Eine kleine Verschwörungstheorie oder warum es “Lügenpresse” heißt

Das politische Personal parlamentarischer Demokratien steht dem Volk gegenüber, und gegenüber beginnt mit "gegen". Das Volk, jene historisch/geographisch zusammengewachsene Schicksalsgemeinschaft, die den Staat bestellt, verbleibt der rechtmäßige Ursprung und Träger aller politischen Macht, und dies erzeugt leicht bei seinen temporären Vertretern eine Art von Widerstreben. Ausgehend von diesem
anfänglichen Mindestmaß an - zunächst vielleicht latenter - Antipathie der politischen Klasse gegen das eigene Volk, stellt sich die Frage, auf welchem Weg sich diese Animosität nähren und entfalten könnte, um einmal das Verhältnis zwischen der politischen "Elite" und der "Bevölkerung" entscheidend zu belasten.

Der genetische Punkt solcher Entwicklung wäre wohl in jener Dichotomie der Wählerpopulation zu vermuten, die den politischen Parteien schon mit der Einrichtung des allgemeinen Wahlrechts mitgeliefert wurde: der Dichotomie zwischen Habenden und Bedürfenden, zwischen Wohlstand und Mangel. Unter den Labels spezieller Gerechtigkeiten wie Sozialgerechtigkeit oder Leistungsgerechtigkeit entzweite sich das Wahlvolk ein erstes Mal a priori, und die Divergenz wurde in die Form jenes grundlegenden gesellschaftlichen Widerstreits zwischen links und rechts gegossen. Dieser Prozeß setzte sich alsdann durch weitere Modifikationen dieser Differenz fort, welche aus den privat-biographischen und weltanschaulichen Positionen und Interessen innerhalb beider ursprünglichen Gruppen resultierten und aus weiteren gesellschaftlichen Fragestellungen, die verschiedene Bewegungen in Abständen formulierten: Fragen zu den Geschlechtern, zu der ökologischen Umwelt, zum Umgang mit Kultur, mit Einwanderung oder Fragen über Wesen und Rolle der Kunst.

Nicht lange mußte es dauern, bis ein kaum überschaubares Geflecht aus Willensstrukturen sich in das politische Geschehen mit differierenden Interessenvertretungen, Verbänden, Initiativen, zivilgesellschaftlichen Konstitutionen und sogenannten Nichtregierungsorganisationen aller Couleur hineinwucherte, während sich der Souverän als ursprünglicher Träger aller Kompetenz und Legitimation von Politik durch den Dschungel der Dichotomien, den die Parteien, der Macht der Spaltung bewußt gern annahmen, immer mehr abstrahierte und aus dem Gesichtsfeld seiner vorgeblichen Vertreter letztlich verschwand. An sich ein in der Natur der Sache liegendes Risiko, ist man bereit zuzugestehen. Doch das besonders Fatale unserer Zeit lag in einer ganz anderen Konstellation, durch welche die Entfremdung der politischen Kaste von ihrem eigentlichen Auftraggeber erst recht zu ihrer Vollendung fand.

Das Mutieren der Vierten Gewalt zum zweiten Volk

Nachdem hier mit besonderem Nachdruck all die (wenigen) wissenschaftlich sachkundigen und ihr Berufsethos auch vor dem eigenen Gesinnungsgefälle bewahrenden und oft sogar noch literarisch hervortretenden Journalisten, die einem bekannt sein mögen, vom folgenden Urteil ausgenommen werden, erlauben wir uns, die verbleibende Masse der Akkordschreiberlinge im geistunbeschienenen Unterholz des Blätterwaldes - zuzüglich ihresgleichen in den sonstigen Medienanstalten - einen Ausbund hochambitionierter Vermessenheit mit entsprechendem Frustrationspotential zu nennen. Frustration? Nun: Jemand, der mit Schreiben, dieser eminent zivilisatorischen Kommunikationsfertigkeit, seinen Unterhalt verdient, doch wissend, daß nach seinem beruflichen Abtreten und einem Schriftenkonvolut, das möglicherweise mehr als das Gesamtwerk mehrerer Weltliteraten auf die Waage bringt, kaum jemand seine Texte kennen wollen wird; daß sein ephemeres Schaffen im Reich der Ephemeriden so viel der geistigen Menschheit bedeutet wie ein Papierlampion der Astronomie, der kann durchaus ein Problem mit seinem Selbstverständnis bekommen.

Außer, man rottet sich zum Verbund der Welterzieher und -erretter zusammen und übernimmt vehement und eins zu eins jede Rolle, die eine ebenso ephemere Bildungselite für die nagende Eitelkeit schrieb, die auf großer Bühne Gewissen spielen möchte. Der "Gutmensch" ist ein journalistischer Komplex.

Und seine Bühne wurde wirklich groß! Die technischen Neuerungen in Kommunikation und Medienwesen hatten bereits in der Vor-Internet-Zeit eine weltweite Agora, eine gewaltige Verkündungsplattform entstehen lassen, in die bald dasselbe Element hineindrängte, das auch den berüchtigten "Marsch durch die Institutionen" angetreten hatte. Auf dieser Bühne stolzierten die Medienvertreter jahrzehntelang und imponierten nicht nur mit ihrer andressierten Moral und der ihnen verliehenen Meinungsmacht. Sie lebten, gewissermaßen therapeutisch, auch jenes eben beschriebene Selbstwertproblem, nennen wir es hier mal die journalistische Bitterkeit, ausgiebig aus, nicht zuletzt indem sie mit Lust Formen tradierter Größe herabsetzten oder diffamierten. (Es sei nebenbei gesagt, daß sie diese Tatkraft mit dem modernen Künstlertum dort teilen, wo letzteres, unfähig zu eigener Produktivität und zumeist auf Staatskosten, seinen ehrgeizigen Unfug mit den Werken wehrloser Verstorbener betreibt.) Somit entwickelte sich parallel zu der Abneigung der Politik gegen das eigene Volk auch eine solche gegen den eigenen kulturellen Hintergrund, gegen die Brillanten und Tüchtigen der Vergangenheit - "Fack ju Göhte" bringt diese Tendenz orthographisch-anschaulich auf den Punkt, wenn es sich auch hier womöglich um eine bloß humoristische Huldigung an die beschriebene Zeitgeistlaune handeln mag – das Werk ist mir nicht bekannt.

Und freilich befindet sich diese Abneigung, wie statistische Erhebungen zur journalistischen Gesinnungslage immer wieder kundtun, in fruchtbarer Wechselbeziehung mit jenem Überwindungs- ja, Vernichtungswillen linker Ideologie, die das westliche - im Kontext "bürgerlich" genannte - kulturelle Erbe stets aggressiv anfällt. Wie aber würde man die leibhaftige Manifestation der eigenen kulturellen Kontinuität anders nennen als ebenfalls "das Volk"?

Hier dämmert also eine unheimliche Verwandtschaft auf, die Politik und Medien gemeinsam kennzeichnet (oder sollten wir stigmatisiert sagen?), und dieses Bündnis wurde im Laufe der zwei letzten Dekaden funktionell: Die Medien verdrängten immer mehr das Volk ins Randdasein einer suggerierten Minderheit aus wenigen "Ewiggestrigen", die den alten rückständigen "Stammtisch" bedienten, und setzten sich selbst an seine Stelle als "tolerantes", "weltoffenes", "gendergerechtes", "Nachhaltigkeit" anstrebendes etc. Progressistenvolk. Auf diesen Sachverhalt wurde hier schon einmal mit den Worten hingewiesen: "Diese Konstruktion eines virtuellen Volkes inklusive Meinung ist die wesenhafte Lüge, der man die Medien bezichtigen muß, und sie ist schwerwiegender als jede vereinzelte Desinformation oder Halbwahrheit, zu welcher Journale je gegriffen haben mögen."1

Die Politik nun – zumal und zuallererst die linke - übernahm dankbar das Als-ob-Volk und seine "veröffentlichte Meinung" und ging dazu über, alle Reflexe des medialen Mainstreams als die der tatsächlichen Bevölkerung auszugeben. Sie befolgte somit die Anweisungen volksfremder linker Ideen, also der eigenen Agenda, die sie jedoch wie reinen Volkswillen behandeln durfte, wie den Willen eines tatsächlich existierenden Volkes, das nur danach strebte, bunt, weltoffen, feministisch und mit allen restlichen Wassern der politischen Korrektheit gewaschen zu sein. Damit manifestierten die Medien die Hegemonie der Linken mitten in einem Volk, das ganz anders dachte und fühlte, das aber, solange sein Wohlstand und seine innere Sicherheit nicht gefährdet waren, der listigen Einschmeichelung von Presse und Rundfunk zumeist gern erlag, mit ihnen gemeinsam ein progressives Wir zu bilden.

Dagegen mußten sich die Konservativen, um im gleichen Komfort teilzuhaben, einem Linksruck unterziehen; dies wurde ihnen als quasi schicksalhaft angetragen, und sie gaben der Forderung nach. Damit hatte das Verheeren seinen Fuß über ihre Schwelle gesetzt. In der Folge begannen überzeugt konservative Kräfte ihre politische Laufbahn zu canceln, während die Marschierer durch die Institutionen immer mehr in die einst konservativen Körperschaften eindrangen. Nur eine stark reflektierende Führung mit einem stabilen politischen Charakter hätte einen Befreiungsschlag gegen den Sog in Gang setzen können. Die "kühn kalkulierende Physikerin" der Medien, aber in Wirklichkeit politisch naiv und instinktiv agierende Merkel, die Kanzlerin der Journalisten, wurde dagegen in dieser Situation zum größten Pech ihrer Partei.

Der Rest ist Gegenwart: Die traurige Groteske ist aufgeflogen, das richtige Volk meldet sich mit zunehmender Teilnehmerschaft zu Wort. Nicht immer so sacht, nicht immer ganz gediehen – wo sich das Volk meldet, da ist auch stets ein bißchen "Pack" mit dabei. Doch schaut man in die Liste der beliebtesten Berufe, die ja das "Volk" erstellt, findet man den Politiker und den Journalisten verrucht vereint am Ende der Rangfolge. So fragt man sich, wer nun wen wirklich als "Pack" erachtet.

Es bietet sich zum Schluß, auf einen etwas verborgenen semantischen Zusammenhang jener beiden Schlachtrufe der bürgerlichen Demonstranten: "Lügenpresse" und "Wir sind das Volk" hinzudeuten. So getrennt sie auch bei ihrer Anwendung ausgesprochen werden, so sehr wäre eine Lesart anzuempfehlen, die deutlich macht, daß sich beide Sprüche auf das Auffliegen der hier behandelten Täuschung eines nicht existenten Volkes beziehen, und sie am besten als ein Satz zu verstehen wären, der dann hieße: "Nicht ihr, Lügenpresse, seid das Volk, sondern wir sind es!" Betonung also auf "Lügenpresse" und "wir".

In diesem Verständnis können wir auch erraten, welche quälenden Ahnungen die Kanzlerin der Medien noch neuerlich tiefe Besorgnis über den sich aufzeichnenden "Vertrauensverlust der Medien" äußern ließ2. Und könnte nicht dieselbe Sorge auch Bundespopen Gauck zu jener unglaublichen Formulierung irregeleitet haben, die verdächtig ist, die bedeutendste seiner Amtszeit zu bleiben: "Die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem"3?

Ja, es zeigt sich, daß durchaus auch Politiker aufwachen können, wenn sie von der Geschichte, hier Gegenwart, dazu gedrängt werden. Dann aber wohl auf die ihnen eigentümliche Art des Aufwachens: schweißgebadet und etwas beduselt. Da könnte eine kalte Dusche das Richtige sein.

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Anmerkungen:

 1. Hier, "Diskurs und Logos", S. 4

 2. KANZLERIN MERKEL – "Vertrauensverlust der Medien muss alle unruhig stimmen", Handelsblatt, 02.06.2016

 3. "Die Eliten sind gar nicht das Problem, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem" - Bundespräsident Joachim Gauck im ARD-Interview am 19. Juni 2016