Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
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Diskurs und Logos

01. 08. 2015 | Ideologie und ihre Sprache

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Es mag auf manchen Leser entmutigend wirken, daß keinerlei Vernunft die heutige Gesellschaft davor schützen konnte, sich diese den Realitätssinn destruierenden “Wissenschaften” auch noch teuer zu finanzieren.

Was aber, und das ist unsere zentrale Fragestellung, veranlaßt intelligente studierte Köpfe in solcher Welterklärung ihr wissenschaftliches Credo gefunden zu glauben?

Der säkulare Mystizismus linker Linguistik

Um das zu verstehen, sollte man ihrem wissenschaftlichen Credo ein politisches voraussetzen. Eine Bestätigung dieser Vermutung finden wir gleich in der Einleitung zum hier vorgestellten Vortrag aus dem Duisburger Institut. Dort ist von einer “Wissenschaft” zu lesen, “die erklären kann, wie überhaupt auf gesellschaftliche Entwicklungen Einfluß genommen werden kann”. Etwas weiter im selben Absatz finden wir noch die persönlich formulierte Aussage des Autors: “Es geht mir… darum zu zeigen, daß eine prinzipielle Perspektivenänderung nötig und möglich ist, wenn es um die Frage der politischen Macht im Lande geht.” Es geht also um eine “prinzipielle Perspektivenänderung” unseres Verständnisses von Sprache und Wirklichkeit zwecks Umverteilung “der politischen Macht”! Es geht nicht um das objektive Verstehen des Realen. Deswegen versteht man auch nicht, was an gefährlichen schneebedeckten Wasserlöchern diskursiv sein sollte, oder wie ein anderer Diskurs dieselben Wasserlöcher zu etwas anderem hätte machen können. Zurück bleibt die Bestätigung unseres anfangs angedeuteten Verdachts, daß diese als geisteswissenschaftlich daherkommenden Anwandlungen einer umstürzlerischen Tradition zuzuordnen sind, und die beklemmende Vermutung, dem Ganzen liegt die Sehnsucht nach einer Sprache zugrunde, deren Magie die politische Macht verleihen soll, die Welt neu zu erschaffen. Das kann durchaus ein frommer Wunsch sein.

Doch die Erschaffung der Welt durch das Wort ist kein neuer Gedanke: Als Lehre des demiurgischen Logos reicht sie bis zu den Anfängen der westlichen religiös-philosophischen Vorstellungen und fungiert all die Zeit als ultimativer Tiefengehalt sakralen Idealismus. Allerdings gehören Logos und seine Schöpfung zwei existentiell unterschiedlichen Ebenen an, wovon die höhere Befugnisse über die andere besitzt. Hierbei gilt das “Wort” als vor- und überweltliche Instanz, als Initiator derjenigen Wirklichkeit, über die es verfügt und auf der es sich in Selbstvergegenwärtigung ausweitet. Solche Aufbaustruktur ist dem Idealismus adäquat, weil er Hierarchien kennt, deren Rang je nach ihrer Immaterialität und Überweltlichkeit bestimmt wird.

Die Weltauffassung des materialistisch Denkenden aber kennt solche existentiell-hierarchischen Anordnungen nicht. Für ihn gehört alles einer und derselben monistischen Vergegenständlichungsebene an, deren Grundlage ein sinnleerer Tumult aus schwirrenden Kleinstteilchen toter Materie ist, die sich während ewiger Zeitläufe durch Zufall und Bewährung teilweise zu den Formen organisierten, die wir heute als Sein und Kosmos erleben. Und auch als Wille, Geist und… Diskurs!

Weil letzterer – anders als das “Wort”- als zufälliges Ergebnis dieses materiellen Verdichtungsprozesses gilt, kann ihm nur eine eingeschränkte, nämlich immanente Wirksamkeit zugesprochen werden. Wir haben sie zu Beginn als Beschreiben und Initiieren auf derselben Ebene festgelegt, auf welcher auch er, der Diskurs, stattfindet. Fragen wir nach dem Grund dieser Einschränkung, so müssen wir die Wirklichkeit angeben. Sie ist es, die dem Diskurs durch die Darbietung der in ihr enthaltenen Dinge die Begriffe zur Verfügung stellt – den Begriff etwa des schneebedeckten Wasserlochs durch das schneebedeckte Wasserloch selbst. Der Diskurs hat hierbei nichts zu bestimmen. Er übernimmt ihre Vorgaben, oder er verweigert sich der Wirklichkeit. Und wo zwischen ihm und ihr Unstimmigkeit besteht, würde niemand auf die Idee kommen, die Wirklichkeit der Lüge zu bezichtigen. Lügen kann nur der Diskurs. Er ist dann falsch! Falsch, wenn er ein bestehendes verschneites Wasserloch leugnet, und falsch, wenn er ein nicht bestehendes andichtet. Die Wirklichkeit ist der Souverän. Sie bestimmt die Inhalte. Aller Diskurs ist ihr Trabant. Ihm direkte schöpferische Kompetenz zuzueignen ist reiner Aberglaube. Nicht die Wirklichkeit wird jemals diskursiv sein, sondern der Diskurs – jeder Diskurs – wird unabdingbar in Abhängigkeit zu ihr stehen müssen.

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