Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Gesinnung, Identität und Politische Korrektheit

03. 01. 2017 | Ideologie und ihre Sprache

Gesinnung ist Identität

Laut DUDEN ist Gesinnung “Haltung”. Es heißt: “Haltung, die jemand einem anderen oder einer Sache gegenüber grundsätzlich einnimmt; geistige und sittliche Grundeinstellung eines Menschen.” - Haltung, Grundeinstellung, das ist Charakter gewordene Unterweisung, das ist ein gutes Stück Identität.

Eine zu Charakter geronnene Katechese fungiert als Faktor jenseits kognitiver Einflüsse, sie wird weder von logischen Strukturen angesprochen, noch ist sie für jedwede Argumentation mehr erreichbar. Würden logische Argumente auf Identitäten so wirksam mit ihrer Evidenz einschlagen, wie auf den neutral erkennenden Verstand, würde das Wiederaustreten aus politischen Malheurs nicht ein Prozeß von Generationen sein (siehe UdSSR). Ein Prozeß von Generationen ist eine solche gesellschaftliche Restauration aber deswegen, weil zuvor so viele Identitäten in entscheidenden Institutionen Wurzel fassen müssen, bis sie anteilig stark genug sind, um dort Veränderung einzuleiten. (Wobei auch eine einzige solche Identität in einer Spitzenposition für eine Initiierung von Prozessen genügen kann.)

Daß es im politischen Kampf am Ende um Identitäten geht, also um das So-Sein der Gesellschaftsmitglieder und nicht etwa um ihre bloße Meinung, wird auch deutlich, sobald wir uns die Forderungen der etablierten politischen Ideologien genauer anschauen. Verweilen wir dabei ruhig weiter beim Feminismus: Er kam zunächst mit der Forderung nach gleichen Rechten für Frauen, etwa dem Recht, Fußballvereine zu gründen, und solche sind gegründet worden. Nehmen wir nun an, Sie, ein Leser dieser Zeilen, besorgen sich in politisch korrekter Absicht eine Eintrittskarte für ein solches Fußballspiel der Frauen (oder einen Frauenboxkampf, falls dies Ihnen lieber ist) und begeben sich in das Stadion, um damit mit dem Recht der Frauen auf den einschlägigen Wettkampf zu solidarisieren. Sie gehen nun davon aus, dem Feministen/der Feministin es damit rechtgemacht zu haben. Doch im anschließenden Gespräch mit einem/er solchen stellten Sie unschwer fest, daß sich diese Erwartung nicht so leicht erfüllt:

Wehe nämlich, Sie lassen durchblicken, daß Sie zwar das Recht der Frauen auf Fußball anerkennen und auch gern fördern, daß Sie aber bei einem Frauenwettkampf was Spannung und emotionale Herausforderung betrifft, nicht ein Gleiches empfinden, wie bei einer Männerpartie. Denn damit blieben Sie weiterhin ein SChBeG (Sexist, Chauvinist, Biologist und ewig Gestriger). Wir brauchen hier nicht die mentalen, psychologischen, anatomischen, biographischen, kulturellen und sonstigen Faktoren zu explorieren, die Ihr legitimes Empfinden schlüssig erklären und verteidigen könnten. Denn das wären Argumente, und Gesinnungen können mit solcher Deckung nichts anfangen. Sie wollen unser ganzes So-Sein bedingungslos bestimmen, wir müssen lernen anders zu fühlen, anders zu erleben, sprich anders zu sein; Ideologien (denn dasselbe ließe sich bei jeder anderen Ideologie des Mainstreams nachweisen) wollen unsere Identität, nichts weniger, unnachgiebig! Sie sind nicht mit unserer bloßen Billigung und Folgsamkeit zu befrieden, wie Gesetze, Verordnungen und Bräuche es sind. Sie wollen unsere Seele – das ist, was sie unmenschlich macht!

Die Politische Korrektheit als Angebot, das man nicht ausschlagen kann

Zu erwähnen ist allerdings, daß dieser Anspruch, unser Wesen einem mentalen Machwerk zu vermachen, das uns noch dazu nicht durch Evidenz, sondern allein durch seinen moralistischen Imperativ habhaft werden will, wohl auch von seinen Verfassern selbst als eine Zumutung angesehen wird, weswegen sie ein Zubehör gleich nachgeliefert haben, mit welchem man die abverlangte Loyalität auch ohne eigene Überzeugung simulieren kann. Die politisch korrekte Sprache erfüllt genau diesen Zweck. Mit ihrem Gebrauch signalisiert der Prüfling, daß von ihm keine Gefährdung des Systems ausgeht, und trägt zugleich dazu bei, den öffentlichen “Sprech” zugunsten der etablierten Theoreme zu prägen, ihren Subtext im Alltagsdiskurs zu konservieren und sich somit dem System, wenn auch nicht als zelotischer Jünger, dann mindestens als williger Multiplikator anzudienen. Politisch korrekte Sprache also als Schutzgeld, das man beim öffentlichen Auftreten zu entrichten hat, will man nicht - wie schon so viele - als Dissident abgekanzelt und als öffentliche Person erledigt werden.

Diese Politische Korrektheit war es, die auch aus der Aussage des ARD-Korrespondenten von weiter oben sprach, wonach die Schwarzen, die Hispanics, die Gebildeten und die Frauen Clinton gewählt hätten. Ob nun als Maske oder Gehalt, ob aus gründen des Selbstschutzes oder aus solchen der Überzeugung oder gar der Gewöhnung, fand hier lediglich eine Aufteilung der Gesellschaft nach recht exakt vorformatierten Bezogenheiten und Ursächlichkeiten, die als gegeben erachtet werden sollen, um die Weltbilder der Feministen, Multikulturalisten und Intellektualisten (“Gebildeten”) zu bestätigen.

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