Birgitta Weber und die Instrumentalisierung

Offener Brief zu diesem Fernsehkommentar:

TT-Kommentar Birgitta Weber

„Lasst euch nicht instrumentalisieren.“ Ein Kommentar zum Umgang mit dem Hass und der Angst in Kandel von Birgitta Weber.

Posted by tagesschau on Mittwoch, 10. Januar 2018

Schönen Tag, Frau Weber,

mit etwas Verspätung ist mir zuteil worden, Ihren am 10. Jan. ausgestrahlten Fernsehkommentar, den Sie anläßlich der Folgeereignisse nach der brutalen Tötung einer 15jährigen Deutschen durch einen vermeintlich gleichaltrigen Afghanen in der Stadt Kandel abgegeben haben, auf der Internetseite Ihres Senders1 studieren zu dürfen.

Da Umfang und Konnotation Ihrer Begrifflichkeit jedoch so originär und eindrucksvoll das Scheitern des Denkens im politischen Disput der Gegenwart illustrieren, ist, meine ich, keineswegs zu spät für die hier erfolgende Analyse ihres gedanklichen Vorgehens im genannten Kommentar.

Der Titel, "Laßt euch nicht instrumentalisieren", stellt klar, daß Sie von etwas sprechen möchten, was ambivalent bewertet werden kann. Eine Ihrer Meinung nach falsche Bewertung des sich in Kandel ereigneten Mordfalls, wäre ein Instrument in den Händen der Ihnen unliebsamen politischen Seite. Wäre aber nun die Ihrer Meinung nach richtige Bewertung des Mordfalls kein Instrument in den Händen des von Ihnen präferierten politischen Milieus?

In Kandel standen sich nach dem entsetzlichen Messermord Gruppen gegenüber, von denen die eine den Zusammenhang zwischen der seit Herbst 2015 kaum kontrollierten Einwanderung in dieses Land mit der gestiegenen Kriminalität im selben vertritt, und politische Konsequenzen gegen diese Art der Staatsführung verlangt. Die andere Gruppe leugnet entweder den eben beschriebenen Zusammenhang, oder sie nimmt die durch die Einwanderung von Flüchtlingen gestiegene Kriminalität als einen zu ertragenden Kollateralschaden auf dem Weg zu einem "bunten", ethnisch und kulturell planierten Europa in Kauf.

Ich überlasse es dem Leser, hierzu Stellung zu nehmen. Aber könnte der in der Tat edle Traum einer bunten einheitlichen Welt nicht ein Instrument in den Händen derjenigen sein, die in den vergangenen 200 Jahren unaufhörlich und in wechselnden epochalen Kostümierungen der westlichen Kultur den Garaus machen wollten, die sie das eine Mal als kapitalistisches Bürgertum, das andere Mal als bürgerliches Patriarchat und zuletzt - nunmehr unverblümt - als den "alten weißen Mann" diskreditierten, dessen letztes Aufbäumen sie in Donald Trump sehen?

 

Soviel zu Ihrem Titel, der uns allerdings mit "Instrumentalisierung" ein Schlüsselwort lieferte; denn ich werde im Folgenden zeigen, daß erst recht Sie sich, Frau Weber, in Ihrem Fernsehkommentar hoch verdächtig machen, ausgiebig Instrumentalisierung zu betreiben. Und dies so heftig, daß Sie dabei offenbar vergessen, über die Begriffe nachzudenken, die Sie dazu gebrauchen.

Sie tragen vor:

"Ein angeblich 15-jähriger Afghane ersticht eine 15-Jährige. Entsetzlich für die Eltern und die Freunde. Und natürlich gibt es Trauer, Wut, Mitleid. Auch unter denen, die sich für ein Miteinander von Deutschen und Flüchtlingen engagieren. Gefühle sind richtig und wichtig…

Doch diese Gefühle werden missbraucht. Kühl kalkuliert von NPD, von AfD-Politikern und von Rechten. Sie versuchen, die Wut in Hass umzuwandeln, das Entsetzen in Angst. Mit einer Lawine von Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen werden die Worte derjenigen, die versuchen menschlich zu bleiben, erstickt. Sie missbrauchen Mias Tod."

Schauen Sie, Frau Weber:

Im "Entsetzen" ist die Angst bereits enthalten und muß daher nicht erst von erdichteten bösen Mächten herangetragen werden. Der Duden bietet für das Lexem zwei Deutungen an, und diese sind:

  1. "mit Grauen und panikartiger Reaktion verbundener Schrecken" und
  2. "etwas, was Schrecken, Angst hervorruft"!

Es bedarf also keineswegs der Alchimie rechtsrabiater oder rechtskonservativer Parteien (die AfD vertritt in Sachen Einwanderung das, was die CDU noch vor wenigen Jahren vertrat) um "das Entsetzen in Angst" umzuwandeln. Wer entsetzt ist, ist bereits in Angst!

Doch Angst wollen Sie den Menschen in Kandel nicht gestatten. Haß auch nicht. Erlaubt seien nur "Trauer, Wut" und "Mitleid". Da haben Sie aber unsere Gefühlswelt schön säuberlich formatiert und dividiert, darf man sagen. Nur: Aus Trauer, Wut und Mitleid, kann wiederum Haß werden, und dies ebenfalls ohne daß die Trauer, die Wut und das Mitleid von "rechten" Kräften hin zum Haß eskortiert werden müßten. Aus Trauer, Wut und aus dem Mitleiden mit Opfern von Gewalt wird schnell Haß, wenn sich die "Einzelfälle", die solche Gefühle hervorrufen, perpetuieren, sich zum Phänomen häufen. Ob dies zur Zeit geschieht oder unterbunden wird, entscheidet noch - und leider Gottes - am allerwenigsten die AfD, und sie trägt deshalb auch am allerwenigsten die Verantwortung dafür.

Es wird Ihnen sicher nicht entgangen sein, daß kürzlich das Brandenburger Innenministerium einen Aufnahmestopp für die Stadt Cottbus beschlossen hat, nachdem dort innerhalb weniger Tage zwei Messerangriffe gegen Cottbusser Bürger durch Flüchtlinge verübt worden waren2. Ist jetzt dieser Zuzugsstopp Haß? Ich bezweifle das; sollten Sie jedoch auf einer solchen Definition bestehen, dann würde das Vorgehen der Brandenburger Behörde meine Erklärung über die Entstehung solchen "Hasses" bestätigen und nicht ihre Vernebelungstheorie, die AfD hätte ihn dorthin getragen.

 

Wenn nun, werte Frau Weber, Angst und Haß durchaus ohne das Zutun Ihrer Gespenster von rechts und rein aus kriminellen Geschehnissen heraus resultieren können, dann steht der denkende Leser bzw. Zuhörer ihres Textes vor einer Frage, vor der Frage nämlich, welches Motiv Frau Weber bewegt haben könnte, eine externe - nicht in den sich häufenden aggressiven und gar tödlichen Messerangriffen selbst liegende - Ursache für die Entstehung des hier gemeinten Hasses und der hier gemeinten Angst zu konstruieren.

Alsdann könnte die Logik des Fragenden ihm als naheliegend empfehlen: Frau Weber, Angestellte in einer Anstalt, von der belegt ist, daß grünlinkes Personal die diskursive Dominanz innehat, instrumentalisiert den Mordfall von Kandel und seine Folgereaktionen in der Stadt, um daraus eine "Keule" gegen ihre politischen Antipathien zu schmieden.

Diesem Gedanken nun läge der Begriff der Hetze nicht fern, und zwar einer so dezidiert groben Hetze, die nicht einmal davor haltmacht, den Begriff "menschlich" so im Text zu plazieren, daß für die mißliebige Gegenseite Assoziationen wie un-, oder untermenschlich freistünden. Und das könnte als eine wesentlich aggressivere Hetze eingestuft werden, als sich die Menschen, die in Frau Weber ihren politischen Gegner sehen, jemals öffentlich und von offizieller Stelle aus erlaubt hätten. Von der mißbräuchlichen Instrumentalisierung des Sendekanals einer zur Neutralität verpflichteten und finanziell von allen Bürgern getragenen öffentlich-rechtlichen Anstalt ganz zu schweigen.

Wie stünden Sie zu einem solchen Verdacht, Frau Weber?

Weiterhin einen schönen Tag!

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Anmerkungen:

1. Frau Webers Text auf der Seite des SWR
2. welt.de, "Nach Messerangriffen – Cottbus wird keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen"