Karl Marx und die Destruktivität des Utopischen - Ein Peripatos

Es überraschte uns beide, als ich meinem Begleiter während eines lässigen Flanierens durch die Innenstadt Frankfurts (es liegt länger zurück - Vorweihnachtszeit vergangenen Jahres) zum ersten Mal diese meine Auffassung eröffnete. Denn eine derart grundlegende politische Position einem Freund, mit dem ich gut zwei Jahrzehnte lang Gedanken tiefergehend austausche, erst jetzt vermittelt zu haben, überraschte in der Tat auch mich. Zu der Überraschung aber über die verspätet daherkommende scheinbare Konzession eines "Rechten" an die linken Welterneuerer gesellte sich bei meinem Weggefährten auch ein ziemliches Entsetzen (deutlich in seinem Gesichtsausdruck vernehmbar) über die vermeintliche Abtrünnigkeit meines Zugeständnisses.

Ich beteuerte nämlich nichts weniger, als daß die Linken, also die Grünen und all die anderen "liberalen" Neomarxisten - gleich in welcher Partei oder sonstigem Gesinnungsgehäuse sie auch installiert säßen - in gewisser Weise mit nahezu allem recht hätten, was sie predigten, anvisierten und forderten.

Das klingt natürlich nach bitterem Tobak, wenn es auf einmal von jemandem zu vernehmen ist, der sich im Internet schon seit er das Surfen lernte als Antifeminist und Antilinker schlechthin positioniert hatte, und das nicht ohne auch mal einen gewissen Einfluß auf politische Gruppen ausgeübt zu haben. (Mit denen er allerdings heute nichts mehr am Hut hat, seit er dort als rechtsextrem zu fungieren begann, weil er nach dem schrecklichen Verbrechen des Norwegers Anders Breivik in Jahre 2011 auch die Sprachverbote der Politischen Korrektheit als Faktor der Radikalisierung des Massenmörders in Betracht gezogen hatte.)

"Wählst du also demnächst die Grünen?", lautete die Rache meines Freundes für das Entsetzen, das ich ihm eingejagt hatte.

"Bestimmt nicht!", antwortete ich mit der von ihm heimlich erhofften Entschiedenheit.

"Und warum nicht, wenn sie mit nahezu allem, was sie fordern und visionieren im Recht sind?", entgegnete er erwartungsgemäß.

"Nun", sagte ich, "ich würde auch einem dummen Jungen auf die Finger klopfen, wenn er eine Rosenknospe gewaltsam zu öffnen versuchte, weil er nicht warten will, bis sich die Blüte naturgemäß entfaltet. Aber seiner Imagination, aus der Knospe werde einmal eine Rose entstehen, stimmte ich zu. Damit hätte er richtig gelegen."

Mein Zuhörer nahm sich einige Sekunden, um die Allegorie auszulegen.

"Also", sagte er dann, "sie wollen das Richtige zur falschen Zeit; ist es das was du meinst?"

Ich nickte ihm zu, ergänzte ihn aber zugleich:

"Und falsche Zeit wie falsches Motiv warten wohl kaum mit den richtigen Mitteln auf." Und hörbar lustlos, um zu zeigen, daß mir eigentlich wenig daran lag, mich wieder mal großanalytisch mit linken Irrtümern zu befassen, schmiß ich noch  hinterher: "Dem falschen Motiv gesellen sich nun mal schnell auch die falschen Methoden – ist das ein Thema?"

"Dann", leitete mein Freund seinen nächsten Satz ein, und bei dem Wort wußte ich, daß er meinen Unwillen akzeptiert hatte, "dann laß uns einen Glühwein trinken." – Wir waren mittlerweile am Weihnachtsmarkt der Stadt angelangt. "Ich lade ein!"

*

So wurde es dann auch gehalten, und bald ertüchtigte sich wieder die Zunge in dem Maß, in dem sich die Finger am heißen Becher erwärmten: "Ich nenne es den R-Faktor", sprang ich in die nächste Gesprächsrunde.

"Ach, R wie Rosenschänder?", scherzte der Freund gewollt albern und mit einem bemühten Ausdruck von Unbeholfenheit. "Oder was sagt uns der Buchstabe?"

"Er macht den Unterschied zwischen Evolution und Revolution aus", sagte ich.

Der Satz mag mit einem Hauch Selbstgefälligkeit rausgekommen sein, denn ich meinte, mit ihm eine gute Formel geliefert zu haben, ein taugliches Werkzeug für einen effektiven Einstieg in die Gesinnungsstruktur der Linken.

"Also", resümierte mein Wegbegleiter - plötzlich leise und etwas versunken wirkend, wie als spräche er mit sich selbst -, "Evolution ist, wenn die Knospe von selbst aufgeht, und Revolution, wenn man sie gewaltsam öffnet", und sinnierte fort im selben auffällig langsamen und selbstvergessenen Ton: "Und sie dabei zer-stö-rrrt…"

Er sprach die letzte Silbe regelrecht knarrend aus, und zu dieser Dramatik der Aussprache stellte er noch eine grimmige, ja, aggressive Mimik zur Schau, die seinen Unterarm nach oben schnellen ließ und eine geballte Faust mit in die Höhe brachte, die knapp vor dem noch halboffenem Mund des nun Schweigenden haltmachte und sich seinem verstört anmutenden scharfen Blick aussetzte. Er schaute eine Weile eindringlich auf die eigene Faust, als würde er Gedanken aus ihr lesen wollen. Und er schwieg.

So sehen nun mal Männergespräche aus, dachte ich, und die eigentümliche Heftigkeit der Geste hatte es mir so angetan, daß ich sie länger durch Stille zu würdigen gedachte. Doch ich rechnete ohne meinen "Wirt", der mich jetzt, zurück in der Gegenwart angekommen, mit einer Frage aufschreckte, die nicht gleich erkennen ließ, in welchen diskursiven Wassern er gerade schwamm:

"Hältst du Karl Marx für einen Philosophen?"

Lieber Himmel, was 'ne Frage! Nein, natürlich nicht, dachte ich.

"Nein, natürlich nicht!", stieß ich dann auch abrupt aus, und nur ich wußte, daß ich mich eben wiederholt hatte.

"Warum nicht?", kam so prompt wie erwartet.

Da hatten wir es wieder - warum nur? Warum muß ein Treffen mit diesem sonst so liebenswerten deutschen Freund immer in Arbeit ausarten? Freilich gibt es Lästigeres, als zu einer inhaltlichen Analyse des Größten Dialektikers aller Zeiten angehalten zu werden. Aber mußte mir heute wieder so etwas blühen?

Als wäre mein Unbehagen vom gnädigen Gegenüber erahnt worden, setzte der Freund mit einer weiteren Frage nach, die mir wohl den Einstieg erleichtern sollte, da sie meine Suche nach dem passenden Beginn auf die grammatikalische Gattung des Substantivs einschränkte:

"Was fehlt ihm – dem Karl Marx?"

Das hat in der Tat geholfen, denn es drängte sich förmlich ein brauchbarer – so schien es mir – Begriff auf die Zunge:

"Das Staunen!", sagte ich bedeutungsvoll.

"Das Staunen?!", staunte mein Freund und zeigte mir damit, daß wohl der Begriff ein wenig zu hoch hing, um mit ihm unvermittelt Kritik an Karl Marx aufzurufen. "Geht das nicht ein bißchen flacher?"

"Ja, das geht", stimmte ich willig zu. "Man kann es auch den erkenntnistheoretischen  oder gnoseologischen Moment nennen", begann ich zu erläutern, und wußte natürlich, daß auch diese Begriffe weiterer Klärung bedurften. Also fuhr ich direkt fort:

"Ich erwarte vom Philosophen - und damit meine ich nicht einen der überzähligen Träger dieses akademischen Titels, sondern diejenigen wenigen, die den philosophischen Dialog der Menschheit führen -, daß er vor jeglicher Aussage über Gott oder die Welt und all die anderen Dinge eine klare Positionierung und Charakterisierung seines denkenden Subjekts dartut. Er muß das Verhältnis zwischen Denken und Sein, somit auch zwischen dem Wahrnehmenden und seiner Wahrnehmung, dem Objekt, problematisieren. Was ist das Sein? Was ist das Denken? Und was mittendrin der Mensch als ein Ich oder ein Du?"

"Ich mußte eben zuerst an Immanuel Kant denken", sagte mein Gesprächspartner nach kurzer Überlegung. "Du verstehst ihn ja sicher mit seinen Fragestellungen über das Verhältnis unseres wahrnehmenden Verstandes zum eigentlichen 'Ding an sich' als einen der 'Echten', nicht wahr?"

"Sicher!", sagte ich, "übrigens klangen seine Fragestellungen bereits bei den Vorsokratikern an. Und dann Platon!, der in seinem berühmten Höhlengleichnis unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit als eine Wahrnehmung deren bloßen Schattens vorstellt. Buddha nennt sie gar Täuschung. Sie alle und noch viele andere erklärten somit die menschliche Wesenheit, wie diese sich in der Ausübung des Denkens zum Ausdruck bringt, zu ihrem Untersuchungsobjekt gleichzeitig mit der Untersuchung der restlichen Existenz. Descartes sieht in unsrem Denken die einzige Möglichkeit auch der Selbstvergewisserung, und der einnehmend radikale Schopenhauer erklärt sogar Raum, Zeit und Materie als eine Einrichtung der Logik, als bloße Bühne, die einzig dazu dient, dem logischen Denken, wir könnten auch sagen dem Logos, den Auftritt zu ermöglichen. Aristoteles' Arbeit über die Prinzipien der Logik ist auch als reine Hingabe an die Erkundung dieses heiligen Ortes zu sehen."

Jetzt schwiegen wir wieder. Daß unsere Gespräche aus größeren Phasen der Stille bestehen, ist aber uns beiden selbstverständlich.

"Aber warum Staunen?", fragte mein Freund nach einer Weile. "Was haben diese weltanschaulichen Manieren mit Erstaunen zu tun?"

"Viel, sehr viel! Die effizienten philosophischen Standpunkte werden außerhalb des Selbstverständlichen eingenommen", bedeutete ich. "Wenn aber die Selbstverständlichkeit ausfällt, dann herrscht Erstaunen", sagte ich noch und differenzierte sogleich: "Oder Schock!"

"Die Selbstverständlichkeit", setzte ich fort, "verengt das Bewußtsein, sie macht es dumpf, das Staunen aber streckt es, macht es weit. Denn, welcher Mensch ist in selbstverständlicher Weise vorhanden? Es ist der Mensch, der da läuft oder sitzt, denkt fühlt und schläft, krankt oder gesundet, arbeitet, konsumiert, kopuliert, altert und stirbt. So erscheint uns das alles im engen Rahmen des Selbstverständlichen. Sprengen wir aber diesen Rahmen durch den Blick auf das Unsichtbare im Menschen, kommt ein ganz anderer zum Vorschein: Er ist jetzt ein nach den Größenordnungen des Selbstverständlichen zwar völlig unbedeutendes Pünktlein irgendwo in der unendlichen Düsterheit des Kosmos. Aber er ist ein magisches Pünktlein. Denn dieses vermag alles in sich aufzunehmen, was das große Ewige um ihn herum ihm preisgibt, und es vermag sogar, dem unendlichen betriebsamen Chaos noch mehr abzutrotzen. Den gewonnenen Ideen-Stoff kodiert es dann in Einheiten um, die Begriffe heißen, und die sein geistiger Organismus so mühelos verarbeiten kann, wie sein physischer die Nahrung.

Dieser wächst dann entsprechend nicht nur, und kann so immer mehr Material verarbeiten: Das Produkt dieses Wachstums, die Erkenntnis, macht das magische Pünktlein sogar zum Faktor und Mitentscheider bei immer mehr Prozessen in diesem Kosmos.

So fragte sich die Philosophie schon immer verwundert, wer ist dieses magische Pünktlein, wo kommt es her, wo will es hin, was ist sein Wesen, was ist das, was es sein Denken nennt, zu welchem Verhältnis steht dieses Denken zu seinen Objekten – den vielen Dingen da draußen - und über welche Wege und Gesetze kommt es zu seinen übergreifenden Produkten?

Das Denken als etwas Erstaunliches staunend zu durchleuchten, das ist der Eingang zur Philosophie, Erkenntnistheorie eben. Was davon kümmerte Karl Marx?"

"Nicht wirklich", sagte mein Freund knapp und leise, als wäre er von meinem Vortrag so eingenommen, daß er ihn mit keinem weiteren Wort stören wollte.

"Und man würde es nicht für möglich halten", fügte ich noch zum Schluß ein, "aber das Pünktlein erwägt heute in seinen Erkenntnisphantasien die Eroberung des Alls und maßt sich die Fragestellung an, warum es – das All – überhaupt gibt und nicht an seiner Stelle einfach gar nichts! Um Heidegger nicht zu vergessen."

Mir schien allmählich, daß während meiner Ausführung die Stimmung, in die meine Worte uns beide versetzten, immer mehr von jener Empfindung dominiert wurde, die ich mit eben diesen Worten zu erläutern suchte. Ja, wir beide "staunten" mittlerweile selbst und nicht schlecht! Wir staunten über die Sonderstellung, die unser "kleines Pünktlein", der Mensch, durch sein Bewußtsein im Kosmos innehatte, wir staunten liebend über das kosmische Ereignis Mensch. Wir staunten und schwiegen wieder. Wir schwiegen bis die Ergriffenheit, die körperlich geworden war, ein Kribbeln, das man oft Gänsehaut nennt und das den Oberkörper rasch nach oben flutet, um ihn dann – Schultern, Brust und Kopfhaut elektrisierend – so wieder zu verlassen, als hätte es ihm Engelsflügel hinterlassen, verflog. Wir hatten das Staunen der Philosophen gestaunt! Weitere Worte waren jetzt überflüssig. Nur dies eine kleine Geschenk:

"Es hat immer wieder Momente in unserer Freundschaft gegeben", hörte ich die ernste bedachtsame Stimme meines Begleiters ertönen, "da wußte ich genau, was ich an ihr habe. Heute gab es wieder einen solchen Moment."

*

Wir hatten inzwischen unbemerkt den Weg zurück zu dem Ort angetreten, wo mein Freund, am Ende des ausgestreckten Weihnachtsmarktes, sein Auto stehen hatte. Nach einer Weile - es war wieder emotionaler Alltag geworden – sagte ich:

"Es gibt meines Erachtens keine Stelle im Werk Karl Marx' (manche frühe Notiz ausgenommen), die annährend eine solche Stimmung der Devotion vor dem Menschlichen anregt oder reflektiert. Alles Hauptwerk vorwiegend Erbsenzählerei im dumpfen Selbstverständlichen, das revolutioniert werden muß, damit die Erbsen richtig verteilt sind, womit die Besitzer in ein Paradies auf Erden eingetreten wären, in dem sie vor ihrem Ableben nicht nur gehen und sitzen, arbeiten und essen, schlafen und wachen würden, sondern noch dazu nach Belieben jagen und fischen und abends Buchkritiken verfassen, wie die anspruchslosen Phantasien Marxens über ein wünschenswertes Leben an gewisser Stelle lauten. Und das alles in einer Bildungssprache, die sich groß zu sein müht, ohne jedoch groß sein zu können, weil sie nichts Großes kennt."

Ich fühlte, es war jetzt genug mit dem armen Marx. Und wie gerufen resümierte mein Freund:

"Vollkommen nachvollzierbar, deine Verneinung seiner philosophischen Relevanz! Absolut nachvollziehbar!"

"Und wie ist das mit dir?", fragte ich dann, hörbar erleichtert, den Ball jetzt losgeworden zu sein.

"Auch ich halte den GröDaZ (er benutzte ironisch die Abkürzung für den Größten Dialektiker aller Zeiten) nicht für einen Philosophen, wenn auch aus viel profaneren Gründen."

"Als da wären?", fragte ich betont fix, da ich wußte, unser Spaziergang neigte sich langsam seinem Ende zu.

"Nun, mit seiner These, die Philosophen hätten die Welt bis dato nur erklärt, es komme aber darauf an sie zu verändern, distanziert er sich eigentlich selbsttätig von den Philosophen der Vergangenheit, die ja die Welt nur erklären wollten. Wenn auch das so gar nicht stimmt, denn es gab schon vor ihm durchaus solche, die gesellschaftliche Pläne geschmiedet hatten", hörte ich den Freund erläutern. Und während ich noch die Evidenz des eben Gehörten abwog, ging es weiter:

"Hinzu kommt aber ein zweiter eklatanter - wie ich meine - Widerspruch, zieht man jene weitere These aus dem Thesaurus des Meistermaterialisten hinzu, nach welcher ja das Bewußtsein nicht das Sein bestimmt, sondern nur andersrum. Denn wie sollte man dann mit Philosophie, die doch – wie ja alle anderen Ideen - reiner Bewußtseinsinhalt ist, sein erklärtes Ziel, das Sein zu verändern, erfüllen?" (Ich mußte hierbei etwas feixen.) "Also", schlußfolgerte mein lieber Gesprächspartner: "Es war wohl keine Philosophie, was er da trieb, sondern sonst irgend etwas, und somit war auch er kein Philosoph. Und dies wohlgemerkt nach seinem eigenen Verständnis!"

Ich feierte diese seine Worte  wie ein Kind, das eben ein Spielzeuggeschäft mit seinem Lieblingsspielzeug unterm Arm verläßt. Nicht nur die tadellose Gliederung der obigen Gedankengänge machte einfach Spaß. Auch die Einfachheit, mit der hier plötzlich die semantische Kohärenz grundlegender Positionen des Marx'schen Kosmos dem referierten Denker um die Ohren flog, war ein hehres Vergnügen. Und wir mußten beide unsere Köpfe weit nach hinten schmeißen, um dem Lacher freien Lauf zu lassen, der sich jetzt durch die Kehlen drängte.

"Schön, mein Lieber, schön hast du ihn vorgeführt!", jubelte ich und übte gleich Vergeltung für das zu schöne Kompliment, das er kurz zuvor mir gespendet hatte: "Es gibt Momente", kopierte ich ihn, "da weiß auch ich zur Genüge, was mir unsere Freundschaft wert ist!"

Doch während ich seine flotte Abhandlung zu Marxens Widersprüchen für abgeschlossen hielt, setzte mein denktüchtiger Begleiter noch einen drauf: "Da steckt eben zu Recht auch diese Ironie drin, daß, ginge es nach mir, der GröDaZ durchaus Philosoph sein gedurft hätte, da ich ja beide seine Thesen, die ihm das absprechen, für falsch halte. Aber er will es eben anders, also bleibt er für mich kein Philosoph."

Ich genoß noch diese spitzfindige Darstellung der selbstverschuldeten Disqualifizierung des Kommunistenpapstes wie das feine Dessert unserer heiter-gehässigen Abrechnung mit demselben, als ich in gemäßigter Ferne schon die Merkelpoller sah (im Volksmund und aus verständlichem Grund nach Kanzlerin Merkel benannte Betonsperren, die einen Autodschihad an hochfrequentierten Plätzen verhindern sollen), die das Ende des Gebiets markierten, über dem sich der Weihnachtsmarkt, das Areal unseres philosophischen Peripatos erstreckte, und das auch das Ende unserer Begegnung bedeutete, da mein Besucher ja dort seinen Wagen geparkt hatte. Ich begann das Gespräch zu seinem Abschluß zu wenden, indem ich bedachtsam seinen Ausgangspunkt ansteuerte:

"Die These, allein das Sein bedinge das Bewußtsein ist natürlich deswegen Humbug, weil jeder elementar begabte Mensch leicht erkennt, daß sich beide Faktoren – Sein oder gesellschaftliches Sein und Bewußtsein - reziprok bedingen. In einem durch das Bewußtsein, etwa durch Kultur und Wissenschaft weitergebrachten Sein, entsteht und gedeiht eine neues Bewußtsein, das seinerseits an weiteren Veränderungen des Seins arbeitet, nach denen dann wiederum ein neues Bewußtsein entsteht und so fort. So läuft der Motor der menschlichen Evolution. Daß Marx sich zu der einseitigen Aussage verleitet hat, wonach allein das Sein das Bewußtsein bestimmt, war kein denkerischer Impuls, sondern ein rein emotionaler: Sein Haß auf den menschlichen Geist, dem zu jener Zeit Marxens Widersacher, die Idealisten, metaphysische Apotheosen zukommen ließen, die für ihn ein Ärgernis waren.

Es ist der Haß gegen die Essenz, die unser magisches Pünktlein von vorhin magisch macht."

Beim letzten Satz drehte der Freund seinen Kopf hurtig zu mir hin und ließ ihn eine Weile wie gebannt so stehen. Es schien, als ob ihm dieser Zusammenhang einen besonderen Knotenpunkt unseres bisherigen Gesprächs bedeutete. Das tat er auch. Also sprach ich weiter:

"Ich will hier und heute nicht noch über die Ursprünge dieses Hasses reflektieren. Aber so viel will ich dazu noch sagen: Nirgends steckt dieser Haß auf den menschlichen Geist so treuherzig konserviert wie in der Technikfeindlichkeit der Grünen."

"Oh ja, die Rosenschänder! Die Rosenschänder!", raste mein Freund aus. "Wie viel besser ich das jetzt verstehe: Sie vernichten das Sein der Knospe, um endlich das Bewußtsein der Rose in der Gesellschaft zu etablieren. Grün, jawohl, das ist die Zukunft!"

Diese erfrischende Verbindung von nahezu kindlicher Schalkhaftigkeit und präziser Darstellung eines politischen Dilemmas begeisterte mich geradezu, und sie ebnete jetzt auch den Weg zu einem Schlußwort.

"Die Grünen, ja, aber auch all die anderen verschiedenen neomarxistischen Prägungen aller Parteien, Feministen, Ökologisten, all die 'Bunten', 'Weltoffenen' und 'Toleranten' haben augenscheinlich in ihrer Politik nichts mehr mit der Verwaltung des ihnen anvertrauten Landes im Sinne und zum Wohle seines Besitzers zu tun, sondern mit der Umwandlung desselbigen zu einem Hort ihrer verqueren Ideologien. Das 'Sein' im Lande soll der Bildung des 'Bewußtseins' dienen, in dem die Bürger und Wähler denken und fühlen sollen. Das unterstützende Regelwerk auf der Artikulationsebene nennen wir die politisch korrekte Sprache.

Die gegenwärtige Politik ist also wie ein Verwalter, der auf dem Grund, den er verwalten soll, eine Umerziehungsanstalt für den Besitzer errichtet und alle möglichen Leute hineingelassen hat, die sich an den Früchten des usurpierten Bodens laben dürfen. Wo der Verstand dann gänzlich aussetzt, wird dem rechtmäßigen Inhaber gesagt, daß ihm bei einer 'Abschottung' seines Guts Inzuchtgefahr drohe."

"Hör bitte auf", flehte es an meiner Seite. "Wie absurd und zugleich wahr ist das denn… Allein das Zuhören ist eine Zumutung. Hör auf!"

Ich hörte nicht auf. Denn ich näherte langsam dem Abschluß dieses Zwiegesprächs, und auch bis zu den Merkelpollern waren es nur noch wenige Schritte.

"Eine Welt ohne Grenzen ist ein edler Traum der Menschheit", sagte ich darauf, wissend, daß ich damit Widerwillen erzeugen würde. Er drehte dann auch gleich einen stechenden Blick so langsam in meine Richtung, daß es wohl wie eine Drohung aussehen sollte.

"Ach, OK! Du sagtest ja anfangs schon, daß du ab jetzt die Grünen wählen würdest."

Doch ohne auf die Provokation einzugehen fuhr ich fort:

"Und freilich wird dieser eines Tages in Erfüllung gehen, worüber sich auch jeder Nicht-Linke freuen wird.

Vermutlich aber werden trotz der informatorischen Globalisierung unserer Zeit noch etliche Generationen vergehen, bis es soweit ist. Und die Verzögerung dieser Erfüllung wird nicht etwa an den westlichen Staaten liegen, die ihre bescheuerte und für ihre Bevölkerungen zerstörerische 'Willkommenskultur' so unbedarft exerzieren. Sie wird eher an denjenigen Kulturen liegen, die nicht daran denken, ihre archaischen Stammesmentalitäten und ihre unterdrückenden Primitiv-Theokratien zu reformieren, sondern die gastfreundlichen Staaten der illoyalen Landverwalter sich eher zur Beute machen wollen, häufig unter der Absicht, dort Kolonien ihrer Rückständigkeit zu installieren und den Glauben an ihren unterwerfenden Moloch zu expandieren.

Was geschieht nun, wenn die westlichen verblendeten Zauberlinge, die meinen, man müsse nur das 'Sein' entsprechend manipulieren, um das erwünschte 'Bewußtsein' in 'bunter' Gesellschaft aufblühen zu lassen, unser Sein zu gefährden bereit sind, um Entwicklungen in die Gegenwart zu nötigen, deren natürliche Blütezeit erst in späterer Epoche anzuberaumen wäre?

Was geschieht, wenn die verkappten Ideologen, die sich dem Besitzer des Landes als Verwalter ausgeben, die Zäune niederreißen, um allen möglichen Gestalten aus den dunkelsten Ecken dieser Erde, darunter solchen, die ihren Haß auf die westliche Freiheit als Dogma ihrer heiligen Bücher erachten, unkontrollierten Einlaß zu gestatten?"

Diese meine letzten Fragen waren gewiß rhetorisch und sollten das Ende unseres philosophischen Streifzugs bilden. Denn wir standen jetzt mitten in der Antwort:

Es dunkelte bereits, und die Betonpoller, die wir vorhin die Merkelpoller nannten und die sicher so in die Geschichte eingehen werden, umgaben uns jetzt wie graue Meteore aus der Tiefe - man möchte aus der Hölle sagen - und nannten uns ihren Sinn und ihre Namen: Angst, Verrat, Grauen und Wut… Abwechselnd schauten wir uns gegenseitig an und wandten dann wieder unsere Blicke auf die grauen Klötze, inmitten derer wir wie in einem Wolkenbruch des Bösen standen.

Und dann kam sie wieder - jene beeindruckende Gebärde meines Freundes, die mich kurz nach Beginn unseres Treffens so fasziniert hatte. Wieder schaute er eindringlich auf seine geballte, nahe dem Gesicht erhobene Faust als würde er sich mit ihr geheim unterhalten. Doch dann hob er das Gesicht, schaute jetzt mich mit festem Blick an und sprach diesmal. Er sprach hörbar betroffen bei langsamem Kopfschütteln und – wie ich zu vernehmen glaubte – mit etwas gebrochener Stimme (es ging ja um seine Heimat), und er sagte:

"Diese Verbrecher!"

Da ich nicht zu fragen gedachte, wen er meinte, blieben dies die letzten Worte unseres Spaziergangs. Er eilte noch die wenigen Meter bis zu seinem Wagen und fuhr davon.

Es war wieder mal eine ergiebige Begegnung.

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