Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
« ZURÜCK

Birgitta Weber und die Instrumentalisierung

27. 01. 2018 | Ideologie und ihre Sprache

PRINT

Offener Brief zu diesem Fernsehkommentar:

TT-Kommentar Birgitta Weber

„Lasst euch nicht instrumentalisieren.“ Ein Kommentar zum Umgang mit dem Hass und der Angst in Kandel von Birgitta Weber.

Posted by tagesschau on Mittwoch, 10. Januar 2018

Schönen Tag, Frau Weber,

mit etwas Verspätung ist mir zuteil worden, Ihren am 10. Jan. ausgestrahlten Fernsehkommentar, den Sie anläßlich der Folgeereignisse nach der brutalen Tötung einer 15jährigen Deutschen durch einen vermeintlich gleichaltrigen Afghanen in der Stadt Kandel abgegeben haben, auf der Internetseite Ihres Senders1 studieren zu dürfen.

Da Umfang und Konnotation Ihrer Begrifflichkeit jedoch so originär und eindrucksvoll das Scheitern des Denkens im politischen Disput der Gegenwart illustrieren, ist, meine ich, keineswegs zu spät für die hier erfolgende Analyse ihres gedanklichen Vorgehens im genannten Kommentar.

Der Titel, “Laßt euch nicht instrumentalisieren”, stellt klar, daß Sie von etwas sprechen möchten, was ambivalent bewertet werden kann. Eine Ihrer Meinung nach falsche Bewertung des sich in Kandel ereigneten Mordfalls, wäre ein Instrument in den Händen der Ihnen unliebsamen politischen Seite. Wäre aber nun die Ihrer Meinung nach richtige Bewertung des Mordfalls kein Instrument in den Händen des von Ihnen präferierten politischen Milieus?

In Kandel standen sich nach dem entsetzlichen Messermord Gruppen gegenüber, von denen die eine den Zusammenhang zwischen der seit Herbst 2015 kaum kontrollierten Einwanderung in dieses Land mit der gestiegenen Kriminalität im selben vertritt, und politische Konsequenzen gegen diese Art der Staatsführung verlangt. Die andere Gruppe leugnet entweder den eben beschriebenen Zusammenhang, oder sie nimmt die durch die Einwanderung von Flüchtlingen gestiegene Kriminalität als einen zu ertragenden Kollateralschaden auf dem Weg zu einem “bunten”, ethnisch und kulturell planierten Europa in Kauf.

Ich überlasse es dem Leser, hierzu Stellung zu nehmen. Aber könnte der in der Tat edle Traum einer bunten einheitlichen Welt nicht ein Instrument in den Händen derjenigen sein, die in den vergangenen 200 Jahren unaufhörlich und in wechselnden epochalen Kostümierungen der westlichen Kultur den Garaus machen wollten, die sie das eine Mal als kapitalistisches Bürgertum, das andere Mal als bürgerliches Patriarchat und zuletzt – nunmehr unverblümt – als den “alten weißen Mann” diskreditierten, dessen letztes Aufbäumen sie in Donald Trump sehen?

 

Soviel zu Ihrem Titel, der uns allerdings mit “Instrumentalisierung” ein Schlüsselwort lieferte; denn ich werde im Folgenden zeigen, daß erst recht Sie sich, Frau Weber, in Ihrem Fernsehkommentar hoch verdächtig machen, ausgiebig Instrumentalisierung zu betreiben. Und dies so heftig, daß Sie dabei offenbar vergessen, über die Begriffe nachzudenken, die Sie dazu gebrauchen.

Sie tragen vor:

“Ein angeblich 15-jähriger Afghane ersticht eine 15-Jährige. Entsetzlich für die Eltern und die Freunde. Und natürlich gibt es Trauer, Wut, Mitleid. Auch unter denen, die sich für ein Miteinander von Deutschen und Flüchtlingen engagieren. Gefühle sind richtig und wichtig…

Doch diese Gefühle werden missbraucht. Kühl kalkuliert von NPD, von AfD-Politikern und von Rechten. Sie versuchen, die Wut in Hass umzuwandeln, das Entsetzen in Angst. Mit einer Lawine von Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen werden die Worte derjenigen, die versuchen menschlich zu bleiben, erstickt. Sie missbrauchen Mias Tod.”

Schauen Sie, Frau Weber:

Im “Entsetzen” ist die Angst bereits enthalten und muß daher nicht erst von erdichteten bösen Mächten herangetragen werden. Der Duden bietet für das Lexem zwei Deutungen an, und diese sind:

  1. “mit Grauen und panikartiger Reaktion verbundener Schrecken” und
  2. “etwas, was Schrecken, Angst hervorruft”!

Es bedarf also keineswegs der Alchimie rechtsrabiater oder rechtskonservativer Parteien (die AfD vertritt in Sachen Einwanderung das, was die CDU noch vor wenigen Jahren vertrat) um “das Entsetzen in Angst” umzuwandeln. Wer entsetzt ist, ist bereits in Angst!

Seiten: 1 2