Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
« ZURÜCK

Diskurs und Logos

01. 08. 2015 | Ideologie und ihre Sprache

PRINT

Dinge ohne Bedeutung, Bedeutung ohne Dinge

Ließe man diese Bedingung außer Acht, und mißdeutete man das mögliche Zusammenfallen des deskriptiven mit dem kreativen Element in der Sprache als Wesenseinheit dieser beiden Elemente, dann entstünde im Kontext eine semantische Täuschung, aus deren Perspektive Erschaffen und Beschreiben, Bewirken und Vortragen und schließlich Wirklichkeit und Sprache ebenfalls jeweils als Wesenseinheiten erschienen!

In den soziosophistischen Milieus heutiger – in der Regel linker oder links inspirierter – Weltkundler ist genau das geschehen. Die auf diese Weise mit der Sprache verschmolzene Wirklichkeit nennt man dort eine “diskursive Wirklichkeit”. Diskursiv heißt sie, weil ihre Bestandteile (die “Dinge”) dadurch entstehen sollen, daß sie herbeidiskutiert werden, genauer: ihnen werden im Diskurs Bedeutungen zugewiesen, und erst diese Bedeutungen machen sie zu den “Dingen”, die unsere Wirklichkeit ausmachen. Bevor die “Dinge” als Begriffe im “Diskurs” aufgetreten sind, haben sie keine Bedeutung, denn “die Bedeutungen liegen nicht ‘in’ den Dingen”, lehrt uns das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, sondern allein im Diskurs über sie (Siegfried Jäger, “Die Wirklichkeit ist diskursiv”, Vortrag aus dem Sommer 1996)2!

So abwegig sich diese Vorstellung dem Verstand zeigt, so vehement wird sie von ihren Anhängern vertreten. Zwar gehen wir nicht davon aus, daß die Leser dieser Seiten besonderer Erweise der logischen Gebrechlichkeit dieser Welterklärung bedürften. Anlaß dieser Schrift ist daher auch nur die Betrachtung dieser denkwürdigen Schule als mental-psychologisches Phänomen einer spezifischen geistesgeschichtlichen Situation. Doch bevor wir das tun, wäre es nicht nachteilig, uns auch etwas mit der Struktur dieses Irrtums zu befassen.

Bleiben wir also bei den “Bedeutungen”, durch welche die Dinge erst zu dem gemacht werden sollen, was sie sind. Dieses Prinzip finden wir im oben erwähnten Vortrag ein weiteres Mal als erstrebenswerte Vorgehensweise in der Aufforderung ausgesprochen, “Wirklichkeit – ja – nicht zu erkennen, sondern zu deuten – deuten im Sinne von Bedeutung zuweisen.”

Es mutet schon zweifelhaft an, etwas deuten zu wollen, bevor man es erkannt hat. Noch mehr aber wird man wenige Sätze später überrascht, wo uns erklärt werden soll, wie sich “unterschiedliche Modi der Bedeutungszuweisung… herausgebildet haben” sollen. Dazu stellt uns Siegfried Jäger erst einmal vor die Frage: “Weshalb etwa bezeichnet der Eskimo eine Schneeschicht auf Wasser mit einem speziellen Ausdruck dafür, während dieser Schnee für uns dieselbe Bezeichnung erhält wie der, der meinetwegen auf einem Auto liegt?” Prof. Jäger kennt die Antwort. Er verrät sie uns gleich nach der Frage: “Der Grund besteht darin”, schreibt er, “daß die Kenntnis und schnelle Markierung von Wasserlöchern unter Schnee für die Eskimos lebenswichtig ist, während sie für uns in unseren Breiten ziemlich bedeutungslos ist.”

Das heißt aber doch: Der Eskimo deutet hier keineswegs etwas in das schneebedeckte Wasserloch hinein, sondern er erkennt selbiges als die reale Gefahr, die es ist. Das tut er mit dem bloßen Verstand, vor jeglichem Gebrauch einer für Deutungen und Diskurse anzuwendenden komplexeren Vernunft. Die erkannte reale Gefahr bedeutet das schneebedeckte Wasserloch ganz von sich selbst aus. Was der Mensch zu tun hat, ist nur – und ausgerechnet – das, was er nach dem Vortrag Prof. Jägers unterlassen sollte: Nämlich den gegebenen Sachverhalt zu erkennen, um ihn anschließend auch richtig deuten zu können.

Somit aber erweisen sich sowohl das vorangestellte Prinzip, wonach “die Bedeutungen nicht ‘in’ den Dingen liegen”, sondern im Diskurs, als auch die fragwürdige Empfehlung, “Wirklichkeit nicht zu erkennen, sondern zu deuten”, als überführte Gauner und gefährliche Berater. Und dies, gleich im Beispiel, das diese Thesen belegen sollte!

Seiten: 1 2 3 4 5