Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Europa in der Gratwanderung zwischen Individuation und Selbstauflösung und die Stunde der Patrioten

01. 01. 2015 | Gesellschaft und Politik

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Aber lassen wir unsere Bestandsaufnahme hier enden; sie gereicht uns sicher zu der Feststellung: Es wurde Zeit!

Die Hüter des Eigenen

Und das scheint so zu sein. Denn in der Tat, was in den letzten Wochen im Land geschieht, fügt sich unseren Ausführungen nahtlos als Folge ein: Bürger formieren sich erstmalig. Das begann in der Stadt Dresden, im ehemals getrennten Ostteil Deutschlands, wo noch frisch im Kollektivgedächtnis der erfolgreiche Volkswiderstand gegen die kommunistische Diktatur Ende des vergangenen Jahrhunderts lebt. Die Bewegung begann mit wenigen hundert Menschen,
die sich zunächst in schweigsamen “Spaziergängen” zeigten, und wuchs binnen zweier Monate beachtlich! Partnergruppen bildeten sich auch in westlichen Städten. Die etablierte Politik und ihr informationelles Vorzimmer aus Leitmedien reagierten bald deutlich konsterniert, ratlos und unverhüllt böse oder heuchlerisch paternalistisch: Sie wollten jetzt “die Ängste der Menschen ernst nehmen” (sprich, das hatten sie bisher versäumt), oder sie wollten mit den Menschen “reden” und sie von ihren “diffusen Ängsten” befreien.

Zum Problem aber könnte werden, daß diese Menschen weniger mit diffusen Ängsten als mit konkreten Forderungen auftreten: Einhaltung der bereits bestehenden Asyl- und Eiwanderungsregeln, einen besonnenen, den Interessen ihres Landes entsprechenden Einwanderungsmodus, konsequente Abschiebung abgelehnter Asylbewerber und krimineller Einwanderer. Darüber könnte man nun “reden”, so etwas tut der Politiker gern. Doch die beherzten Spaziergänger, die sich inzwischen auch in Kundgebungen äußern, halten nicht allzuviel von solchen Gesprächen, sie wohlen eher – das Wichtigste in ihren Forderungen – selbst entscheiden können. Sie wollen direkte Demokratie, also die Relativierung der Macht der politischen Klasse und die Ermächtigung des Souveräns durch Volksentscheide. Wir steuern somit äußerst interessanten Zeiten entgegen, die wir hier nicht vorweg nehmen sollten.

Uns interessiert aber noch die Frage: wer sind diese Menschen? Wo gehören sie innerhalb unserer Charakterisierung der Individualgesellschaften des Westens genauer hin?

Doch diese Frage ist diesmal nicht entscheidend, und genau das macht die Potenz dieser Menschen aus! Denn gleich welche Weihegrade der Individuation sie erfuhren, sie alle unterlagen dabei nicht den einschlägigen Gefahren, die wir weiter oben benannt haben. Sie sind gegen die Seuche gewappnet. Ein ererbtes Amulett macht sie immun, das andere als wertlosen Klüngel erachteten und weggeschmissen hatten. Es ist die Liebe zum gemeinschaftlichen Eigenen. Man nennt sie Patriotismus. Sie selbst nennen sich entsprechend Patrioten und skandieren, “Wir sind das Volk!” Es wird wohl stimmen.

Das wiederum will der türkischstämmige Grünenpolitiker Özdemir (das ist der mit der “Mischpocke”) nicht. Es täte ihm “im Herzen weh”, daß die “Mischpocke” ausgerechnet die Losung für sich beanspruchte, mit der einst die Bürger der DDR auf die Straßen gingen, um ihre sozialistische Diktatur abzuschütteln und die Wiedervereinigung mit Westdeutschland zu erzwingen. Özdemirs Herzschmerz wird sicher derjenige nachempfinden können, der weiß, welche Verdienste sich Özdemirs Partei um die Wiedervereinigung erworben hat, und welchen hohen Stellenwert der Begriff Deutsches Volk in ihrem Vokabular stets einnahm. Oder aber er wird ahnen, warum die Herzbefindlichkeiten des Subjekts die Dresdner Patrioten einen feuchten Kehricht angehen.

Aber sie könnten der Auslöser dafür sein, daß die politische Welt bald nicht mehr das ist, was die Damen-und-Herren der nachachtundsechziger Vergangenheit auf ihrem Parkett angerichtet haben. Die Forderung nach direkter Demokratie ist die wichtigste Intention der Zeit, einer Zeit, in der das Versagen der parlamentarischen Klasse mit ihrer volksfernen ideologischen Orgiastik längst zum Himmel stinkt. Würde die neue Bewegung auf erhebliche Teile des Volkes überspringen, stünden langersehnte radikale Veränderungen vor.

Und zu allem, was die erwachten Patrioten erringen könnten, käme vielleicht einmal auch ein Straßenname für Daniel S. in Kirchweyhe hinzu4. Und nicht nur dort.

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Anmerkungen:

1. Ein solcher Ansatz war schon der erste thematische Beitrag auf geistsein.de: “Das Aufgehen der Person in der Kulturgeschichte und Sigmund Freud

2. welt.de “West-östlicher Divan statt deutschnationales Feldbett

3. Titelthema DER SPIEGEL 13/2007

4. Akif Pirincci zum Fall Daniel S.

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