Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
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Diskurs und Logos

01. 08. 2015 | Ideologie und ihre Sprache

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Das Verhältnis zwischen Sprache und sinnlich erfahrbarer Wirklichkeit ist dann ein symmetrisches, wenn Sprache die Wirklichkeit beschreibt. Die Symmetrie wankt aber schon, wenn Sprache beginnt, die Wirklichkeit zu erklären, wenn sie also Dinge und Phänomene mit Bedeutungen versieht, und mehr noch dann, wenn sie die Wirklichkeit in die Zukunft projiziert, sie in Visionen und Hypothesen auflöst und neu strukturiert.

Denn es gibt Visionen, die zu Wirklichkeit gerinnen, und solche, die das nicht tun. Da aber im Bereich der Hypothese beide Arten von Visionen gleichberechtigt sind, haben sie auch dasselbe Recht auf Beschreibung, dasselbe Recht auf Sprache. Daher lockert hier die Sprache ihr Verhältnis zum Realen, um auch das Mögliche zu berücksichtigen. Wir können vergleichbar sagen, sie zieht ihre Anker hoch, um sich Strömungen zu überlassen. Hier erhalten Theoretiker aller Richtungen, Initiatoren und Opponenten auf diversen Gebieten ihre Chance. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß sich diese Chance nicht in jeder Disziplin gleichermaßen bietet.

So darf Sprache den Bezug zum Gegebenen niemals dort relativieren, wo sie “harte” Wissenschaft formuliert. Der Herrschaftsanspruch des Empirischen negiert hier jede Hypothese, die Fakten beiseite schiebt oder ignoriert: Die Schattenlänge eines Pfeilers entspricht unabdingbar dem Verhältnis seiner Länge zum Winkel der Sonneneinstrahlung zu der gegebenen Jahresstunde am gegebenen Ort; der Zahlenwert einer Geschwindigkeit referiert exakt die Strecke, die in der angegebenen Zeit zurückgelegt sein wird. Da gibt es nichts zu rütteln. Und das versucht auch niemand.

Je mehr allerdings Fakten sich vom Bereich des Anorganischen entfernen, desto mehr büßen sie an ihrer Verbindlichkeit zum Empirischen ein. Aus diesem Grund genoß z. B. die Biologie als Wissenschaft des Organischen so lange nicht das Ansehen der exakten Wissenschaften, bis die Entdeckung und Entschlüsselung des Biomoleküls DNA zuverlässige Wirkungsmuster verfügbar machte, die kausale Entsprechungen zwischen den Strukturen des Moleküls und den Eigenarten seiner Träger herstellen konnten. Eine regelrechte Vernachlässigung des Faktischen haben wir hingegen auf jenen Wissenschaftsgefilden, die von den intellektualistischen Theoretikern politischer Schulen vornehmlich beackert werden: den sogenannten Geisteswissenschaften unserer Zeit, einer Zeit nämlich, die vor der Existenz eines selbständigen Geistigen geradezu zurückschreckt. Soziologie war lange das Zugpferd dieses Verschlags.

In diesen Denkbreiten gestattet man sich so viel semantische Plastizität, daß die Spekulationen noch so wirklichkeitsfremd sein können, und dennoch eine eigene Konsistenz vorweisen, die inhaltliche Richtigkeit suggeriert. Diese Unvereinbarkeit mit der Wirklichkeit in gesellschaftspolitischen Belangen war übrigens häufig das, was Revolutionen abforderte: Zeigten sich etwa die Arbeiter und Bauern zu keinem Schritt in Richtung ihres kommunistischen Paradieses bereit, obwohl ihnen der Ideologe den Gewinn klar vorausberechnet hatte; zeigten sich die Bauern und Arbeiter eher einer Gemeinschaft mit den “Kapitalisten” ihrer Heimat zugeneigt als mit den Bauern und Arbeitern einer empfohlenen “internationalen Solidarität”, dann waren die Ideenführer mit ihrem Latein am Ende, und Revolution war angesagt. Von ganz wenigen übrigens angestoßen, aber für alle folgereich. Derlei Umstürze und Bewegungen hat es im vergangenen Jahrhundert reichlich gegeben.

In seiner zweiten Hälfte konnten wir aber eine Wandlung der subversiven Praxis aufkommen sehen. Das Fundament dieser Wende war ein linguistisches oder sogenannt diskurstheoretisches, das der Sprache eine zusätzliche Wirkungsebene zuschrieb.

Um seinen Ansatzpunkt zu erfassen, verweisen wir auf die hier anfangs erwähnte Doppelfunktion der Sprache, nämlich zu beschreiben und zu erwirken oder intendieren1. Das heißt, wir haben es hauptsächlich mit einem deskriptiven oder informatorischen und mit einem intentionalen, also überredenden, Sprachgebrauch zu tun. Beim letzteren entfaltet die Sprache, da sie ja etwas Neues anstrebt, Zusammenhänge, die abweichend vom bisher Gegebenen sein können, und zeigt somit einen kreativen Aspekt. Nun stellt man leicht fest, daß der kreative Ansatz notwendigerweise auch den deskriptiven enthält, weil auch die intendierende Sprache beschreibt, nämlich das, was sie entstehen lassen möchte. Doch in beiden Fällen, gleich also, ob die Sprache Gegebenes beschreibt oder Neues entwirft, bietet sie nur Vorstellungen, keine Faktizitäten. Ob aus den ersteren letztere werden, ist keine Frage mehr der Sprache, sondern des Handelns, des Lebens.

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