Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Ein paar Worte an Dr. Steinmeier

29. 03. 2016 | Ideologie und ihre Sprache

Sehr geehrter Herr Dr. Steinmeier,

Ihre neuerlichen Äußerungen mit Bezug auf die terroristischen Anschläge in der belgischen Hauptstadt enthielten auch subjektive Befürchtungen Ihrerseits, die mir in diesem Zusammenhang fraglich erschienen sind: Die Terroristen, mutmaßten Sie, wollten uns durch die Terrorakte “Gewalt und Haß aufzwingen”.

Das allein wäre sicher schlimm genug. Doch die Bürger in Europa, Herr Steinmeier, befürchten, daß uns die Terroristen mit höchster Priorität vor allem eines, nämlich töten wollen. Je mehr von uns, desto besser.

Nun gehe ich davon aus, daß die Aufgabe eines Volksvertreters darin zu bestehen hat, sich dieser existentielleren Befürchtung des Bürgers mit allen Mitteln anzunehmen, die den Schutz der Bevölkerung gewährleisten.

In solcher Sachlage aber Ihre subjektive und rein spekulativ erfaßte weitere Befürchtung einer ethischen Unterwanderung der bedrohten Bevölkerung hin zum “Haß” als gleichberechtigte Sorge neben der akuten Lebensbedrohung derselben Bevölkerung anzuführen, empfinde ich – und mit mir sicher viele - als zynisch. Für ihre ethische Integrität und Selbstvervollkommnung sind freie Menschen selbst verantwortlich; dies sind keine Felder der Politik.

Als abwegig empfinde ich außerdem Ihre Empfehlung, die Seelenzustände der Täter bei der Durchführung unserer Maßnahmen gegen ihren Terror zu berücksichtigen: Wir sollten ihnen keine “Genugtuung” verschaffen, sagten Sie, ohne präziser festzuhalten, wann dies der Fall wäre.

Doch ich denke, daß unsere Maßnahmen allein nach ihrer Schutzeffizienz auszuwählen sein sollten, zumal es sich als schwierig erweisen könnte, einen Konsens darüber zu finden, wann wir den Barbaren “Genugtuung” verschaffen und wann nicht.

So ist manch einer Ihrer Kollegen wohl der Meinung, daß jene osteuropäischen Länder, die ihre Grenzen dichtmachten, und so bei sich Anschläge wie die von Paris und Brüssel verunmöglichten, den Terroristen damit “Genugtuung” verschafften, während die famosen “weltoffenen Gesellschaften” des Westens, in denen die Islamisten nahezu ungehindert reisen, schalten, walten und sprengen konnten, diese damit enttäuschten!

Lieber Herr Steinmeier, ich neige dazu, Volksvertretern von jedweden Predigten (die die Menschen ohnehin nicht mehr hören können) abzuraten. Am besten scheint mir für Politiker eine Arbeitsweise nach dem Prinzip Beten und Arbeiten angebracht, wobei das Beten aus einer unablässigen meditativen Rezitation ihres Amtseides bestehen sollte. Zu etwas anderem sind Ihre Kollegen und Sie von ihrem Auftraggeber nicht vorgesehen.

Mit freundlichen Grüßen

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