Europa in der Gratwanderung zwischen Individuation und Selbstauflösung und die Stunde der Patrioten

Der "Migrationshintergrund" - eine Besichtigung

Ein verfehlter Individualismus höhlt den Westen von innen aus und legt seine kulturellen Abwehrkräfte lahm

Die kulturellen und politischen Spannungen zwischen den säkularen Gesellschaften des Westens und jenen Kulturen, deren ziviles und politisches Leben religiös bestimmt wird, sind als Vorkommnisse im Kontext der Emanzipation des Individuums anzusehen. Dieser Kulturimpuls hat, nachdem er sich in der neueren Zeit im Westen durchgerungen hatte, auch weitere Erdteile zu befruchten begonnen. Besonders schwierig zeigte sich dabei seine Berührung mit dem Islam, und sie ist bis heute eine sehr heikle geblieben. Es geht dabei um das Recht des Einzelnen, sein Leben nach eigenen Grundsätzen zu gestalten und nicht nach den Maßgaben tradierter oder religiös sanktionierter Menschen- und Gesellschaftsbilder.

Die Problematik dieses Anspruches in den Beziehungen der beiden Kulturkreise ist gewiß anderer Natur und somit expliziter zu bewerten und zu behandeln als etwaige Konfliktfelder ökonomischer, politischer oder geopolitischer Art, die in den Begegnungen von Staaten oder Kulturen immer mit hineinspielen. Denn sie ist anthropologischer Natur: Sie stellt nicht bloß eine Differenz dar, sondern zugleich die Mentalität selbst, in der überhaupt Differenzen und Konflikte als solche wahrgenommen und in ihrer Tragweite ausgespannt werden. Man denke etwa an die Unruhen unter Muslimen um die sog. Mohammed-Karikaturen Mitte des vergangenen Jahrzehnts, und an die Belanglosigkeit, die eine analoge Publikation in westlichen Breiten gehabt hätte, um zu verstehen, was hier gemeint ist. Doch es ist anzunehmen, daß dieselbe Wahrnehmungsdiskrepanz auch die täglichen minder aufgeregten Begegnungen kennzeichnet, wo immer die beiden Kulturen zusammenkommen; gleich, ob die Begegnung durch den Aufenthalt westlichen Personals in einem muslimischen Gebiet entsteht oder durch das Leben muslimischer Einwanderer in Europa. Diese letztere Option war es, die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die beiden Kulturen zu einer breiteren Symbiose zusammenführte. Beachten wir kurz, zu was für eine:

Es kamen Menschen aus Ländern, in denen sich Frauen in der Öffentlichkeit oft gänzlich verhüllen mußten, und in denen sich die Geschlechter ohne gemeinsamen familiären Hintergrund nicht einmal die Hand reichen durften, in Länder gemischter Nacktbadestrände und Nacktbäder, innenstädtischer Freikörperparks, privater Enthemmungsinitiativen der Art Swingerclub und einer omnipräsent werbenden Laszivität, die man im Westen lediglich ästhetisch bewertete ("sexy"), aber kaum jemand mehr moralisierte. Menschen aus Ländern, in denen Homosexuelle aufgrund ihrer Neigung im schlimmsten Fall exekutiert werden konnten, kamen in Länder, wo eine Schwulenkultur mit betriebsamem Nacht- und Tagleben bereits blühte und gerade begann, eine bemerkenswerte Infrastruktur zustande zu bringen und bald auch eine einflußreiche politische Lobby. Aus Ländern, in denen der Provinz-Gendarm (in jedem Falle männlich) eine gefürchtete Autorität war, die mit oder ohne Grund und unbehelligt Ohrfeigen verteilte, in Länder, in denen Polizisten und - etwas später - ihre Kolleginnen sich in "Deeskalation" übten, bis sie am Ende sogar selbst Ohrfeigen einstecken mußten, von Menschen, die solchen Aus­rut­scher in ihrem Heimatland bitterlich zu bereuen hätten.

Wir könnten weitere Entgegenstellungen der beiden Milieus aufreihen, um dasselbe folgende Fazit auf weitere Gebiete des gesellschaftlichen Lebens auszudehnen: Es stießen zwei Kulturen aufeinander, die den Wert und Selbstwert des Individuums entgegengesetzt veranschlagten! Die gewachsene Praxis der individuellen Freiheit im Westen impliziert eine selbständige Teilnehmerschaft in der Gesellschaft, der die sittliche Reife zugesprochen wird, das eigene Leben weitestgehend – abgesehen von Gesetzesverstößen - autonom zu regeln. Auf der anderen Seite waltet ein theokratischer Dirigismus, der jedem Individuum mißtraut, weswegen er die Menschen bis in die letzte Einzelheit der alltäglichen Praxis hinein reglementiert.

Unter solchen Umständen drängt sich der Kulturvergleich beiden Seiten von selbst auf. Und zwar nicht im akademischen Disput - dieser hat ihn eher verschlafen! Doch es wäre blind, nicht in Betracht zu ziehen, daß die Diskrepanz dieser beiden Welten, nicht eklatant genug wäre, um ständig, bewußt oder unbewußt doch herausfordernd, das Selbstwertbefinden der eingewanderten Menschen auf verstörende Weise zu berühren. Herausfordernd aufgrund des Widerspruchs, moralisch einer Menschlichkeit zu huldigen, die sich selbst herabsetzt, und die so das Bekenntnis zu ihr problematisiert, während die liberale Kultur des Westens zu ihren Individuen als freiheitsfähigen und autonomen Monaden gegenüber steht, sie bejaht und ermächtigt. Diese gegensätzlichen Selbstwahrnehmungen setzen übrigens auch jenen vorwiegend von Einwanderern merklich oft referierten Begriff der "Ehre" in einen begreiflichen Zusammenhang, deutet er doch ziemlich direkt auf den Selbstwert einer Person oder Gruppe hin.

Daß diese Problematik wie von selbst eine Lagerbildung fördern mußte, findet kaum Erwähnung in der sonst überhandnehmenden soziologischen Spitzfindigkeit unserer Gegenwart, und daß den westlichen Politikern zu der brenzligen Gemengelage allein die Worte "Vielfalt" und "Bereicherung" bisher einfielen, ist sicher etwas, über das einmal die Geschichte mehr zu schreiben haben wird, als wir in diesem Beitrag zu tun beabsichtigen. Denn an dieser intimen und im Alltag allgegenwärtigen Schieflage könnten die Gründe jener rätselhaften Radikalisierung liegen, die unerwarteter aber jetzt verständlicher Weise gerade die jüngeren Generationen der Eingewanderten so heikel anspricht.

(Übrigens auch die Verflechtung derselben Gruppe mit Kriminalität scheint auf ein problematisches Verhältnis zur westlichen Freiheit rückführbar zu sein. Eine bessere Rache an einer verstörenden Freiheit als das Verbrechen, das erst durch sie ermöglicht wird, gibt es nicht. Es wären objektive Studien von Interesse, die das Ausmaß von Kriminalität bei diesen Personen in ihrer Heimat und im westlichen Ausland vergleichen würden. Ich neige zu der Annahme, daß dieses Ausmaß in der westlichen Fremde fulminant größer ist, wenn nicht sogar nur dort existent.)

Nehmen wir uns aber nach diesen Anmerkungen eine genauere Besichtigung auch derjenigen vor, die wir innerhalb der beschriebenen Symbiose die Einheimischen zu nennen haben, die Zentral- und Nordeuropäer des 20. und 21. Jahrhunderts. Hatten wir auf der einen Seite das in theokratisch-paternalistischen Strukturen des Kollektivs eingefangene Individuum vor Augen, wenden wir jetzt unseren Blick auf die "aufgeklärten" Individualgesellschaften des Westens.

Globaler Egoismus und kollektive Selbstentfremdung als Folgen verfehlter Individuation

Individuation in der Natur ist die Abspaltung eines Teils von einer Ganzheit, das dann sein eigenes Ganzsein behauptet; der Wassertropfen etwa, der sich aus einem Wasserfluß ablöst und ein eigenes Kräftefeld bildet, welches sich fortan der verlassenen Wassermenge gegenüber "autonom" verhält. Menschen werden gewöhnlich dann Individualisten genannt, wenn sie einen anderen Geschmack und eine andere Verhaltensweise als die allgemein üblichen an den Tag legen. Ihnen wird eine gewisse Distanz zu ihrem Umfeld attestiert, eine Distinguiertheit. Doch solche Äußerlichkeiten lassen wenig über Individuation erschließen, da sie durchaus auch aufgesetzte Verhaltensweisen sein können, mit denen sich Menschen interessant machen wollen.

Individuation nämlich ist keine Geschmackssache, sondern eine humanpsychologische Tatsache, die sich allerdings in den Einzelnen – das bedeutet sie ja geradezu - unterschiedlich wiederfindet, und die darin besteht, daß der Mensch, seitdem er mentale Entwicklungsmöglichkeiten besitzt, dazu neigt, sein Selbstverständnis stets über jene Möglichkeiten und über ihr etabliertes Umfeld zu stellen: Hat er z. B. die Empfindung erobert, ist er nicht mehr bloß Empfindung, sondern der Empfindende; hat er das Denken erobert, erkennt er sich als den Denkenden und entwickelt die Möglichkeit, sich von seinem Denken zu distanzieren, es zu betrachten, gar zu lenken (der Fortgeschrittene). Den Betrachtenden nennt er sein Ich. Dieses kann sich sagen, "früher dachte ich so, heute denke ich anders." Weniger individualisierte Menschen erachten ihre Empfindungen und Denkprozesse als ihr Ich, welches dann auch kaum Entwicklungen aufweist. Das dürfte klar machen, daß es auch in den westlichen Kulturen heutzutage wesentlich weniger tatsächliche Individualisten gibt, als individuelle Möbel verkauft und genialische Moden vorgeführt werden.

Nun gäbe es allzuviel über dieses Phänomen zu sagen und über die vielfältigen Facetten seiner Erscheinung oder seines Ausbleibens im einzelnen Menschen wie in den verschiedenen Gesellschaften. Ein Thema, dem wir uns wiederholt annähern werden1. Was uns aber hier unbedingt interessiert, sind zwei immanente Gefahren, die den Individuationshergang begleiten und deren Folgen heute die westliche Kultur insgesamt betreffen:

Die erste Gefahr ist, daß Individuationsprozesse leichter und somit häufiger auf jener psychischen Empfindungs- oder Emotionsebene vollzogen werden, von der vorhin die Rede war, als auf der mentalen oder denkerischen Ebene. Das liegt auf der Hand, denn die Empfindung ist eine frühere evolutionäre Domäne als der relativ neue Intellekt (vergleiche mit Freuds "Es" und "Ich"). Um sich auf der ersten Ebene zu individualisieren genügt es, dem Gefühl nachzugehen, jemand Besonderes zu sein, und diese Neigung besteht in jedem einzelnen Menschen; sie ist der spontane Widerhall der Tatsache, daß wir uns als Personen - der eine mehr, der andere weniger – abgesondert, vereinzelt fühlen. Dieser Modus, der hier übrigens keineswegs verworfen, sondern als der Menschennatur konform gerechtfertigt wird, liegt bereits beim Eintritt in die frühkindliche Trotzphase vor (zusammen mit der ersten körperlichen Selbstwahrnehmung), wo er nichts anderes ist als das Feiern des aufkommenden Eigenwillens: "Ich mache nicht das, was ihr wollt, sondern das, was ich will."

Demgegenüber ist die Individuation auf der intellektuell reflektierenden Ebene ein bewußter und meistens dramatischer Prozeß; es wäre keine Übertreibung, zu sagen, daß er den am meisten behandelten Stoff der tragischen Literatur liefert. Hermann Hesse, der seinen Anhängern als der schlechthinnige Literat dieses Phänomens gilt, beschreibt in Demian diesen Hergang mit den kolossalen Worten: "Wer geboren werden will, muß eine Welt zerstören." Lassen wir uns vor der Pathetik nicht zurückschrecken. Gemeint ist, es individualisiert sich (wird geistig wieder geboren) nur jemand, der das gesamte Kulturerbe bis zu seiner Zeit aufgenommen und in sich umgewandelt hat. Es ist jener mentale Stoffwechsel, der etwas milder, aber nicht weniger gehoben auch in Goethes belehrendem Vers erklingt: "Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben." (Übrigens sind das Worte aus "West-östlicher Divan", und auf diesem würde sich wohl heute manch deutscher "Antirassist" gern ausstrecken2; zu schade nur, daß ein barbarisch wütender Mob namens "Islamischer Staat" gegenwärtig für horrende Ruhestörung in der Nähe dieser Luxusliege sorgt.)

Die zweite Gefahr ist, daß der sich individualisierende Mensch (darauf wurde schon hingedeutet) eine inhärente Distanz zu der jeweiligen kulturellen Umgebung entwickelt, aus welcher heraus er sich individualisiert, ja, diese Distanz ist unbedingter Teil seiner Individuation, wie wir sahen. Das heißt, die Distanz zu der eigenen Kultur ist legitim und "gesund"; sollte letztere doch gerade durch die Individuationsprozesse ihrer Träger transzendiert, erweitert, evolviert – niemals aber zerstört! - werden. Dieses nennen wir kulturellen Fortschritt, und er wird im Individuum fabriziert, nicht in den Kulturministerien. Wo immer dieser Prozeß auf ein Kollektiv umgeleitet werden sollte (siehe "Arbeiterkultur"), entstand Stillstand oder gar Unheil.

Was geschehe nun, wenn dieser Prozeß auf der halbbewußten Empfindungsebene steckenbliebe? Wenn in einer Gesellschaft platter Gleichwertigkeiten Individuation als Ramschware all denjenigen gesponsert würde, die nicht einmal ihre frühkindliche Trotzphase überwunden haben, die aber nun nicht nur, wie es richtig ist, vor dem Gesetz, sondern auch in ihrer soziokulturellen Teilnehmerschaft als "gleiche" eines Kants oder Goethes gelten und als kulturkonstituierende Größen berücksichtigt würden, nach welchen sich der Kulturprozeß zu richten hätte?

Bedenken wir bei dieser Frage, daß der binäre Modus unserer Empfindung auf subjektive Lust und Unlust basiert (Freud), also auf Zuneigung oder Abneigung, auch Haß. Erst eine Individualisierung auf der moralisch-geistigen Ebene richtet sich streng nach dem objektiv Richtigen und dem objektiv Falschen (Selbstreflexion, ausgeprägtes Gewissen). Was nun die subjektive Lust des unreifen Individualismus betrifft, diese würde sich als eine Zuneigung zum Trieb und Konsum vergegenwärtigen, die losgelöst von leitendem Maß wäre, da Richtiges und Falsches eine marginale Rolle spielen würden. Ein globaler Egoismus würde anstelle soliden Selbstbewußtseins die Gesellschaft erfassen, eine Konsum- und Spaßgesellschaft. Und die Unlust? Die Abneigung? Nun, auch sie wüßte auf Anhieb die richtige Adresse. Sie würde unweigerlich dazu neigen, jene innere Distanz zu kultivieren, die das sich emanzipierende reife Individuum auch eingenommen hätte: die Distanz zu der verlassenen Ebene des bis dahin Eigenen. Sie würde aber nicht die geläuterte Distanz des reifen Individualismus sein, die nach Perspektive trachtet, um von dieser aus konstruktiv auf die verlassene Ebene einzuwirken, und sie durch die Erkenntnisse und Potentiale des eigenen Gewinns zu bereichern. Sondern sie wäre, unfähig zum selbständigen Denken, anfällig, Strömungen anheimzufallen, Strömungen aus den eigenen Reihen der verfehlt individualisierten Massenaufklärer, die diese selbstzerstörerische dumpfe Abneigung gegen das Eigene als Fortschritt, Modernität und Selbstzweck bewerben würden.

Ab wann könnte diese Neigung für eine Gesellschaft gefährlich werden? Nun, ein Karzinom nimmt zunächst einen geringen Teil des Organismus in Beschlag, ist aber sehr aktiv, weil es abartigen Wachstumsprozessen dient, gegen welche sich das gesamte Immunsystem anfangs sträubt. Verloren ist der Organismus allerdings, wenn es den wenigen Zellen des Unheilvollen gelingt, einen erfolgreichen Marsch durch die Organe zu absolvieren, die wesentlich für das Überleben des Organismus sind.

Angenommen, eine Gesellschaft wäre in solcher Art befallen, und die falschen Zellen hätten den Kulturbetrieb und die Straße erreicht: Hätten wir uns dann nicht eine Kulturszene vorzustellen, die alle Leistung früherer Genien demontieren, alles Große zerschmettern und alles Erbauliche und Erhabene mit Lächerlichkeit, Obszönität, ja am Ende mit fäkaler Abscheulichkeit beschmutzen würde? Hätten wir nicht eine Entwicklung des Musikalischen hin zum martialisch affektierten Fetzengesang, der Brutalität, Gesetzlosigkeit, Rache und Haß ausbrüllt? Und hätten wir nicht einen auf Abruf wartenden Mob, der bei jeder Gelegenheit aufspringt, um die eingeschüchterten Vertreter des Eigenen zu blockieren, zu verjagen, zu beleidigen und seine unsäglichen Losungen "keine Heimat", "kein Vaterland", "keine Zukunft" gegen sie zu skandieren? Ja, das alles hätten wir dann wohl! - Hätten?

Nun ausgerechnet während der Zeit, da die Erkrankung gegen das Eigene zu wirken begann, kamen auch die ersten Eingewanderten als Vertreter und Wirkungsessenz des Fremden im Eigenen, in ein Eigenes, das immer schwerer angefeindet wurde. Und offenbar konnte das Fremde nicht fremd genug sein. Denn ein Überblick dieser Phase zeigt, daß die Einwanderung von anfänglich vorwiegend südeuropäischen Gastarbeitern, die selbstverständlich auch Mentalitätsdifferenzen mit ihren nördlicheren Gastgebern zu ebnen hatten, sukzessive in eine solche gelenkt wurde, die Menschen aus Kulturlandschaften aufnahm, die dem vornehmlichen Merkmal der abendländischen Moderne, der Individuation, am entferntesten gegenüber standen, was zu der radikalisierenden Symbiose führen mußte, die wir anfangs beschrieben.

Führen wir uns jetzt zusätzlich in den Sinn, daß Individuation keine westliche Luxuslaune, sondern eine unumgängliche und unumkehrbare evolutionäre Konstante ist, die einmal jeden Kulturkreis erfaßt haben wird. Unter dieser Prämisse führte man also den Islam dort ein, wo er sich selbst als Auslaufmodell des kulturellen Fortschritts erfahren mußte. Außer, er würde sich bis zur Unkenntlichkeit reformieren. Aber durch wen? Durch die, die in pathetischen Unterwerfungsgebärden ihre spirituelle Erhebung finden? Oder durch die feministische Theologie?

Kurze Bestandsaufnahme

Was nun die erwähnte Erkrankung betrifft: Ist ein neuer Erreger entdeckt worden, sollte aus Belangen der gemeinschaftlichen Hygiene jeder Gefährdete untersucht werden. Nicht notwendig wäre das natürlich bei Patienten, die sichtbarlich im Endstadium der Erkrankung vor sich hin siechen. Jene sonderbare menschliche Fauna aus roten Floras etwa, die mit der irritierenden Vorsilbe in ihrer Bezeichnung als Kämpfer gegen den Faschismus auftreten, und unter diesem Zeichen in den Innenstädten alles terrorisieren, was sich ihren Denkdiktaten verwehrt. Vor diesen kann sich die Gesellschaft nur schützen; sie heilen zu wollen, wäre vergeblich. Hoffnungslos in selbiger Hinsicht wären auch jene Kader in festgeschlossenen Reihen, die gegen jedes traditionelle Erbe antreten, das eigene Volk "verdünnen" wollen, sich mit "nie wieder Deutschland" aufreizen, aber Protestbürger mit weinerlich arroganter Miene als "Mischpocke" beleidigen, ohne zu bedenken, woraus sie selbst hervorgekrochen sind.

Doch natürlich hat ein Volk das Recht, seine Delegierten, diejenigen nämlich, die seine Belange wahrnehmen sollten, nach Spuren des heimtückischen Erregers zu untersuchen. Diese würden sich gewiß auch in der Sprache der Kandidaten nachweisen lassen. Und welcher thematische Kontext wäre passender für die Offenlegung eines gefährdeten Bezugs zum Eigenen als die Auslassungen über das Fremde? So hörte also das Volk eine ganze lange Zeit lang seine Granden sprechen und schwieg.

Es schwieg und hörte, wie sie sich vom "Temperament" der Eingewanderten entzückten und wie sie die "Bereicherung" des Landes schwärmerisch priesen, ohne das kriminelle Potential derselben Personengruppe zu erwähnen, obwohl Gewalttaten von sogenannten "Jugendlichen" beinahe täglich schockierten, und das Wort "Intensivtäter" mit dem Milieu der Eingewanderten schnell konnotiert war.

Es hörte, wie Schulen Hilferufe an den Staat sandten, weil der Schulalltag von einer nie dagewesenen Aggressivität verunmöglicht wurde; es hörte und sah, daß deutsche Schüler von oft überzähligen fremden beleidigt, gemoppt und terrorisiert wurden, doch es hörte zugleich seine Kanzlerin, die in Videobotschaften um mehr "Toleranz" für die Peiniger warb.

Die Menschen sahen mit, wie gewissenhafte Beamte in Sicherheitsbehörden, die sich entschlossen zeigten, tatkräftig gegen die Auswüchse vorzugehen, alsbald in ihrer Behörde versetzt, oder im Wald erhängt aufgefunden wurden.

Sie hörten, wie eines Bürgermeisters perfide Dreistigkeit anläßlich des Todes eines jungen Deutschen durch die brutale Tat herumstreunender "Bereicherer" zum "Kampf gegen rechts" aufrief, um jegliche fremdenkritische Besorgnisäußerung in Selbstkritik des eigenen Volkes zu verkehren. - Er sprach von Haß-Mails, die er daraufhin von seinen Landsleuten erhielt.

Sie hörten und hören von eingewanderten Großfamilien exorbitanter Größenordnung, und wie sie städteweit als Parallelgesellschaften Justiz und Polizei einschüchtern, von Scharia-Gerichten im Finsteren, von Polygamie und Ehrenmord, von "stiller Islamisierung"3, und von ISIS-Ministern, die das Sozialamt durchfütterte… - Genug hierfür!

Die "offene Gesellschaft" hatte man unermüdlich gepredigt, aber es dämmerte allmählich, daß dabei nicht die Offenheit der geöffneten Tür gemeint war, sondern die der eingerissenen Wände. Nicht nach freudiger Offenheit sah es aus, sondern nach dem sich stetig vollziehenden Ruin der eigenen Gesellschaftsordnung, gemäß dem Motto der wilden Randalierer: "Deutschland verrecke!".

"Vielfalt" wurde blindlings gefeiert. Seit wann ist Vielfalt auch immer Qualität? Kommt es nicht eher darauf an, was sich da gerade vervielfältigt? Ist die Zwangsverwandtschaft mit der zum "heiligen Krieg" der morbiden IS-Menschenhasser verführten Jugend, die ein Innenminister seinen Landsleuten aufdrängte ("es sind unsere Söhne und Töchter"), Vielfalt? Wohl ja, aber wem haben wir sie zu verdanken, wäre die nächste Frage.

Solches Kolportieren von Begriffen mit konstruiert positivem Anschein, die den zersetzenden Eingriff gegen die angestammte Bevölkerung und ihre Kultur verhüllen sollen, gehört zu den perfiden Mitteln der Infizierten, weswegen sich der ironische Begriff "Gutmensch" als deren Bezeichnung durchgesetzt hat. Der lästerliche Nebengeschmack des verbalen Hinterhalts ist, daß seine Augenfälligkeit von den Menschen längst auch als Beleidigung ihres Verstandes empfunden wird. Dieser Angriff übrigens auf den Verstand ist das, was im Volk die Verachtung der Leitmedien stark mitgeprägt hat.

Aus "Toleranz" etwa und "Rücksicht" auf  "unsere Gäste", wie wir es häufig lesen mußten, werden anstehende Weihnachtsbräuche abgesetzt, als fürchtete man, ausgerechnet das christliche Fest der Liebe könnte den traumatisierten Kriegsflüchtling so schinden, daß er sich am Weihnachtsbaum erhängt. Nur: Wenn diese sensiblen Helferseelen tatsächlich durch eine derart überspannte "Rücksicht" motiviert wären, dann müßte doch ihre Zuvorkommenheit auch die andere Seite umfassen, die der Gastgeber. Und angesichts der Zustände von weiter oben müßte auch gelegentlich etwa folgender Satz der Anteilnahme zu vernehmen sein: "Wir hoffen allerdings, daß die Menschen, denen wir alle damit helfen wollen, sich nicht als schwer integrierbare Sorgenkinder unserer Gesellschaft erweisen werden."

Doch dazu wird es nicht kommen. Und solange dies so ist, sind auch wir berechtigt, den Verdacht zu hegen, daß es sich bei solchen Vorfällen um Erscheinungsformen jener Epidemie handelt, der westliche Werte und Bräuche im Wege stehen, und daß sich der "tolerante" und "rücksichtsvolle" Gutmensch ins Fäustchen darüber lachen könnte, mit seiner "Toleranz", "Rücksicht" und dem ganzen Moralutensil sowohl das Land gerne mit Sorgenkindern zu "bereichern" als auch zugleich traditionelle Bräuche zu kippen. Zwei Fliegen mit einer Klappe wären es dann.

Aber lassen wir unsere Bestandsaufnahme hier enden; sie gereicht uns sicher zu der Feststellung: Es wurde Zeit!

Die Hüter des Eigenen

Und das scheint so zu sein. Denn in der Tat, was in den letzten Wochen im Land geschieht, fügt sich unseren Ausführungen nahtlos als Folge ein: Bürger formieren sich erstmalig. Das begann in der Stadt Dresden, im ehemals getrennten Ostteil Deutschlands, wo noch frisch im Kollektivgedächtnis der erfolgreiche Volkswiderstand gegen die kommunistische Diktatur Ende des vergangenen Jahrhunderts lebt. Die Bewegung begann mit wenigen hundert Menschen,
die sich zunächst in schweigsamen "Spaziergängen" zeigten, und wuchs binnen zweier Monate beachtlich! Partnergruppen bildeten sich auch in westlichen Städten. Die etablierte Politik und ihr informationelles Vorzimmer aus Leitmedien reagierten bald deutlich konsterniert, ratlos und unverhüllt böse oder heuchlerisch paternalistisch: Sie wollten jetzt "die Ängste der Menschen ernst nehmen" (sprich, das hatten sie bisher versäumt), oder sie wollten mit den Menschen "reden" und sie von ihren "diffusen Ängsten" befreien.

Zum Problem aber könnte werden, daß diese Menschen weniger mit diffusen Ängsten als mit konkreten Forderungen auftreten: Einhaltung der bereits bestehenden Asyl- und Eiwanderungsregeln, einen besonnenen, den Interessen ihres Landes entsprechenden Einwanderungsmodus, konsequente Abschiebung abgelehnter Asylbewerber und krimineller Einwanderer. Darüber könnte man nun "reden", so etwas tut der Politiker gern. Doch die beherzten Spaziergänger, die sich inzwischen auch in Kundgebungen äußern, halten nicht allzuviel von solchen Gesprächen, sie wohlen eher – das Wichtigste in ihren Forderungen – selbst entscheiden können. Sie wollen direkte Demokratie, also die Relativierung der Macht der politischen Klasse und die Ermächtigung des Souveräns durch Volksentscheide. Wir steuern somit äußerst interessanten Zeiten entgegen, die wir hier nicht vorweg nehmen sollten.

Uns interessiert aber noch die Frage: wer sind diese Menschen? Wo gehören sie innerhalb unserer Charakterisierung der Individualgesellschaften des Westens genauer hin?

Doch diese Frage ist diesmal nicht entscheidend, und genau das macht die Potenz dieser Menschen aus! Denn gleich welche Weihegrade der Individuation sie erfuhren, sie alle unterlagen dabei nicht den einschlägigen Gefahren, die wir weiter oben benannt haben. Sie sind gegen die Seuche gewappnet. Ein ererbtes Amulett macht sie immun, das andere als wertlosen Klüngel erachteten und weggeschmissen hatten. Es ist die Liebe zum gemeinschaftlichen Eigenen. Man nennt sie Patriotismus. Sie selbst nennen sich entsprechend Patrioten und skandieren, "Wir sind das Volk!" Es wird wohl stimmen.

Das wiederum will der türkischstämmige Grünenpolitiker Özdemir (das ist der mit der "Mischpocke") nicht. Es täte ihm "im Herzen weh", daß die "Mischpocke" ausgerechnet die Losung für sich beanspruchte, mit der einst die Bürger der DDR auf die Straßen gingen, um ihre sozialistische Diktatur abzuschütteln und die Wiedervereinigung mit Westdeutschland zu erzwingen. Özdemirs Herzschmerz wird sicher derjenige nachempfinden können, der weiß, welche Verdienste sich Özdemirs Partei um die Wiedervereinigung erworben hat, und welchen hohen Stellenwert der Begriff Deutsches Volk in ihrem Vokabular stets einnahm. Oder aber er wird ahnen, warum die Herzbefindlichkeiten des Subjekts die Dresdner Patrioten einen feuchten Kehricht angehen.

Aber sie könnten der Auslöser dafür sein, daß die politische Welt bald nicht mehr das ist, was die Damen-und-Herren der nachachtundsechziger Vergangenheit auf ihrem Parkett angerichtet haben. Die Forderung nach direkter Demokratie ist die wichtigste Intention der Zeit, einer Zeit, in der das Versagen der parlamentarischen Klasse mit ihrer volksfernen ideologischen Orgiastik längst zum Himmel stinkt. Würde die neue Bewegung auf erhebliche Teile des Volkes überspringen, stünden langersehnte radikale Veränderungen vor.

Und zu allem, was die erwachten Patrioten erringen könnten, käme vielleicht einmal auch ein Straßenname für Daniel S. in Kirchweyhe hinzu4. Und nicht nur dort.

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Anmerkungen:

1. Ein solcher Ansatz war schon der erste thematische Beitrag auf geistsein.de: "Das Aufgehen der Person in der Kulturgeschichte und Sigmund Freud"

2. welt.de "West-östlicher Divan statt deutschnationales Feldbett"

3. Titelthema DER SPIEGEL 13/2007

4. Akif Pirincci zum Fall Daniel S.