Gesinnung, Identität und Politische Korrektheit

Wem die Felle davonschwimmen, dem kann man eine gewisse Verwirrung nicht verdenken. Ein ganz besonderer Härtefall ist es aber dann, wenn derjenige noch dazu und allem Anschein zum Trotz behauptet, der Strom fließe in die entgegengesetzte Richtung als die, in die sein Hab und Gut hoffnungslos dahinschwindet.

In ähnlicher Sachlage läßt sich wohl die panmediale Groteske illustrieren, die von den publizistischen Pleitiers in Redaktions- und Meinungsforschungsstuben aufgeführt wird, wann immer sie ihre anhaltenden Prognosen- und Propagandadesaster schnell wieder wegschieben und sich die falsche Flußrichtung gegenseitig bestätigen. Mitleid mit diesem Personal könnte einen übermannen, wäre da nicht die Verwunderung darüber größer, wie rasch doch bei ihm nach jedem Versagen der alte Schlendrian wieder einkehrt als wäre nichts gewesen.

Ein heiteres Paradestück solchen Überdauerns des Blamablen führte die Publizistin Vera Lengsfeld am Beispiel des ARD-Korrespondenten in New York, Markus Schmidt vor, der nach dem Wahlsieg Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen im November 2016, einem Wahlergebnis, dem Schmidt und Ähnliche null Wahrscheinlichkeit zugesprochen hätten, noch immer mit seinen liebgewonnenen Bauklötzchen improvisierte: Für Trump hätten die weißen Männer und die Arbeitslosen gestimmt, Clinton dagegen hätten (man zähle auf!) die Schwarzen, die Hispanics, die Gebildeten und die Frauen gewählt. "Daß Hillary Clinton dann die Wahl mit Zweidrittelmehrheit hätte gewinnen müssen", resümiert Lengsfeld nüchtern in ihrem Blog, "fiel dem gestandenen Journalisten nicht auf. Solche Verheerungen können ideologische Vorurteile im Denken anrichten."1

Ja, das scheinen sie zu können. Oder ist vielleicht das Phänomen, das hier wie denkerische Unzulänglichkeit aussieht, am Ende anders zu benennen?

Starten wir den Versuch einer Annäherung an den möglichen Begriff, stehen wir zunächst vor einem Gesellschaftsbild. Es ist das Gesellschaftsbild von Markus Schmidt, dem ARD-Korrespondenten in New York. Nach diesem Bild wählen wahlberechtigte Eingewanderte links, da sie ja wissen, daß Linke für Einwanderung, "Populisten" aber gegen Einwanderung sind. Homosexuelle sind nach dem Gesellschaftsbild des ARD-Korrespondenten Anhänger der Genderideologie, weil sie "Zwangsheterosexualität" ablehnt; Frauen wählen Frauen, weil sie sich gegenseitig gegen das (weiße!) Patriarchat ermächtigen wollen. Man könnte diese Unhaltbarkeiten dem Herrn Korrespondenten auch als seine Meinung vorhalten, das Wort würde aber zu kurz greifen. Denn Meinungen könnten noch berichtigt werden, recht leicht und schmerzlos sogar.

Etwa die Meinung über das angebliche Wahlverhalten der Frauen: Schon im Jahr 2002 stellte der Schreiber dieser Worte in maskulist.de die Behauptung auf, "daß Frauen beim Wählen ihr Vertrauen an die maskuline Kompetenz trotz jahrzehntelanger Versuche ihrer Umerziehung aufrecht erhalten haben." ("Von der grundsätzlichen Inkompetenz des Feminismus und den Folgen ihrer sozialpolitischen Kompensation".) In den darauffolgenden Jahren konnte diese Auffassung regelrecht triumphieren. Nicht nur bei den satten Mißerfolgen der schwedischen sog. Fraueninitiative und anderer europäischer Frauenparteien, die allesamt zu einem politisch nichtigen Quasidasein verurteilt zu sein scheinen. Die mit mancher Peinlichkeit geschmückten Absetzungen von Frauen auf Landesebenen in dieser Republik (Ypsilanti, Simonis), die derben Schlappen Hillary Clintons, als Erste-Frau-Hoffnung für den US-Präsidententhron sowohl bei den Vorwahlen gegen Obama im Jahr 2008 als auch bei der erwähnten Präsidentschaftswahl gegen Donald Trump im November 2016, und nicht zuletzt der mühselig-knappe Wahlsieg Merkels zu ihrer ersten Amtszeit 2005 gegen einen extrem geschwächten Gegenkandidaten Schröder, dem zu jener Zeit (wegen gewisser Spar-Reformen) die eigene Wählerschaft davonlief, bestätigten in Abständen überaus die vorangestellte Behauptung. Mochten die Medien noch so lautstark ihre ermüdende Parole "Höchste-Zeit-für-eine-Frau-an-der-Macht" immer zur rechten Zeit angestimmt haben.

Nein, Frauen wählen nicht Frauen; die Feministinnenminderheit tut das, und ARD-Korrespondenten nennen sie "die Frauen". Warum tun sie das? Nun: Weil sie damit nicht ihre Meinung zum Ausdruck bringen wollen, sondern ihre Gesinnung dem öffentlichen Disput aufdrücken. Was ist Gesinnung?

Gesinnung ist Identität

Laut DUDEN ist Gesinnung "Haltung". Es heißt: "Haltung, die jemand einem anderen oder einer Sache gegenüber grundsätzlich einnimmt; geistige und sittliche Grundeinstellung eines Menschen." - Haltung, Grundeinstellung, das ist Charakter gewordene Unterweisung, das ist ein gutes Stück Identität.

Eine zu Charakter geronnene Katechese fungiert als Faktor jenseits kognitiver Einflüsse, sie wird weder von logischen Strukturen angesprochen, noch ist sie für jedwede Argumentation mehr erreichbar. Würden logische Argumente auf Identitäten so wirksam mit ihrer Evidenz einschlagen, wie auf den neutral erkennenden Verstand, würde das Wiederaustreten aus politischen Malheurs nicht ein Prozeß von Generationen sein (siehe UdSSR). Ein Prozeß von Generationen ist eine solche gesellschaftliche Restauration aber deswegen, weil zuvor so viele Identitäten in entscheidenden Institutionen Wurzel fassen müssen, bis sie anteilig stark genug sind, um dort Veränderung einzuleiten. (Wobei auch eine einzige solche Identität in einer Spitzenposition für eine Initiierung von Prozessen genügen kann.)

Daß es im politischen Kampf am Ende um Identitäten geht, also um das So-Sein der Gesellschaftsmitglieder und nicht etwa um ihre bloße Meinung, wird auch deutlich, sobald wir uns die Forderungen der etablierten politischen Ideologien genauer anschauen. Verweilen wir dabei ruhig weiter beim Feminismus: Er kam zunächst mit der Forderung nach gleichen Rechten für Frauen, etwa dem Recht, Fußballvereine zu gründen, und solche sind gegründet worden. Nehmen wir nun an, Sie, ein Leser dieser Zeilen, besorgen sich in politisch korrekter Absicht eine Eintrittskarte für ein solches Fußballspiel der Frauen (oder einen Frauenboxkampf, falls dies Ihnen lieber ist) und begeben sich in das Stadion, um damit mit dem Recht der Frauen auf den einschlägigen Wettkampf zu solidarisieren. Sie gehen nun davon aus, dem Feministen/der Feministin es damit rechtgemacht zu haben. Doch im anschließenden Gespräch mit einem/er solchen stellten Sie unschwer fest, daß sich diese Erwartung nicht so leicht erfüllt:

Wehe nämlich, Sie lassen durchblicken, daß Sie zwar das Recht der Frauen auf Fußball anerkennen und auch gern fördern, daß Sie aber bei einem Frauenwettkampf was Spannung und emotionale Herausforderung betrifft, nicht ein Gleiches empfinden, wie bei einer Männerpartie. Denn damit blieben Sie weiterhin ein SChBeG (Sexist, Chauvinist, Biologist und ewig Gestriger). Wir brauchen hier nicht die mentalen, psychologischen, anatomischen, biographischen, kulturellen und sonstigen Faktoren zu explorieren, die Ihr legitimes Empfinden schlüssig erklären und verteidigen könnten. Denn das wären Argumente, und Gesinnungen können mit solcher Deckung nichts anfangen. Sie wollen unser ganzes So-Sein bedingungslos bestimmen, wir müssen lernen anders zu fühlen, anders zu erleben, sprich anders zu sein; Ideologien (denn dasselbe ließe sich bei jeder anderen Ideologie des Mainstreams nachweisen) wollen unsere Identität, nichts weniger, unnachgiebig! Sie sind nicht mit unserer bloßen Billigung und Folgsamkeit zu befrieden, wie Gesetze, Verordnungen und Bräuche es sind. Sie wollen unsere Seele – das ist, was sie unmenschlich macht!

Die Politische Korrektheit als Angebot, das man nicht ausschlagen kann

Zu erwähnen ist allerdings, daß dieser Anspruch, unser Wesen einem mentalen Machwerk zu vermachen, das uns noch dazu nicht durch Evidenz, sondern allein durch seinen moralistischen Imperativ habhaft werden will, wohl auch von seinen Verfassern selbst als eine Zumutung angesehen wird, weswegen sie ein Zubehör gleich nachgeliefert haben, mit welchem man die abverlangte Loyalität auch ohne eigene Überzeugung simulieren kann. Die politisch korrekte Sprache erfüllt genau diesen Zweck. Mit ihrem Gebrauch signalisiert der Prüfling, daß von ihm keine Gefährdung des Systems ausgeht, und trägt zugleich dazu bei, den öffentlichen "Sprech" zugunsten der etablierten Theoreme zu prägen, ihren Subtext im Alltagsdiskurs zu konservieren und sich somit dem System, wenn auch nicht als zelotischer Jünger, dann mindestens als williger Multiplikator anzudienen. Politisch korrekte Sprache also als Schutzgeld, das man beim öffentlichen Auftreten zu entrichten hat, will man nicht - wie schon so viele - als Dissident abgekanzelt und als öffentliche Person erledigt werden.

Diese Politische Korrektheit war es, die auch aus der Aussage des ARD-Korrespondenten von weiter oben sprach, wonach die Schwarzen, die Hispanics, die Gebildeten und die Frauen Clinton gewählt hätten. Ob nun als Maske oder Gehalt, ob aus gründen des Selbstschutzes oder aus solchen der Überzeugung oder gar der Gewöhnung, fand hier lediglich eine Aufteilung der Gesellschaft nach recht exakt vorformatierten Bezogenheiten und Ursächlichkeiten, die als gegeben erachtet werden sollen, um die Weltbilder der Feministen, Multikulturalisten und Intellektualisten ("Gebildeten") zu bestätigen.

Noch recht harmlos eigentlich angesichts anderer Korrektheiten, die täglich unseren Verstand rüde beleidigen: Etwa wenn sie die westliche aufklärerische Kultur als das Unglück der Erde darstellen, wenn sie die Integration unkontrolliert Eingewanderter aus Gegenden, in denen Eltern schon mal ihr Kind wegen einer vorehelichen Beziehung lebendig begraben, als Bereicherung des Westens und seine historische Aufgabe definieren, oder wie neuerdings fieberhafte und teure Sicherheitsvorkehrungen vor öffentlichen Massenveranstaltungen aufgrund der Befürchtung migrantischer Kriminalität veranlassen, aber gleichzeitig beteuern, das Land sei super sicher gerade wegen (Achtung: steiles Gefälle!) seiner Offenheit diesen Eingewanderten gegenüber!

Wer die Lüge sät…

Freilich verrät solcher Mißbrauch der Semantik die großen Defizite linker Gesinnungen in der Wahrnehmung und Darstellung des Wesentlichen und Faktischen. Und das ist ein Grund des sicheren Scheiterns ihrer Manifestationen.

Doch mittendrin zeigt sich gerade, daß die durch die politische Falschsprache ausgeleierte Redlichkeit (kommt nicht zufällig von "reden") Diskursambivalenzen erzeugt, die alle Verlautbarungen derart entkernen, daß nicht einmal mehr eine Umfrage das ist, was sie mal war. Denn ein gelenkter Diskurs, der Meinungen einschüchtert, wird am Ende gewiß auch die Meinungsforschung soweit verfremden, bis niemand mehr weiß, ob der ARD-Kommentator, der zum Erhalt seines guten Jobs die Politik der Kanzlerin vollen Lobes referiert, nicht am Ende die AfD wählen geht. Wer Schutzgelder eintreibt, kann nicht zugleich Vertrauen einfordern, und wer in der Sprache die Lüge installiert, wird bald auch selbst belogen sein.

In diesem Verunsicherungsmodus und eifrig danach, jedes Fettnäpfchen auch zu betreten, das sich die Genossen selbst hingestellt haben, laufen zur Zeit seitens der fragwürdigen politischen "Elite" unter den Anglizismen "Hate Speech" und "Fake News" hektische Versuche, die "richtige" Zensur von den "falschen" zu isolieren. Das heißt, dieselben, die in der verlogenen Politischen Korrektheit einen "Fake Speech" installierten, erdreisten sich, uns von den von ihnen selbst definierten "Fake News" zu "schützen". Womit sie nicht rechnen, was ihnen aber im gerade begonnenen Wahljahr sauer aufstoßen wird, ist, daß sie sich dadurch dem inhaltlichen Disput ausliefern, vor welchem sie sich bislang durch ihren "Fake Speech", die Politische Korrektheit, drücken konnten. Wohlan also, Genossen!

Ab 2017: Kampf der Identitäten

Viel klarer beim Verstand und im Konzept dagegen zeigt sich erfreulicherweise die Gegenseite. Sie bleibt konsequent beim eigentlichen Problem, wie dieses weiter oben aufgezeigt wurde: Es findet ein Kampf der Identitäten statt. Oktroyierte Gesinnungsidentitäten gegen natur-, sprich historisch gewachsene. Gemeinsame Geschichte, gemeinsame Kultur und aus ihnen entwickelte Mentalität sind Berührungspunkte, die ein kohärentes Wir, ein solides kollektives So-Sein, das sich daher ein Volk nennen darf, zusammensetzen. Mögen Begriffe wie Heimat und Abendland dem modernistischen politischen Katecheten als verrucht vordefiniert sein, ihre konstituierende Kraft, die gezielt auf dem Gemeinsamen und Homogenen statt auf einer zersplitternden Diversität baut, lebt.

Es lebt und flackert daher immer wieder im Disput auch das eine Wort, um das es geht, und das sich junge Bewegungen wie die Identitären im Namen festgeschrieben haben: Identität. Um diesen Begriff formiert sich der politische Kampf der Gegenwart. Und nicht besser kann man heute die Unterscheidung auslegen, die sich einst in links und rechts aussprach, als eine zwischen ideologisch aufgezwungenen und organisch gewachsenen Identitäten. Und sollte das auch ein wenig nach Kulturchauvinismus anmuten, so entspannt euch, ihr Guten unter der Sonne: Ein gesundes Maß davon sollte sich die Zivilisation angesichts des morbiden Atavismus, der sich gegenwärtig in aller Welt mordend gegen sie stellt, erlauben dürfen.

In diesen Gedanken soll das gerade angetretene Jahr gegrüßt sein. Und eine anständige Neujahrsansprache hatten wir auch schon (siehe Video unten)!

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Anmerkungen:

1. Vera Lengsfeld, "Mauerfall in den USA"