Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
« ZURÜCK

Karl Marx und die Destruktivität des Utopischen - Ein Peripatos

26. 08. 2018 | Gesellschaft und Politik

PRINT

“Er macht den Unterschied zwischen Evolution und Revolution aus”, sagte ich.

Der Satz mag mit einem Hauch Selbstgefälligkeit rausgekommen sein, denn ich meinte, mit ihm eine gute Formel geliefert zu haben, ein taugliches Werkzeug für einen effektiven Einstieg in die Gesinnungsstruktur der Linken.

“Also”, resümierte mein Wegbegleiter - plötzlich leise und etwas versunken wirkend, wie als spräche er mit sich selbst -, “Evolution ist, wenn die Knospe von selbst aufgeht, und Revolution, wenn man sie gewaltsam öffnet”, und sinnierte fort im selben auffällig langsamen und selbstvergessenen Ton: “Und sie dabei zer-stö-rrrt…”

Er sprach die letzte Silbe regelrecht knarrend aus, und zu dieser Dramatik der Aussprache stellte er noch eine grimmige, ja, aggressive Mimik zur Schau, die seinen Unterarm nach oben schnellen ließ und eine geballte Faust mit in die Höhe brachte, die knapp vor dem noch halboffenem Mund des nun Schweigenden haltmachte und sich seinem verstört anmutenden scharfen Blick aussetzte. Er schaute eine Weile eindringlich auf die eigene Faust, als würde er Gedanken aus ihr lesen wollen. Und er schwieg.

So sehen nun mal Männergespräche aus, dachte ich, und die eigentümliche Heftigkeit der Geste hatte es mir so angetan, daß ich sie länger durch Stille zu würdigen gedachte. Doch ich rechnete ohne meinen “Wirt”, der mich jetzt, zurück in der Gegenwart angekommen, mit einer Frage aufschreckte, die nicht gleich erkennen ließ, in welchen diskursiven Wassern er gerade schwamm:

“Hältst du Karl Marx für einen Philosophen?”

Lieber Himmel, was ‘ne Frage! Nein, natürlich nicht, dachte ich.

“Nein, natürlich nicht!”, stieß ich dann auch abrupt aus, und nur ich wußte, daß ich mich eben wiederholt hatte.

“Warum nicht?”, kam so prompt wie erwartet.

Da hatten wir es wieder - warum nur? Warum muß ein Treffen mit diesem sonst so liebenswerten deutschen Freund immer in Arbeit ausarten? Freilich gibt es Lästigeres, als zu einer inhaltlichen Analyse des Größten Dialektikers aller Zeiten angehalten zu werden. Aber mußte mir heute wieder so etwas blühen?

Als wäre mein Unbehagen vom gnädigen Gegenüber erahnt worden, setzte der Freund mit einer weiteren Frage nach, die mir wohl den Einstieg erleichtern sollte, da sie meine Suche nach dem passenden Beginn auf die grammatikalische Gattung des Substantivs einschränkte:

“Was fehlt ihm – dem Karl Marx?”

Das hat in der Tat geholfen, denn es drängte sich förmlich ein brauchbarer – so schien es mir – Begriff auf die Zunge:

“Das Staunen!”, sagte ich bedeutungsvoll.

“Das Staunen?!”, staunte mein Freund und zeigte mir damit, daß wohl der Begriff ein wenig zu hoch hing, um mit ihm unvermittelt Kritik an Karl Marx aufzurufen. “Geht das nicht ein bißchen flacher?”

“Ja, das geht”, stimmte ich willig zu. “Man kann es auch den erkenntnistheoretischen  oder gnoseologischen Moment nennen”, begann ich zu erläutern, und wußte natürlich, daß auch diese Begriffe weiterer Klärung bedurften. Also fuhr ich direkt fort:

“Ich erwarte vom Philosophen - und damit meine ich nicht einen der überzähligen Träger dieses akademischen Titels, sondern diejenigen wenigen, die den philosophischen Dialog der Menschheit führen -, daß er vor jeglicher Aussage über Gott oder die Welt und all die anderen Dinge eine klare Positionierung und Charakterisierung seines denkenden Subjekts dartut. Er muß das Verhältnis zwischen Denken und Sein, somit auch zwischen dem Wahrnehmenden und seiner Wahrnehmung, dem Objekt, problematisieren. Was ist das Sein? Was ist das Denken? Und was mittendrin der Mensch als ein Ich oder ein Du?”

PRINT

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7