Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Karl Marx und die Destruktivität des Utopischen - Ein Peripatos

26. 08. 2018 | Gesellschaft und Politik

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“Und man würde es nicht für möglich halten”, fügte ich noch zum Schluß ein, “aber das Pünktlein erwägt heute in seinen Erkenntnisphantasien die Eroberung des Alls und maßt sich die Fragestellung an, warum es – das All – überhaupt gibt und nicht an seiner Stelle einfach gar nichts! Um Heidegger nicht zu vergessen.”

Mir schien allmählich, daß während meiner Ausführung die Stimmung, in die meine Worte uns beide versetzten, immer mehr von jener Empfindung dominiert wurde, die ich mit eben diesen Worten zu erläutern suchte. Ja, wir beide “staunten” mittlerweile selbst und nicht schlecht! Wir staunten über die Sonderstellung, die unser “kleines Pünktlein”, der Mensch, durch sein Bewußtsein im Kosmos innehatte, wir staunten liebend über das kosmische Ereignis Mensch. Wir staunten und schwiegen wieder. Wir schwiegen bis die Ergriffenheit, die körperlich geworden war, ein Kribbeln, das man oft Gänsehaut nennt und das den Oberkörper rasch nach oben flutet, um ihn dann – Schultern, Brust und Kopfhaut elektrisierend – so wieder zu verlassen, als hätte es ihm Engelsflügel hinterlassen, verflog. Wir hatten das Staunen der Philosophen gestaunt! Weitere Worte waren jetzt überflüssig. Nur dies eine kleine Geschenk:

“Es hat immer wieder Momente in unserer Freundschaft gegeben”, hörte ich die ernste bedachtsame Stimme meines Begleiters ertönen, “da wußte ich genau, was ich an ihr habe. Heute gab es wieder einen solchen Moment.”

*

Wir hatten inzwischen unbemerkt den Weg zurück zu dem Ort angetreten, wo mein Freund, am Ende des ausgestreckten Weihnachtsmarktes, sein Auto stehen hatte. Nach einer Weile - es war wieder emotionaler Alltag geworden – sagte ich:

“Es gibt meines Erachtens keine Stelle im Werk Karl Marx’ (manche frühe Notiz ausgenommen), die annährend eine solche Stimmung der Devotion vor dem Menschlichen anregt oder reflektiert. Alles Hauptwerk vorwiegend Erbsenzählerei im dumpfen Selbstverständlichen, das revolutioniert werden muß, damit die Erbsen richtig verteilt sind, womit die Besitzer in ein Paradies auf Erden eingetreten wären, in dem sie vor ihrem Ableben nicht nur gehen und sitzen, arbeiten und essen, schlafen und wachen würden, sondern noch dazu nach Belieben jagen und fischen und abends Buchkritiken verfassen, wie die anspruchslosen Phantasien Marxens über ein wünschenswertes Leben an gewisser Stelle lauten. Und das alles in einer Bildungssprache, die sich groß zu sein müht, ohne jedoch groß sein zu können, weil sie nichts Großes kennt.”

Ich fühlte, es war jetzt genug mit dem armen Marx. Und wie gerufen resümierte mein Freund:

“Vollkommen nachvollzierbar, deine Verneinung seiner philosophischen Relevanz! Absolut nachvollziehbar!”

“Und wie ist das mit dir?”, fragte ich dann, hörbar erleichtert, den Ball jetzt losgeworden zu sein.

“Auch ich halte den GröDaZ (er benutzte ironisch die Abkürzung für den Größten Dialektiker aller Zeiten) nicht für einen Philosophen, wenn auch aus viel profaneren Gründen.”

“Als da wären?”, fragte ich betont fix, da ich wußte, unser Spaziergang neigte sich langsam seinem Ende zu.

“Nun, mit seiner These, die Philosophen hätten die Welt bis dato nur erklärt, es komme aber darauf an sie zu verändern, distanziert er sich eigentlich selbsttätig von den Philosophen der Vergangenheit, die ja die Welt nur erklären wollten. Wenn auch das so gar nicht stimmt, denn es gab schon vor ihm durchaus solche, die gesellschaftliche Pläne geschmiedet hatten”, hörte ich den Freund erläutern. Und während ich noch die Evidenz des eben Gehörten abwog, ging es weiter:

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