Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
anxenos at yandex.com
 
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Diskurs und Logos

01. 08. 2015 | Ideologie und ihre Sprache

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Es entwickelte sich also ein dubioses Verhältnis zwischen Politik und Journalismus, welches darin bestand, daß Journalisten das propagierten, wovon sie wußten, daß die Politik es anzustreben hatte, während Politiker so taten, als läsen sie in den Journalen den Willen und die Auffassungen ihrer Wählerschaft. Und langsam sah sich letztere immer mehr auf verlorenem Posten und ihre angestammte Wirklichkeit von Medien und Politik verraten und verkauft. Diese Kollaboration der letzteren ist auch der Grund, warum heute beide Populationen zu den am wenigsten angesehenen Berufen gehören, und sie läßt auch die verbalen Entgleisungen gewisser Vertreter beider Gruppen verständlich werden, wenn spontane Bewegungen aus dem Volk die Verordnungen der politisch Korrekten ignorieren und die fragile Idylle der Volksimulanten mit so undiplomatischen Losungen wie: “Wir sind das Volk!” und “Lügenpresse!” stören.

Längst gebärdet sich der Diskurs, dieses bizarre Konstrukt der abartigen Metaphysik linker Linguistik, so offensiv, daß er das traditionell gewachsene gesellschaftliche Gefüge als Konstrukt angreift, das es zu dekonstruieren gilt, und seine Vertreter als rückständige “Ewiggestrige” entwertet. Dabei wird aus der Geschichte klar, daß nie die Ewiggestrigen, sondern die Ewigmorgigen, diejenigen nämlich, die der Gesellschaft ihre Zukunft vorschreiben zu müssen glaubten, auch diejenigen gewesen sind, die wiederholt unsere Welt verwüsteten!

Es scheint in der Tat, als waltete auch in den heutigen Gemütern noch immer  jene Macht, die einst das Religiöse als oberste Richtinstanz heranzog, stets auf der Suche nach dem Überweltlich-Wunderbaren, das die Welt erlösen und erneuern soll. Und es scheint, als sei eine verkappte Mystik im Materialisten aktiv, die jene ihm verbotene Zuwendung an das Immaterielle und Außerweltliche im Verborgenen hegt und auf das Geistigste projiziert, das in der strickten Immanenz des fundamentalen Positivisten gefunden werden kann: auf die Sprache, den “Diskurs”.

Doch der Diskurs vermag nicht, was ihm so aufgebürdet wird. Seine Irrealität ist nicht Transzendenz, sondern verwegene politische Programmatik, die sich einen naiven Spiritualismus dienstbar macht, der in der Sprache, selbst noch in der unredlichen, die Spitze des Geistigen sieht.

Wenn aber auch die produktive Wirksamkeit dieses Aberglaubens gleich null ist (z. B. wird es weiterhin zwei Geschlechter geben, mögen auch die Genderisten sieben weitere Jahrhunderte die Welt umdefinieren), trifft die von ihm generierte politische Willensbildung der Destruktion alle gesellschaftlichen Bereiche. Dieses Ausmaß wird allmählich den “ewiggestrigen Stammtischgesellen” bewußt, und es beginnt, sie zu aktivieren. Die diversen diesbezüglichen Bewegungen, die sich jüngst in den Städten konstituierten, enthalten in ihren Agenden neben Multikulturalismus und Einwanderungsproblematik wie selbstverständlich auch das sogenannte Gender-Mainstreaming – so nennt sich die politische Implementierung des “wissenschaftlichen” Feminismus.

An diesen zuletzt genannten Geschwisterideologien des nunmehr ein halbes Jahrhundert lang amtierenden linken Progressismus illustriert sich übrigens am augenfälligsten das innere Zerbröckeln seines Gesamtbaus: Kein Moralin dieser Welt sollte uns die Schadenfreude trüben, die wir empfinden dürfen, wenn Deutschlands nationale Frauenoberlehrerin, die sich selbst als eine “atheistische linke Intellektuelle” definiert, sich darüber echauffiert zeigt, daß Polizeibeamte Gewalt gegen Frauen und die Milieus, die das Groß der Vergewaltiger beisteuern, verschweigen müssen, weil diese im Immigrantenmilieu zu verorten seien, und somit jeder Hinweis darauf als Rassismus gelte. Denn diese orwellschen Sprechverbote entsprangen derselben Zeit, denselben Akteuren und derselben diskursiven Motivation jener atheistisch-links-intellektuellen Bewegungen, aus denen auch die den Verstand beleidigenden Sprechregelungen und -verbote des Feminismus entsprangen. (Der dem Feminismus adäquate Totschlagknüppel heißt bekanntlich “Sexismus” oder “Biologismus” und sein Landeplatz ist der Rücken all derer, die sich eine Andeutung von eingeborenen Geschlechtsunterschieden erlauben.)

Aber liegt die Diskrepanz nicht der Verzerrung inne? So ist es uns willkommen, wenn jetzt, wo der “Diskurs” als aufgeflogener Vorsatz der politischen Eliten von renitenten Verteidigern des Angestammten auf den Straßen verrissen wird, er zugleich innerlich und strukturell zerbröckelt. Das gibt Grund für angespannte Hoffnung. Die Hoffnung einer Vereitelung des diskursiven sozialtechnokratischen Projekts und einer Wiederbesinnung auf das Wesenhafte, auf den Sinn, der einzig unser Denken, unsere Sprache und unsere Seele tragen und erfüllen kann. Man könnte es auch das Aufbegehren jener Bedeutungen nennen, die “in den Dingen” liegen, gegen die leeren Begriffshülsen des mineralisierten Geistes der politisch Korrekten. Oder die Rückkehr der geschundenen Sprache vom Exil der diskursiven Wirklichkeiten in die Heimat eines wieder mal  wirklichen Diskurses.

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Anmerkungen:

1. Diese Zweiteilung des Sprachgebrauchs dient dem Aufbau dieser Abhandlung und ist ohne Bezug zu den “Sprachfunktionen” der verschiedenen linguistischen Theorien.

 2. “Die Wirklichkeit ist diskursiv

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