort teilen, wo letzteres, unfähig zu eigener Produktivität und zumeist auf Staatskosten, seinen ehrgeizigen Unfug mit den Werken wehrloser Verstorbener betreibt.) Somit entwickelte sich parallel zu der Abneigung der Politik gegen das eigene Volk auch eine solche gegen den eigenen kulturellen Hintergrund, gegen die Brillanten und Tüchtigen der Vergangenheit – “Fack ju Göhte” bringt diese Tendenz orthographisch-anschaulich auf den Punkt, wenn es sich auch hier womöglich um eine bloß humoristische Huldigung an die beschriebene Zeitgeistlaune handeln mag – das Werk ist mir nicht bekannt.

Und freilich befindet sich diese Abneigung, wie statistische Erhebungen zur journalistischen Gesinnungslage immer wieder kundtun, in fruchtbarer Wechselbeziehung mit jenem Überwindungs- ja, Vernichtungswillen linker Ideologie, die das westliche – im Kontext “bürgerlich” genannte – kulturelle Erbe stets aggressiv anfällt. Wie aber würde man die leibhaftige Manifestation der eigenen kulturellen Kontinuität anders nennen als ebenfalls “das Volk”?

Hier dämmert also eine unheimliche Verwandtschaft auf, die Politik und Medien gemeinsam kennzeichnet (oder sollten wir stigmatisiert sagen?), und dieses Bündnis wurde im Laufe der zwei letzten Dekaden funktionell: Die Medien verdrängten immer mehr das Volk ins Randdasein einer suggerierten Minderheit aus wenigen “Ewiggestrigen”, die den alten rückständigen “Stammtisch” bedienten, und setzten sich selbst an seine Stelle als “tolerantes”, “weltoffenes”, “gendergerechtes”, “Nachhaltigkeit” anstrebendes etc. Progressistenvolk. Auf diesen Sachverhalt wurde hier schon einmal mit den Worten hingewiesen: “Diese Konstruktion eines virtuellen Volkes inklusive Meinung ist die wesenhafte Lüge, der man die Medien bezichtigen muß, und sie ist schwerwiegender als jede vereinzelte Desinformation oder Halbwahrheit, zu welcher Journale je gegriffen haben mögen.“1

Die Politik nun – zumal und zuallererst die linke – übernahm dankbar das Als-ob-Volk und seine “veröffentlichte Meinung” und ging dazu über, alle Reflexe des medialen Mainstreams als die der tatsächlichen Bevölkerung auszugeben. Sie befolgte somit die Anweisungen volksfremder linker Ideen, also der eigenen Agenda, die sie jedoch wie reinen Volkswillen behandeln durfte, wie den Willen eines tatsächlich existierenden Volkes, das nur danach strebte, bunt, weltoffen, feministisch und mit allen restlichen Wassern der politischen Korrektheit gewaschen zu sein. Damit manifestierten die Medien die Hegemonie der Linken mitten in einem Volk, das ganz anders dachte und fühlte, das aber, solange sein Wohlstand und seine innere Sicherheit nicht gefährdet waren, der listigen Einschmeichelung von Presse und Rundfunk zumeist gern erlag, mit ihnen gemeinsam ein progressives Wir zu bilden.

Dagegen mußten sich die Konservativen, um im gleichen Komfort teilzuhaben, einem Linksruck unterziehen; dies wurde ihnen als quasi schicksalhaft angetragen, und sie gaben der Forderung nach. Damit hatte das Verheeren seinen Fuß über ihre Schwelle gesetzt. In der Folge begannen überzeugt konservative Kräfte ihre politische Laufbahn zu canceln, während die Marschierer durch die Institutionen immer mehr in die einst konservativen Körperschaften eindrangen. Nur eine stark reflektierende Führung mit einem stabilen politischen Charakter hätte einen Befreiungsschlag gegen den Sog in Gang setzen können. Die “kühn kalkulierende Physikerin” der Medien, aber in Wirklichkeit politisch naiv und instinktiv agierende Merkel, die Kanzlerin der Journalisten, wurde dagegen in dieser Situation zum größten Pech ihrer Partei.

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