Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Europa in der Gratwanderung zwischen Individuation und Selbstauflösung und die Stunde der Patrioten

01. 01. 2015 | Gesellschaft und Politik

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Individuation nämlich ist keine Geschmackssache, sondern eine humanpsychologische Tatsache, die sich allerdings in den Einzelnen – das bedeutet sie ja geradezu – unterschiedlich wiederfindet, und die darin besteht, daß der Mensch, seitdem er mentale Entwicklungsmöglichkeiten besitzt, dazu neigt, sein Selbstverständnis stets über jene Möglichkeiten und über ihr etabliertes Umfeld zu stellen: Hat er z. B. die Empfindung erobert, ist er nicht mehr bloß Empfindung, sondern der Empfindende; hat er das Denken erobert, erkennt er sich als den Denkenden und entwickelt die Möglichkeit, sich von seinem Denken zu distanzieren, es zu betrachten, gar zu lenken (der Fortgeschrittene). Den Betrachtenden nennt er sein Ich. Dieses kann sich sagen, “früher dachte ich so, heute denke ich anders.” Weniger individualisierte Menschen erachten ihre Empfindungen und Denkprozesse als ihr Ich, welches dann auch kaum Entwicklungen aufweist. Das dürfte klar machen, daß es auch in den westlichen Kulturen heutzutage wesentlich weniger tatsächliche Individualisten gibt, als individuelle Möbel verkauft und genialische Moden vorgeführt werden.

Nun gäbe es allzuviel über dieses Phänomen zu sagen und über die vielfältigen Facetten seiner Erscheinung oder seines Ausbleibens im einzelnen Menschen wie in den verschiedenen Gesellschaften. Ein Thema, dem wir uns wiederholt annähern werden1. Was uns aber hier unbedingt interessiert, sind zwei immanente Gefahren, die den Individuationshergang begleiten und deren Folgen heute die westliche Kultur insgesamt betreffen:

Die erste Gefahr ist, daß Individuationsprozesse leichter und somit häufiger auf jener psychischen Empfindungs- oder Emotionsebene vollzogen werden, von der vorhin die Rede war, als auf der mentalen oder denkerischen Ebene. Das liegt auf der Hand, denn die Empfindung ist eine frühere evolutionäre Domäne als der relativ neue Intellekt (vergleiche mit Freuds “Es” und “Ich”). Um sich auf der ersten Ebene zu individualisieren genügt es, dem Gefühl nachzugehen, jemand Besonderes zu sein, und diese Neigung besteht in jedem einzelnen Menschen; sie ist der spontane Widerhall der Tatsache, daß wir uns als Personen – der eine mehr, der andere weniger – abgesondert, vereinzelt fühlen. Dieser Modus, der hier übrigens keineswegs verworfen, sondern als der Menschennatur konform gerechtfertigt wird, liegt bereits beim Eintritt in die frühkindliche Trotzphase vor (zusammen mit der ersten körperlichen Selbstwahrnehmung), wo er nichts anderes ist als das Feiern des aufkommenden Eigenwillens: “Ich mache nicht das, was ihr wollt, sondern das, was ich will.”

Demgegenüber ist die Individuation auf der intellektuell reflektierenden Ebene ein bewußter und meistens dramatischer Prozeß; es wäre keine Übertreibung, zu sagen, daß er den am meisten behandelten Stoff der tragischen Literatur liefert. Hermann Hesse, der seinen Anhängern als der schlechthinnige Literat dieses Phänomens gilt, beschreibt in Demian diesen Hergang mit den kolossalen Worten: “Wer geboren werden will, muß eine Welt zerstören.” Lassen wir uns vor der Pathetik nicht zurückschrecken. Gemeint ist, es individualisiert sich (wird geistig wieder geboren) nur jemand, der das gesamte Kulturerbe bis zu seiner Zeit aufgenommen und in sich umgewandelt hat. Es ist jener mentale Stoffwechsel, der etwas milder, aber nicht weniger gehoben auch in Goethes belehrendem Vers erklingt: “Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.” (Übrigens sind das Worte aus “West-östlicher Divan”, und auf diesem würde sich wohl heute manch deutscher “Antirassist” gern ausstrecken2; zu schade nur, daß ein barbarisch wütender Mob namens “Islamischer Staat” gegenwärtig für horrende Ruhestörung in der Nähe dieser Luxusliege sorgt.)

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