Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
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Diskurs und Logos

01. 08. 2015 | Ideologie und ihre Sprache

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Der Fluch der Ewigmorgigen und die große Lüge der “Presse”

Das Setzen eines Immanenten an die Stelle des Transzendenten würde vermutlich der konsequente Mystiker als einen schwarzmagischen Akt verurteilen. Als politisches Phänomen ist es allerdings eher der etwas verwegen zum Ausdruck kommende Versuch, den erst einmal säkularisierten Staat für ein Transzendenzsurrogat zu vereinnahmen, dessen politischer Dogmatismus die Machtansprüche seiner Verfasser bedient. Es soll eine Konvertierung von der tradiert gewachsenen in die politisch geplante Gemeinschaft stattfinden, von den herkömmlich entfalteten Strukturen des Zusammenlebens in die politisch festgelegten Beziehungen eines neuen und vorerst lediglich “diskursiv” existierenden Neumenschentums, das erst in den Bildungsbiotopen eines noch aufzubauenden bevormundenden Zentralismus erbrütet werden soll.

Und in der Tat kann man längst in den “modernen” westlichen Staaten wandlungsfreudige Tendenzen ausmachen, die eine Abneigung gegen alles Angestammte bis hin zu einer solchen gegen das eigene Volk aufweisen, und die sich demgemäß gegenüber sämtlichen Facetten des “diskursiven” Modernismus als äußerst zuvorkommend erweisen: Moderne westliche Staaten unterstützen aktiv und mit Zustimmung all ihrer herrschenden Parteien gänzlich seine Projekte. Diese bestehen zumeist aus egalitären Forderungen, welche festigende Komplementaritäten der alten Gesellschaftsordnung aufheben (etwa Familienstrukturen durch Genderismus/Feminismus/Queer-Lobbyismus), wobei die vorangetriebenen Gleichstellungsmaßnahmen stets zu Lasten des leistungstragenden Parts methodisiert werden mit ultimativem Kulminationspunkt die Ächtung des “weißen Mannes”. Oder sie bestehen aus der offensiven Anfeindung mit den kreativen Errungenschaften der eigenen Kultur (Technikfeindlichkeit, Schuldzuweisungen im ökologistischen Naturvernichtungsszenario), wodurch eigene Potentiale gehemmt werden, während zugleich das Bewußtsein eigener historischer Schuld (Kolonialismus, Nationalsozialismus) mit masochistischem Eifer kultiviert wird. Indessen wird gerade in Europa den Aufbau des zur entsprechenden Umerziehung der Völkergesellschaften erforderlichen Zentralismus vorangetrieben.

Es sind Vertreter dieser Interessen und Tendenzen, die heute in der politischen Diskussion als die ethischen Sachwalter kollektiver Moralität das einst vertretene Volk ersetzt haben. Das reguläre Wahlvolk dagegen hat kaum ein Verhältnis zu den einschlägigen diskursiven Projekten und Theorien. Dafür wurde es Jahrzehnte lang einem Katechismus unterworfen, der diese Gesellschaftsmodelle als den einzig möglichen Fortschritt pries, ihre Kritiker dagegen mit dem Prädikat des “Ewiggestrigen” stigmatisierte. Es wählt zumeist und eher gewohnheitsmäßig seine herkömmlich konservativen Parteien (die das aber kaum noch sind) mit steigender Zuneigung zu neu hinzugekommenen, rückbesinnend konservativ ausgerichteten Parteien, die im etablierten Disput durchweg als “populistisch” oder gar “rechtsradikal” abgestraft werden. Solange diese Ausgrenzung noch wirkt, begünstigt sie notdürftige Zweckkoalitionen der alten Parteien, die zwar jeweils eher geringe Teile der Wahlbevölkerung vertreten, aber durch ihren Zusammenschluß noch immer eine Abwehrkette vor den neuen konservativen Formationen zu bilden in der Lage sind. Das führte dazu, daß Minderheitenströmungen und deren Lebensentwürfe es sind, die sich als “Mainstream”, also als Hauptströmung der kollektiven Meinung und Mentalität, als Zeitgeist, durchsetzten.

Gehen wir nun der Frage nach, wie diese bevölkerungsfremden Weltauffassungen dennoch zu ihrer gemimten Popularität gelangten, begegnen wir unweigerlich dem Medienwesen, und dies in einer Weise, die den unerquicklichen Begriff “Lügenpresse” aus einer Perspektive bestätigt, von welcher aus das Wort Lüge nicht bloß einen informatorischen, sondern einen grundlegenderen Charakter zeigt. Es waren die Medien, die durch andauernde Suggestion ein öffentliches Wir konstruierten, das die ideale Bevölkerung der zu errichtenden diskursiven Wirklichkeiten antizipieren, und denjenigen Teilen der realen Bevölkerung, die diesen Entwicklungen mißtrauten, “Stammtischniveau” bescheinigten. Die Präsenz und Wirkung der Redaktionsstuben in den letzten etwa vier Jahrzehnten könnte man in diesem Zusammenhang durchaus als eine Revolution ohne das Volk bezeichnen, eine Schreibtischrevolution.

Dem Zuckerbrot des Dazugehörens gesellte sich dabei die Peitsche der Politischen Korrektheit, einem mentalen Erwartungsanspruch, dessen Nicht-Befriedigung zum schnellen Rauswurf aus der medialen Party des aufgehenden Neumenschentums mit sich zog, wie manche Person des öffentlichen Lebens erfahren mußte, die sich getraut hatte, Positionen der “veröffentlichten Meinung”, also der durch die Medien als öffentliche Meinung dargestellten Standards, in Frage zu stellen. Diese Konstruktion eines virtuellen Volkes inklusive Meinung ist die wesenhafte Lüge, der man die Medien bezichtigen muß, und sie ist schwerwiegender als jede vereinzelte Desinformation oder Halbwahrheit, zu welcher Journale je gegriffen haben mögen.

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