Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Karl Marx und die Destruktivität des Utopischen - Ein Peripatos

26. 08. 2018 | Gesellschaft und Politik

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“Hinzu kommt aber ein zweiter eklatanter - wie ich meine - Widerspruch, zieht man jene weitere These aus dem Thesaurus des Meistermaterialisten hinzu, nach welcher ja das Bewußtsein nicht das Sein bestimmt, sondern nur andersrum. Denn wie sollte man dann mit Philosophie, die doch – wie ja alle anderen Ideen - reiner Bewußtseinsinhalt ist, sein erklärtes Ziel, das Sein zu verändern, erfüllen?” (Ich mußte hierbei etwas feixen.) “Also”, schlußfolgerte mein lieber Gesprächspartner: “Es war wohl keine Philosophie, was er da trieb, sondern sonst irgend etwas, und somit war auch er kein Philosoph. Und dies wohlgemerkt nach seinem eigenen Verständnis!

Ich feierte diese seine Worte  wie ein Kind, das eben ein Spielzeuggeschäft mit seinem Lieblingsspielzeug unterm Arm verläßt. Nicht nur die tadellose Gliederung der obigen Gedankengänge machte einfach Spaß. Auch die Einfachheit, mit der hier plötzlich die semantische Kohärenz grundlegender Positionen des Marx’schen Kosmos dem referierten Denker um die Ohren flog, war ein hehres Vergnügen. Und wir mußten beide unsere Köpfe weit nach hinten schmeißen, um dem Lacher freien Lauf zu lassen, der sich jetzt durch die Kehlen drängte.

“Schön, mein Lieber, schön hast du ihn vorgeführt!”, jubelte ich und übte gleich Vergeltung für das zu schöne Kompliment, das er kurz zuvor mir gespendet hatte: “Es gibt Momente”, kopierte ich ihn, “da weiß auch ich zur Genüge, was mir unsere Freundschaft wert ist!”

Doch während ich seine flotte Abhandlung zu Marxens Widersprüchen für abgeschlossen hielt, setzte mein denktüchtiger Begleiter noch einen drauf: “Da steckt eben zu Recht auch diese Ironie drin, daß, ginge es nach mir, der GröDaZ durchaus Philosoph sein gedurft hätte, da ich ja beide seine Thesen, die ihm das absprechen, für falsch halte. Aber er will es eben anders, also bleibt er für mich kein Philosoph.”

Ich genoß noch diese spitzfindige Darstellung der selbstverschuldeten Disqualifizierung des Kommunistenpapstes wie das feine Dessert unserer heiter-gehässigen Abrechnung mit demselben, als ich in gemäßigter Ferne schon die Merkelpoller sah (im Volksmund und aus verständlichem Grund nach Kanzlerin Merkel benannte Betonsperren, die einen Autodschihad an hochfrequentierten Plätzen verhindern sollen), die das Ende des Gebiets markierten, über dem sich der Weihnachtsmarkt, das Areal unseres philosophischen Peripatos erstreckte, und das auch das Ende unserer Begegnung bedeutete, da mein Besucher ja dort seinen Wagen geparkt hatte. Ich begann das Gespräch zu seinem Abschluß zu wenden, indem ich bedachtsam seinen Ausgangspunkt ansteuerte:

“Die These, allein das Sein bedinge das Bewußtsein ist natürlich deswegen Humbug, weil jeder elementar begabte Mensch leicht erkennt, daß sich beide Faktoren – Sein oder gesellschaftliches Sein und Bewußtsein - reziprok bedingen. In einem durch das Bewußtsein, etwa durch Kultur und Wissenschaft weitergebrachten Sein, entsteht und gedeiht eine neues Bewußtsein, das seinerseits an weiteren Veränderungen des Seins arbeitet, nach denen dann wiederum ein neues Bewußtsein entsteht und so fort. So läuft der Motor der menschlichen Evolution. Daß Marx sich zu der einseitigen Aussage verleitet hat, wonach allein das Sein das Bewußtsein bestimmt, war kein denkerischer Impuls, sondern ein rein emotionaler: Sein Haß auf den menschlichen Geist, dem zu jener Zeit Marxens Widersacher, die Idealisten, metaphysische Apotheosen zukommen ließen, die für ihn ein Ärgernis waren.

Es ist der Haß gegen die Essenz, die unser magisches Pünktlein von vorhin magisch macht.”

Beim letzten Satz drehte der Freund seinen Kopf hurtig zu mir hin und ließ ihn eine Weile wie gebannt so stehen. Es schien, als ob ihm dieser Zusammenhang einen besonderen Knotenpunkt unseres bisherigen Gesprächs bedeutete. Das tat er auch. Also sprach ich weiter:

“Ich will hier und heute nicht noch über die Ursprünge dieses Hasses reflektieren. Aber so viel will ich dazu noch sagen: Nirgends steckt dieser Haß auf den menschlichen Geist so treuherzig konserviert wie in der Technikfeindlichkeit der Grünen.”

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