Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Karl Marx und die Destruktivität des Utopischen - Ein Peripatos

26. 08. 2018 | Gesellschaft und Politik

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“Ich mußte eben zuerst an Immanuel Kant denken”, sagte mein Gesprächspartner nach kurzer Überlegung. “Du verstehst ihn ja sicher mit seinen Fragestellungen über das Verhältnis unseres wahrnehmenden Verstandes zum eigentlichen ‘Ding an sich’ als einen der ‘Echten’, nicht wahr?”

“Sicher!”, sagte ich, “übrigens klangen seine Fragestellungen bereits bei den Vorsokratikern an. Und dann Platon!, der in seinem berühmten Höhlengleichnis unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit als eine Wahrnehmung deren bloßen Schattens vorstellt. Buddha nennt sie gar Täuschung. Sie alle und noch viele andere erklärten somit die menschliche Wesenheit, wie diese sich in der Ausübung des Denkens zum Ausdruck bringt, zu ihrem Untersuchungsobjekt gleichzeitig mit der Untersuchung der restlichen Existenz. Descartes sieht in unsrem Denken die einzige Möglichkeit auch der Selbstvergewisserung, und der einnehmend radikale Schopenhauer erklärt sogar Raum, Zeit und Materie als eine Einrichtung der Logik, als bloße Bühne, die einzig dazu dient, dem logischen Denken, wir könnten auch sagen dem Logos, den Auftritt zu ermöglichen. Aristoteles’ Arbeit über die Prinzipien der Logik ist auch als reine Hingabe an die Erkundung dieses heiligen Ortes zu sehen.”

Jetzt schwiegen wir wieder. Daß unsere Gespräche aus größeren Phasen der Stille bestehen, ist aber uns beiden selbstverständlich.

“Aber warum Staunen?”, fragte mein Freund nach einer Weile. “Was haben diese weltanschaulichen Manieren mit Erstaunen zu tun?”

“Viel, sehr viel! Die effizienten philosophischen Standpunkte werden außerhalb des Selbstverständlichen eingenommen”, bedeutete ich. “Wenn aber die Selbstverständlichkeit ausfällt, dann herrscht Erstaunen”, sagte ich noch und differenzierte sogleich: “Oder Schock!”

“Die Selbstverständlichkeit”, setzte ich fort, “verengt das Bewußtsein, sie macht es dumpf, das Staunen aber streckt es, macht es weit. Denn, welcher Mensch ist in selbstverständlicher Weise vorhanden? Es ist der Mensch, der da läuft oder sitzt, denkt fühlt und schläft, krankt oder gesundet, arbeitet, konsumiert, kopuliert, altert und stirbt. So erscheint uns das alles im engen Rahmen des Selbstverständlichen. Sprengen wir aber diesen Rahmen durch den Blick auf das Unsichtbare im Menschen, kommt ein ganz anderer zum Vorschein: Er ist jetzt ein nach den Größenordnungen des Selbstverständlichen zwar völlig unbedeutendes Pünktlein irgendwo in der unendlichen Düsterheit des Kosmos. Aber er ist ein magisches Pünktlein. Denn dieses vermag alles in sich aufzunehmen, was das große Ewige um ihn herum ihm preisgibt, und es vermag sogar, dem unendlichen betriebsamen Chaos noch mehr abzutrotzen. Den gewonnenen Ideen-Stoff kodiert es dann in Einheiten um, die Begriffe heißen, und die sein geistiger Organismus so mühelos verarbeiten kann, wie sein physischer die Nahrung.

Dieser wächst dann entsprechend nicht nur, und kann so immer mehr Material verarbeiten: Das Produkt dieses Wachstums, die Erkenntnis, macht das magische Pünktlein sogar zum Faktor und Mitentscheider bei immer mehr Prozessen in diesem Kosmos.

So fragte sich die Philosophie schon immer verwundert, wer ist dieses magische Pünktlein, wo kommt es her, wo will es hin, was ist sein Wesen, was ist das, was es sein Denken nennt, zu welchem Verhältnis steht dieses Denken zu seinen Objekten – den vielen Dingen da draußen - und über welche Wege und Gesetze kommt es zu seinen übergreifenden Produkten?

Das Denken als etwas Erstaunliches staunend zu durchleuchten, das ist der Eingang zur Philosophie, Erkenntnistheorie eben. Was davon kümmerte Karl Marx?”

“Nicht wirklich”, sagte mein Freund knapp und leise, als wäre er von meinem Vortrag so eingenommen, daß er ihn mit keinem weiteren Wort stören wollte.

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