Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Karl Marx und die Destruktivität des Utopischen - Ein Peripatos

26. 08. 2018 | Gesellschaft und Politik

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Es überraschte uns beide, als ich meinem Begleiter während eines lässigen Flanierens durch die Innenstadt Frankfurts (es liegt länger zurück - Vorweihnachtszeit vergangenen Jahres) zum ersten Mal diese meine Auffassung eröffnete. Denn eine derart grundlegende politische Position einem Freund, mit dem ich gut zwei Jahrzehnte lang Gedanken tiefergehend austausche, erst jetzt vermittelt zu haben, überraschte in der Tat auch mich. Zu der Überraschung aber über die verspätet daherkommende scheinbare Konzession eines “Rechten” an die linken Welterneuerer gesellte sich bei meinem Weggefährten auch ein ziemliches Entsetzen (deutlich in seinem Gesichtsausdruck vernehmbar) über die vermeintliche Abtrünnigkeit meines Zugeständnisses.

Ich beteuerte nämlich nichts weniger, als daß die Linken, also die Grünen und all die anderen “liberalen” Neomarxisten - gleich in welcher Partei oder sonstigem Gesinnungsgehäuse sie auch installiert säßen - in gewisser Weise mit nahezu allem recht hätten, was sie predigten, anvisierten und forderten.

Das klingt natürlich nach bitterem Tobak, wenn es auf einmal von jemandem zu vernehmen ist, der sich im Internet schon seit er das Surfen lernte als Antifeminist und Antilinker schlechthin positioniert hatte, und das nicht ohne auch mal einen gewissen Einfluß auf politische Gruppen ausgeübt zu haben. (Mit denen er allerdings heute nichts mehr am Hut hat, seit er dort als rechtsextrem zu fungieren begann, weil er nach dem schrecklichen Verbrechen des Norwegers Anders Breivik in Jahre 2011 auch die Sprachverbote der Politischen Korrektheit als Faktor der Radikalisierung des Massenmörders in Betracht gezogen hatte.)

“Wählst du also demnächst die Grünen?”, lautete die Rache meines Freundes für das Entsetzen, das ich ihm eingejagt hatte.

“Bestimmt nicht!”, antwortete ich mit der von ihm heimlich erhofften Entschiedenheit.

“Und warum nicht, wenn sie mit nahezu allem, was sie fordern und visionieren im Recht sind?”, entgegnete er erwartungsgemäß.

“Nun”, sagte ich, “ich würde auch einem dummen Jungen auf die Finger klopfen, wenn er eine Rosenknospe gewaltsam zu öffnen versuchte, weil er nicht warten will, bis sich die Blüte naturgemäß entfaltet. Aber seiner Imagination, aus der Knospe werde einmal eine Rose entstehen, stimmte ich zu. Damit hätte er richtig gelegen.”

Mein Zuhörer nahm sich einige Sekunden, um die Allegorie auszulegen.

“Also”, sagte er dann, “sie wollen das Richtige zur falschen Zeit; ist es das was du meinst?”

Ich nickte ihm zu, ergänzte ihn aber zugleich:

“Und falsche Zeit wie falsches Motiv warten wohl kaum mit den richtigen Mitteln auf.” Und hörbar lustlos, um zu zeigen, daß mir eigentlich wenig daran lag, mich wieder mal großanalytisch mit linken Irrtümern zu befassen, schmiß ich noch  hinterher: “Dem falschen Motiv gesellen sich nun mal schnell auch die falschen Methoden – ist das ein Thema?”

“Dann”, leitete mein Freund seinen nächsten Satz ein, und bei dem Wort wußte ich, daß er meinen Unwillen akzeptiert hatte, “dann laß uns einen Glühwein trinken.” – Wir waren mittlerweile am Weihnachtsmarkt der Stadt angelangt. “Ich lade ein!”

*

So wurde es dann auch gehalten, und bald ertüchtigte sich wieder die Zunge in dem Maß, in dem sich die Finger am heißen Becher erwärmten: “Ich nenne es den R-Faktor”, sprang ich in die nächste Gesprächsrunde.

“Ach, R wie Rosenschänder?”, scherzte der Freund gewollt albern und mit einem bemühten Ausdruck von Unbeholfenheit. “Oder was sagt uns der Buchstabe?”

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