Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
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Europa in der Gratwanderung zwischen Individuation und Selbstauflösung und die Stunde der Patrioten

01. 01. 2015 | Gesellschaft und Politik

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Die zweite Gefahr ist, daß der sich individualisierende Mensch (darauf wurde schon hingedeutet) eine inhärente Distanz zu der jeweiligen kulturellen Umgebung entwickelt, aus welcher heraus er sich individualisiert, ja, diese Distanz ist unbedingter Teil seiner Individuation, wie wir sahen. Das heißt, die Distanz zu der eigenen Kultur ist legitim und “gesund”; sollte letztere doch gerade durch die Individuationsprozesse ihrer Träger transzendiert, erweitert, evolviert – niemals aber zerstört! – werden. Dieses nennen wir kulturellen Fortschritt, und er wird im Individuum fabriziert, nicht in den Kulturministerien. Wo immer dieser Prozeß auf ein Kollektiv umgeleitet werden sollte (siehe “Arbeiterkultur”), entstand Stillstand oder gar Unheil.

Was geschehe nun, wenn dieser Prozeß auf der halbbewußten Empfindungsebene steckenbliebe? Wenn in einer Gesellschaft platter Gleichwertigkeiten Individuation als Ramschware all denjenigen gesponsert würde, die nicht einmal ihre frühkindliche Trotzphase überwunden haben, die aber nun nicht nur, wie es richtig ist, vor dem Gesetz, sondern auch in ihrer soziokulturellen Teilnehmerschaft als “gleiche” eines Kants oder Goethes gelten und als kulturkonstituierende Größen berücksichtigt würden, nach welchen sich der Kulturprozeß zu richten hätte?

Bedenken wir bei dieser Frage, daß der binäre Modus unserer Empfindung auf subjektive Lust und Unlust basiert (Freud), also auf Zuneigung oder Abneigung, auch Haß. Erst eine Individualisierung auf der moralisch-geistigen Ebene richtet sich streng nach dem objektiv Richtigen und dem objektiv Falschen (Selbstreflexion, ausgeprägtes Gewissen). Was nun die subjektive Lust des unreifen Individualismus betrifft, diese würde sich als eine Zuneigung zum Trieb und Konsum vergegenwärtigen, die losgelöst von leitendem Maß wäre, da Richtiges und Falsches eine marginale Rolle spielen würden. Ein globaler Egoismus würde anstelle soliden Selbstbewußtseins die Gesellschaft erfassen, eine Konsum- und Spaßgesellschaft. Und die Unlust? Die Abneigung? Nun, auch sie wüßte auf Anhieb die richtige Adresse. Sie würde unweigerlich dazu neigen, jene innere Distanz zu kultivieren, die das sich emanzipierende reife Individuum auch eingenommen hätte: die Distanz zu der verlassenen Ebene des bis dahin Eigenen. Sie würde aber nicht die geläuterte Distanz des reifen Individualismus sein, die nach Perspektive trachtet, um von dieser aus konstruktiv auf die verlassene Ebene einzuwirken, und sie durch die Erkenntnisse und Potentiale des eigenen Gewinns zu bereichern. Sondern sie wäre, unfähig zum selbständigen Denken, anfällig, Strömungen anheimzufallen, Strömungen aus den eigenen Reihen der verfehlt individualisierten Massenaufklärer, die diese selbstzerstörerische dumpfe Abneigung gegen das Eigene als Fortschritt, Modernität und Selbstzweck bewerben würden.

Ab wann könnte diese Neigung für eine Gesellschaft gefährlich werden? Nun, ein Karzinom nimmt zunächst einen geringen Teil des Organismus in Beschlag, ist aber sehr aktiv, weil es abartigen Wachstumsprozessen dient, gegen welche sich das gesamte Immunsystem anfangs sträubt. Verloren ist der Organismus allerdings, wenn es den wenigen Zellen des Unheilvollen gelingt, einen erfolgreichen Marsch durch die Organe zu absolvieren, die wesentlich für das Überleben des Organismus sind.

Angenommen, eine Gesellschaft wäre in solcher Art befallen, und die falschen Zellen hätten den Kulturbetrieb und die Straße erreicht: Hätten wir uns dann nicht eine Kulturszene vorzustellen, die alle Leistung früherer Genien demontieren, alles Große zerschmettern und alles Erbauliche und Erhabene mit Lächerlichkeit, Obszönität, ja am Ende mit fäkaler Abscheulichkeit beschmutzen würde? Hätten wir nicht eine Entwicklung des Musikalischen hin zum martialisch affektierten Fetzengesang, der Brutalität, Gesetzlosigkeit, Rache und Haß ausbrüllt? Und hätten wir nicht einen auf Abruf wartenden Mob, der bei jeder Gelegenheit aufspringt, um die eingeschüchterten Vertreter des Eigenen zu blockieren, zu verjagen, zu beleidigen und seine unsäglichen Losungen “keine Heimat”, “kein Vaterland”, “keine Zukunft” gegen sie zu skandieren? Ja, das alles hätten wir dann wohl! – Hätten?

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