Diskurs und Logos

Das Verhältnis zwischen Sprache und sinnlich erfahrbarer Wirklichkeit ist dann ein symmetrisches, wenn Sprache die Wirklichkeit beschreibt. Die Symmetrie wankt aber schon, wenn Sprache beginnt, die Wirklichkeit zu erklären, wenn sie also Dinge und Phänomene mit Bedeutungen versieht, und mehr noch dann, wenn sie die Wirklichkeit in die Zukunft projiziert, sie in Visionen und Hypothesen auflöst und neu strukturiert.

Denn es gibt Visionen, die zu Wirklichkeit gerinnen, und solche, die das nicht tun. Da aber im Bereich der Hypothese beide Arten von Visionen gleichberechtigt sind, haben sie auch dasselbe Recht auf Beschreibung, dasselbe Recht auf Sprache. Daher lockert hier die Sprache ihr Verhältnis zum Realen, um auch das Mögliche zu berücksichtigen. Wir können vergleichbar sagen, sie zieht ihre Anker hoch, um sich Strömungen zu überlassen. Hier erhalten Theoretiker aller Richtungen, Initiatoren und Opponenten auf diversen Gebieten ihre Chance. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß sich diese Chance nicht in jeder Disziplin gleichermaßen bietet.

So darf Sprache den Bezug zum Gegebenen niemals dort relativieren, wo sie "harte" Wissenschaft formuliert. Der Herrschaftsanspruch des Empirischen negiert hier jede Hypothese, die Fakten beiseite schiebt oder ignoriert: Die Schattenlänge eines Pfeilers entspricht unabdingbar dem Verhältnis seiner Länge zum Winkel der Sonneneinstrahlung zu der gegebenen Jahresstunde am gegebenen Ort; der Zahlenwert einer Geschwindigkeit referiert exakt die Strecke, die in der angegebenen Zeit zurückgelegt sein wird. Da gibt es nichts zu rütteln. Und das versucht auch niemand.

Je mehr allerdings Fakten sich vom Bereich des Anorganischen entfernen, desto mehr büßen sie an ihrer Verbindlichkeit zum Empirischen ein. Aus diesem Grund genoß z. B. die Biologie als Wissenschaft des Organischen so lange nicht das Ansehen der exakten Wissenschaften, bis die Entdeckung und Entschlüsselung des Biomoleküls DNA zuverlässige Wirkungsmuster verfügbar machte, die kausale Entsprechungen zwischen den Strukturen des Moleküls und den Eigenarten seiner Träger herstellen konnten. Eine regelrechte Vernachlässigung des Faktischen haben wir hingegen auf jenen Wissenschaftsgefilden, die von den intellektualistischen Theoretikern politischer Schulen vornehmlich beackert werden: den sogenannten Geisteswissenschaften unserer Zeit, einer Zeit nämlich, die vor der Existenz eines selbständigen Geistigen geradezu zurückschreckt. Soziologie war lange das Zugpferd dieses Verschlags.

In diesen Denkbreiten gestattet man sich so viel semantische Plastizität, daß die Spekulationen noch so wirklichkeitsfremd sein können, und dennoch eine eigene Konsistenz vorweisen, die inhaltliche Richtigkeit suggeriert. Diese Unvereinbarkeit mit der Wirklichkeit in gesellschaftspolitischen Belangen war übrigens häufig das, was Revolutionen abforderte: Zeigten sich etwa die Arbeiter und Bauern zu keinem Schritt in Richtung ihres kommunistischen Paradieses bereit, obwohl ihnen der Ideologe den Gewinn klar vorausberechnet hatte; zeigten sich die Bauern und Arbeiter eher einer Gemeinschaft mit den "Kapitalisten" ihrer Heimat zugeneigt als mit den Bauern und Arbeitern einer empfohlenen "internationalen Solidarität", dann waren die Ideenführer mit ihrem Latein am Ende, und Revolution war angesagt. Von ganz wenigen übrigens angestoßen, aber für alle folgereich. Derlei Umstürze und Bewegungen hat es im vergangenen Jahrhundert reichlich gegeben.

In seiner zweiten Hälfte konnten wir aber eine Wandlung der subversiven Praxis aufkommen sehen. Das Fundament dieser Wende war ein linguistisches oder sogenannt diskurstheoretisches, das der Sprache eine zusätzliche Wirkungsebene zuschrieb.

Um seinen Ansatzpunkt zu erfassen, verweisen wir auf die hier anfangs erwähnte Doppelfunktion der Sprache, nämlich zu beschreiben und zu erwirken oder intendieren1. Das heißt, wir haben es hauptsächlich mit einem deskriptiven oder informatorischen und mit einem intentionalen, also überredenden, Sprachgebrauch zu tun. Beim letzteren entfaltet die Sprache, da sie ja etwas Neues anstrebt, Zusammenhänge, die abweichend vom bisher Gegebenen sein können, und zeigt somit einen kreativen Aspekt. Nun stellt man leicht fest, daß der kreative Ansatz notwendigerweise auch den deskriptiven enthält, weil auch die intendierende Sprache beschreibt, nämlich das, was sie entstehen lassen möchte. Doch in beiden Fällen, gleich also, ob die Sprache Gegebenes beschreibt oder Neues entwirft, bietet sie nur Vorstellungen, keine Faktizitäten. Ob aus den ersteren letztere werden, ist keine Frage mehr der Sprache, sondern des Handelns, des Lebens.

Dinge ohne Bedeutung, Bedeutung ohne Dinge

Ließe man diese Bedingung außer Acht, und mißdeutete man das mögliche Zusammenfallen des deskriptiven mit dem kreativen Element in der Sprache als Wesenseinheit dieser beiden Elemente, dann entstünde im Kontext eine semantische Täuschung, aus deren Perspektive Erschaffen und Beschreiben, Bewirken und Vortragen und schließlich Wirklichkeit und Sprache ebenfalls jeweils als Wesenseinheiten erschienen!

In den soziosophistischen Milieus heutiger - in der Regel linker oder links inspirierter - Weltkundler ist genau das geschehen. Die auf diese Weise mit der Sprache verschmolzene Wirklichkeit nennt man dort eine "diskursive Wirklichkeit". Diskursiv heißt sie, weil ihre Bestandteile (die "Dinge") dadurch entstehen sollen, daß sie herbeidiskutiert werden, genauer: ihnen werden im Diskurs Bedeutungen zugewiesen, und erst diese Bedeutungen machen sie zu den "Dingen", die unsere Wirklichkeit ausmachen. Bevor die "Dinge" als Begriffe im "Diskurs" aufgetreten sind, haben sie keine Bedeutung, denn "die Bedeutungen liegen nicht 'in' den Dingen", lehrt uns das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung, sondern allein im Diskurs über sie (Siegfried Jäger, "Die Wirklichkeit ist diskursiv", Vortrag aus dem Sommer 1996)2!

So abwegig sich diese Vorstellung dem Verstand zeigt, so vehement wird sie von ihren Anhängern vertreten. Zwar gehen wir nicht davon aus, daß die Leser dieser Seiten besonderer Erweise der logischen Gebrechlichkeit dieser Welterklärung bedürften. Anlaß dieser Schrift ist daher auch nur die Betrachtung dieser denkwürdigen Schule als mental-psychologisches Phänomen einer spezifischen geistesgeschichtlichen Situation. Doch bevor wir das tun, wäre es nicht nachteilig, uns auch etwas mit der Struktur dieses Irrtums zu befassen.

Bleiben wir also bei den "Bedeutungen", durch welche die Dinge erst zu dem gemacht werden sollen, was sie sind. Dieses Prinzip finden wir im oben erwähnten Vortrag ein weiteres Mal als erstrebenswerte Vorgehensweise in der Aufforderung ausgesprochen, "Wirklichkeit - ja - nicht zu erkennen, sondern zu deuten - deuten im Sinne von Bedeutung zuweisen."

Es mutet schon zweifelhaft an, etwas deuten zu wollen, bevor man es erkannt hat. Noch mehr aber wird man wenige Sätze später überrascht, wo uns erklärt werden soll, wie sich "unterschiedliche Modi der Bedeutungszuweisung… herausgebildet haben" sollen. Dazu stellt uns Siegfried Jäger erst einmal vor die Frage: "Weshalb etwa bezeichnet der Eskimo eine Schneeschicht auf Wasser mit einem speziellen Ausdruck dafür, während dieser Schnee für uns dieselbe Bezeichnung erhält wie der, der meinetwegen auf einem Auto liegt?" Prof. Jäger kennt die Antwort. Er verrät sie uns gleich nach der Frage: "Der Grund besteht darin", schreibt er, "daß die Kenntnis und schnelle Markierung von Wasserlöchern unter Schnee für die Eskimos lebenswichtig ist, während sie für uns in unseren Breiten ziemlich bedeutungslos ist."

Das heißt aber doch: Der Eskimo deutet hier keineswegs etwas in das schneebedeckte Wasserloch hinein, sondern er erkennt selbiges als die reale Gefahr, die es ist. Das tut er mit dem bloßen Verstand, vor jeglichem Gebrauch einer für Deutungen und Diskurse anzuwendenden komplexeren Vernunft. Die erkannte reale Gefahr bedeutet das schneebedeckte Wasserloch ganz von sich selbst aus. Was der Mensch zu tun hat, ist nur - und ausgerechnet - das, was er nach dem Vortrag Prof. Jägers unterlassen sollte: Nämlich den gegebenen Sachverhalt zu erkennen, um ihn anschließend auch richtig deuten zu können.

Somit aber erweisen sich sowohl das vorangestellte Prinzip, wonach "die Bedeutungen nicht 'in' den Dingen liegen", sondern im Diskurs, als auch die fragwürdige Empfehlung, "Wirklichkeit nicht zu erkennen, sondern zu deuten", als überführte Gauner und gefährliche Berater. Und dies, gleich im Beispiel, das diese Thesen belegen sollte!

Es mag auf manchen Leser entmutigend wirken, daß keinerlei Vernunft die heutige Gesellschaft davor schützen konnte, sich diese den Realitätssinn destruierenden "Wissenschaften" auch noch teuer zu finanzieren.

Was aber, und das ist unsere zentrale Fragestellung, veranlaßt intelligente studierte Köpfe in solcher Welterklärung ihr wissenschaftliches Credo gefunden zu glauben?

Der säkulare Mystizismus linker Linguistik

Um das zu verstehen, sollte man ihrem wissenschaftlichen Credo ein politisches voraussetzen. Eine Bestätigung dieser Vermutung finden wir gleich in der Einleitung zum hier vorgestellten Vortrag aus dem Duisburger Institut. Dort ist von einer "Wissenschaft" zu lesen, "die erklären kann, wie überhaupt auf gesellschaftliche Entwicklungen Einfluß genommen werden kann". Etwas weiter im selben Absatz finden wir noch die persönlich formulierte Aussage des Autors: "Es geht mir… darum zu zeigen, daß eine prinzipielle Perspektivenänderung nötig und möglich ist, wenn es um die Frage der politischen Macht im Lande geht." Es geht also um eine "prinzipielle Perspektivenänderung" unseres Verständnisses von Sprache und Wirklichkeit zwecks Umverteilung "der politischen Macht"! Es geht nicht um das objektive Verstehen des Realen. Deswegen versteht man auch nicht, was an gefährlichen schneebedeckten Wasserlöchern diskursiv sein sollte, oder wie ein anderer Diskurs dieselben Wasserlöcher zu etwas anderem hätte machen können. Zurück bleibt die Bestätigung unseres anfangs angedeuteten Verdachts, daß diese als geisteswissenschaftlich daherkommenden Anwandlungen einer umstürzlerischen Tradition zuzuordnen sind, und die beklemmende Vermutung, dem Ganzen liegt die Sehnsucht nach einer Sprache zugrunde, deren Magie die politische Macht verleihen soll, die Welt neu zu erschaffen. Das kann durchaus ein frommer Wunsch sein.

Doch die Erschaffung der Welt durch das Wort ist kein neuer Gedanke: Als Lehre des demiurgischen Logos reicht sie bis zu den Anfängen der westlichen religiös-philosophischen Vorstellungen und fungiert all die Zeit als ultimativer Tiefengehalt sakralen Idealismus. Allerdings gehören Logos und seine Schöpfung zwei existentiell unterschiedlichen Ebenen an, wovon die höhere Befugnisse über die andere besitzt. Hierbei gilt das "Wort" als vor- und überweltliche Instanz, als Initiator derjenigen Wirklichkeit, über die es verfügt und auf der es sich in Selbstvergegenwärtigung ausweitet. Solche Aufbaustruktur ist dem Idealismus adäquat, weil er Hierarchien kennt, deren Rang je nach ihrer Immaterialität und Überweltlichkeit bestimmt wird.

Die Weltauffassung des materialistisch Denkenden aber kennt solche existentiell-hierarchischen Anordnungen nicht. Für ihn gehört alles einer und derselben monistischen Vergegenständlichungsebene an, deren Grundlage ein sinnleerer Tumult aus schwirrenden Kleinstteilchen toter Materie ist, die sich während ewiger Zeitläufe durch Zufall und Bewährung teilweise zu den Formen organisierten, die wir heute als Sein und Kosmos erleben. Und auch als Wille, Geist und… Diskurs!

Weil letzterer - anders als das "Wort"- als zufälliges Ergebnis dieses materiellen Verdichtungsprozesses gilt, kann ihm nur eine eingeschränkte, nämlich immanente Wirksamkeit zugesprochen werden. Wir haben sie zu Beginn als Beschreiben und Initiieren auf derselben Ebene festgelegt, auf welcher auch er, der Diskurs, stattfindet. Fragen wir nach dem Grund dieser Einschränkung, so müssen wir die Wirklichkeit angeben. Sie ist es, die dem Diskurs durch die Darbietung der in ihr enthaltenen Dinge die Begriffe zur Verfügung stellt – den Begriff etwa des schneebedeckten Wasserlochs durch das schneebedeckte Wasserloch selbst. Der Diskurs hat hierbei nichts zu bestimmen. Er übernimmt ihre Vorgaben, oder er verweigert sich der Wirklichkeit. Und wo zwischen ihm und ihr Unstimmigkeit besteht, würde niemand auf die Idee kommen, die Wirklichkeit der Lüge zu bezichtigen. Lügen kann nur der Diskurs. Er ist dann falsch! Falsch, wenn er ein bestehendes verschneites Wasserloch leugnet, und falsch, wenn er ein nicht bestehendes andichtet. Die Wirklichkeit ist der Souverän. Sie bestimmt die Inhalte. Aller Diskurs ist ihr Trabant. Ihm direkte schöpferische Kompetenz zuzueignen ist reiner Aberglaube. Nicht die Wirklichkeit wird jemals diskursiv sein, sondern der Diskurs - jeder Diskurs – wird unabdingbar in Abhängigkeit zu ihr stehen müssen.

Der Fluch der Ewigmorgigen und die große Lüge der "Presse"

Das Setzen eines Immanenten an die Stelle des Transzendenten würde vermutlich der konsequente Mystiker als einen schwarzmagischen Akt verurteilen. Als politisches Phänomen ist es allerdings eher der etwas verwegen zum Ausdruck kommende Versuch, den erst einmal säkularisierten Staat für ein Transzendenzsurrogat zu vereinnahmen, dessen politischer Dogmatismus die Machtansprüche seiner Verfasser bedient. Es soll eine Konvertierung von der tradiert gewachsenen in die politisch geplante Gemeinschaft stattfinden, von den herkömmlich entfalteten Strukturen des Zusammenlebens in die politisch festgelegten Beziehungen eines neuen und vorerst lediglich "diskursiv" existierenden Neumenschentums, das erst in den Bildungsbiotopen eines noch aufzubauenden bevormundenden Zentralismus erbrütet werden soll.

Und in der Tat kann man längst in den "modernen" westlichen Staaten wandlungsfreudige Tendenzen ausmachen, die eine Abneigung gegen alles Angestammte bis hin zu einer solchen gegen das eigene Volk aufweisen, und die sich demgemäß gegenüber sämtlichen Facetten des "diskursiven" Modernismus als äußerst zuvorkommend erweisen: Moderne westliche Staaten unterstützen aktiv und mit Zustimmung all ihrer herrschenden Parteien gänzlich seine Projekte. Diese bestehen zumeist aus egalitären Forderungen, welche festigende Komplementaritäten der alten Gesellschaftsordnung aufheben (etwa Familienstrukturen durch Genderismus/Feminismus/Queer-Lobbyismus), wobei die vorangetriebenen Gleichstellungsmaßnahmen stets zu Lasten des leistungstragenden Parts methodisiert werden mit ultimativem Kulminationspunkt die Ächtung des "weißen Mannes". Oder sie bestehen aus der offensiven Anfeindung mit den kreativen Errungenschaften der eigenen Kultur (Technikfeindlichkeit, Schuldzuweisungen im ökologistischen Naturvernichtungsszenario), wodurch eigene Potentiale gehemmt werden, während zugleich das Bewußtsein eigener historischer Schuld (Kolonialismus, Nationalsozialismus) mit masochistischem Eifer kultiviert wird. Indessen wird gerade in Europa den Aufbau des zur entsprechenden Umerziehung der Völkergesellschaften erforderlichen Zentralismus vorangetrieben.

Es sind Vertreter dieser Interessen und Tendenzen, die heute in der politischen Diskussion als die ethischen Sachwalter kollektiver Moralität das einst vertretene Volk ersetzt haben. Das reguläre Wahlvolk dagegen hat kaum ein Verhältnis zu den einschlägigen diskursiven Projekten und Theorien. Dafür wurde es Jahrzehnte lang einem Katechismus unterworfen, der diese Gesellschaftsmodelle als den einzig möglichen Fortschritt pries, ihre Kritiker dagegen mit dem Prädikat des "Ewiggestrigen" stigmatisierte. Es wählt zumeist und eher gewohnheitsmäßig seine herkömmlich konservativen Parteien (die das aber kaum noch sind) mit steigender Zuneigung zu neu hinzugekommenen, rückbesinnend konservativ ausgerichteten Parteien, die im etablierten Disput durchweg als "populistisch" oder gar "rechtsradikal" abgestraft werden. Solange diese Ausgrenzung noch wirkt, begünstigt sie notdürftige Zweckkoalitionen der alten Parteien, die zwar jeweils eher geringe Teile der Wahlbevölkerung vertreten, aber durch ihren Zusammenschluß noch immer eine Abwehrkette vor den neuen konservativen Formationen zu bilden in der Lage sind. Das führte dazu, daß Minderheitenströmungen und deren Lebensentwürfe es sind, die sich als "Mainstream", also als Hauptströmung der kollektiven Meinung und Mentalität, als Zeitgeist, durchsetzten.

Gehen wir nun der Frage nach, wie diese bevölkerungsfremden Weltauffassungen dennoch zu ihrer gemimten Popularität gelangten, begegnen wir unweigerlich dem Medienwesen, und dies in einer Weise, die den unerquicklichen Begriff "Lügenpresse" aus einer Perspektive bestätigt, von welcher aus das Wort Lüge nicht bloß einen informatorischen, sondern einen grundlegenderen Charakter zeigt. Es waren die Medien, die durch andauernde Suggestion ein öffentliches Wir konstruierten, das die ideale Bevölkerung der zu errichtenden diskursiven Wirklichkeiten antizipieren, und denjenigen Teilen der realen Bevölkerung, die diesen Entwicklungen mißtrauten, "Stammtischniveau" bescheinigten. Die Präsenz und Wirkung der Redaktionsstuben in den letzten etwa vier Jahrzehnten könnte man in diesem Zusammenhang durchaus als eine Revolution ohne das Volk bezeichnen, eine Schreibtischrevolution.

Dem Zuckerbrot des Dazugehörens gesellte sich dabei die Peitsche der Politischen Korrektheit, einem mentalen Erwartungsanspruch, dessen Nicht-Befriedigung zum schnellen Rauswurf aus der medialen Party des aufgehenden Neumenschentums mit sich zog, wie manche Person des öffentlichen Lebens erfahren mußte, die sich getraut hatte, Positionen der "veröffentlichten Meinung", also der durch die Medien als öffentliche Meinung dargestellten Standards, in Frage zu stellen. Diese Konstruktion eines virtuellen Volkes inklusive Meinung ist die wesenhafte Lüge, der man die Medien bezichtigen muß, und sie ist schwerwiegender als jede vereinzelte Desinformation oder Halbwahrheit, zu welcher Journale je gegriffen haben mögen.

Es entwickelte sich also ein dubioses Verhältnis zwischen Politik und Journalismus, welches darin bestand, daß Journalisten das propagierten, wovon sie wußten, daß die Politik es anzustreben hatte, während Politiker so taten, als läsen sie in den Journalen den Willen und die Auffassungen ihrer Wählerschaft. Und langsam sah sich letztere immer mehr auf verlorenem Posten und ihre angestammte Wirklichkeit von Medien und Politik verraten und verkauft. Diese Kollaboration der letzteren ist auch der Grund, warum heute beide Populationen zu den am wenigsten angesehenen Berufen gehören, und sie läßt auch die verbalen Entgleisungen gewisser Vertreter beider Gruppen verständlich werden, wenn spontane Bewegungen aus dem Volk die Verordnungen der politisch Korrekten ignorieren und die fragile Idylle der Volksimulanten mit so undiplomatischen Losungen wie: "Wir sind das Volk!" und "Lügenpresse!" stören.

Längst gebärdet sich der Diskurs, dieses bizarre Konstrukt der abartigen Metaphysik linker Linguistik, so offensiv, daß er das traditionell gewachsene gesellschaftliche Gefüge als Konstrukt angreift, das es zu dekonstruieren gilt, und seine Vertreter als rückständige "Ewiggestrige" entwertet. Dabei wird aus der Geschichte klar, daß nie die Ewiggestrigen, sondern die Ewigmorgigen, diejenigen nämlich, die der Gesellschaft ihre Zukunft vorschreiben zu müssen glaubten, auch diejenigen gewesen sind, die wiederholt unsere Welt verwüsteten!

Es scheint in der Tat, als waltete auch in den heutigen Gemütern noch immer  jene Macht, die einst das Religiöse als oberste Richtinstanz heranzog, stets auf der Suche nach dem Überweltlich-Wunderbaren, das die Welt erlösen und erneuern soll. Und es scheint, als sei eine verkappte Mystik im Materialisten aktiv, die jene ihm verbotene Zuwendung an das Immaterielle und Außerweltliche im Verborgenen hegt und auf das Geistigste projiziert, das in der strickten Immanenz des fundamentalen Positivisten gefunden werden kann: auf die Sprache, den "Diskurs".

Doch der Diskurs vermag nicht, was ihm so aufgebürdet wird. Seine Irrealität ist nicht Transzendenz, sondern verwegene politische Programmatik, die sich einen naiven Spiritualismus dienstbar macht, der in der Sprache, selbst noch in der unredlichen, die Spitze des Geistigen sieht.

Wenn aber auch die produktive Wirksamkeit dieses Aberglaubens gleich null ist (z. B. wird es weiterhin zwei Geschlechter geben, mögen auch die Genderisten sieben weitere Jahrhunderte die Welt umdefinieren), trifft die von ihm generierte politische Willensbildung der Destruktion alle gesellschaftlichen Bereiche. Dieses Ausmaß wird allmählich den "ewiggestrigen Stammtischgesellen" bewußt, und es beginnt, sie zu aktivieren. Die diversen diesbezüglichen Bewegungen, die sich jüngst in den Städten konstituierten, enthalten in ihren Agenden neben Multikulturalismus und Einwanderungsproblematik wie selbstverständlich auch das sogenannte Gender-Mainstreaming – so nennt sich die politische Implementierung des "wissenschaftlichen" Feminismus.

An diesen zuletzt genannten Geschwisterideologien des nunmehr ein halbes Jahrhundert lang amtierenden linken Progressismus illustriert sich übrigens am augenfälligsten das innere Zerbröckeln seines Gesamtbaus: Kein Moralin dieser Welt sollte uns die Schadenfreude trüben, die wir empfinden dürfen, wenn Deutschlands nationale Frauenoberlehrerin, die sich selbst als eine "atheistische linke Intellektuelle" definiert, sich darüber echauffiert zeigt, daß Polizeibeamte Gewalt gegen Frauen und die Milieus, die das Groß der Vergewaltiger beisteuern, verschweigen müssen, weil diese im Immigrantenmilieu zu verorten seien, und somit jeder Hinweis darauf als Rassismus gelte. Denn diese orwellschen Sprechverbote entsprangen derselben Zeit, denselben Akteuren und derselben diskursiven Motivation jener atheistisch-links-intellektuellen Bewegungen, aus denen auch die den Verstand beleidigenden Sprechregelungen und -verbote des Feminismus entsprangen. (Der dem Feminismus adäquate Totschlagknüppel heißt bekanntlich "Sexismus" oder "Biologismus" und sein Landeplatz ist der Rücken all derer, die sich eine Andeutung von eingeborenen Geschlechtsunterschieden erlauben.)

Aber liegt die Diskrepanz nicht der Verzerrung inne? So ist es uns willkommen, wenn jetzt, wo der "Diskurs" als aufgeflogener Vorsatz der politischen Eliten von renitenten Verteidigern des Angestammten auf den Straßen verrissen wird, er zugleich innerlich und strukturell zerbröckelt. Das gibt Grund für angespannte Hoffnung. Die Hoffnung einer Vereitelung des diskursiven sozialtechnokratischen Projekts und einer Wiederbesinnung auf das Wesenhafte, auf den Sinn, der einzig unser Denken, unsere Sprache und unsere Seele tragen und erfüllen kann. Man könnte es auch das Aufbegehren jener Bedeutungen nennen, die "in den Dingen" liegen, gegen die leeren Begriffshülsen des mineralisierten Geistes der politisch Korrekten. Oder die Rückkehr der geschundenen Sprache vom Exil der diskursiven Wirklichkeiten in die Heimat eines wieder mal  wirklichen Diskurses.

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Anmerkungen:

1. Diese Zweiteilung des Sprachgebrauchs dient dem Aufbau dieser Abhandlung und ist ohne Bezug zu den "Sprachfunktionen" der verschiedenen linguistischen Theorien.

 2. "Die Wirklichkeit ist diskursiv"