Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Gesinnung, Identität und Politische Korrektheit

03. 01. 2017 | Ideologie und ihre Sprache

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Wem die Felle davonschwimmen, dem kann man eine gewisse Verwirrung nicht verdenken. Ein ganz besonderer Härtefall ist es aber dann, wenn derjenige noch dazu und allem Anschein zum Trotz behauptet, der Strom fließe in die entgegengesetzte Richtung als die, in die sein Hab und Gut hoffnungslos dahinschwindet.

In ähnlicher Sachlage läßt sich wohl die panmediale Groteske illustrieren, die von den publizistischen Pleitiers in Redaktions- und Meinungsforschungsstuben aufgeführt wird, wann immer sie ihre anhaltenden Prognosen- und Propagandadesaster schnell wieder wegschieben und sich die falsche Flußrichtung gegenseitig bestätigen. Mitleid mit diesem Personal könnte einen übermannen, wäre da nicht die Verwunderung darüber größer, wie rasch doch bei ihm nach jedem Versagen der alte Schlendrian wieder einkehrt als wäre nichts gewesen.

Ein heiteres Paradestück solchen Überdauerns des Blamablen führte die Publizistin Vera Lengsfeld am Beispiel des ARD-Korrespondenten in New York, Markus Schmidt vor, der nach dem Wahlsieg Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen im November 2016, einem Wahlergebnis, dem Schmidt und Ähnliche null Wahrscheinlichkeit zugesprochen hätten, noch immer mit seinen liebgewonnenen Bauklötzchen improvisierte: Für Trump hätten die weißen Männer und die Arbeitslosen gestimmt, Clinton dagegen hätten (man zähle auf!) die Schwarzen, die Hispanics, die Gebildeten und die Frauen gewählt. “Daß Hillary Clinton dann die Wahl mit Zweidrittelmehrheit hätte gewinnen müssen”, resümiert Lengsfeld nüchtern in ihrem Blog, “fiel dem gestandenen Journalisten nicht auf. Solche Verheerungen können ideologische Vorurteile im Denken anrichten.“1

Ja, das scheinen sie zu können. Oder ist vielleicht das Phänomen, das hier wie denkerische Unzulänglichkeit aussieht, am Ende anders zu benennen?

Starten wir den Versuch einer Annäherung an den möglichen Begriff, stehen wir zunächst vor einem Gesellschaftsbild. Es ist das Gesellschaftsbild von Markus Schmidt, dem ARD-Korrespondenten in New York. Nach diesem Bild wählen wahlberechtigte Eingewanderte links, da sie ja wissen, daß Linke für Einwanderung, “Populisten” aber gegen Einwanderung sind. Homosexuelle sind nach dem Gesellschaftsbild des ARD-Korrespondenten Anhänger der Genderideologie, weil sie “Zwangsheterosexualität” ablehnt; Frauen wählen Frauen, weil sie sich gegenseitig gegen das (weiße!) Patriarchat ermächtigen wollen. Man könnte diese Unhaltbarkeiten dem Herrn Korrespondenten auch als seine Meinung vorhalten, das Wort würde aber zu kurz greifen. Denn Meinungen könnten noch berichtigt werden, recht leicht und schmerzlos sogar.

Etwa die Meinung über das angebliche Wahlverhalten der Frauen: Schon im Jahr 2002 stellte der Schreiber dieser Worte in maskulist​.de die Behauptung auf, “daß Frauen beim Wählen ihr Vertrauen an die maskuline Kompetenz trotz jahrzehntelanger Versuche ihrer Umerziehung aufrecht erhalten haben.” (“Von der grundsätzlichen Inkompetenz des Feminismus und den Folgen ihrer sozialpolitischen Kompensation”.) In den darauffolgenden Jahren konnte diese Auffassung regelrecht triumphieren. Nicht nur bei den satten Mißerfolgen der schwedischen sog. Fraueninitiative und anderer europäischer Frauenparteien, die allesamt zu einem politisch nichtigen Quasidasein verurteilt zu sein scheinen. Die mit mancher Peinlichkeit geschmückten Absetzungen von Frauen auf Landesebenen in dieser Republik (Ypsilanti, Simonis), die derben Schlappen Hillary Clintons, als Erste-Frau-Hoffnung für den US-Präsidententhron sowohl bei den Vorwahlen gegen Obama im Jahr 2008 als auch bei der erwähnten Präsidentschaftswahl gegen Donald Trump im November 2016, und nicht zuletzt der mühselig-knappe Wahlsieg Merkels zu ihrer ersten Amtszeit 2005 gegen einen extrem geschwächten Gegenkandidaten Schröder, dem zu jener Zeit (wegen gewisser Spar-Reformen) die eigene Wählerschaft davonlief, bestätigten in Abständen überaus die vorangestellte Behauptung. Mochten die Medien noch so lautstark ihre ermüdende Parole “Höchste-Zeit-für-eine-Frau-an-der-Macht” immer zur rechten Zeit angestimmt haben.

Nein, Frauen wählen nicht Frauen; die Feministinnenminderheit tut das, und ARD-Korrespondenten nennen sie “die Frauen”. Warum tun sie das? Nun: Weil sie damit nicht ihre Meinung zum Ausdruck bringen wollen, sondern ihre Gesinnung dem öffentlichen Disput aufdrücken. Was ist Gesinnung?

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