Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Motivation und Konzept dieser Seiten

14. 11. 2014 | Intern

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Also: Das Individuum A, das sich Georg nennt, und unter diesem Namen sich selbst als Zentrum seiner Gedanken, Erinnerungen, Vorstellungen, Willensprozesse und Befindlichkeiten erlebt, ist ein Effekt, eine Auswirkung. Man würde nun meinen, wenn schon Georg Effekt und Auswirkung ist, dann doch eine jener Gedanken eben, Erinnerungen, Vorstellungen, Willensprozesse und Befindlichkeiten, die Georgs seelisches Spektrum ausmachen. Doch nein: Gedanken, Erinnerungen, Willensprozesse… etc., das sind Aktualisierungen eines seelischen Wesens und somit allemal “wesenhaft”. Doch mögen Anti-Essentialisten, wie wir eben lasen, Wesenhaftes nicht. Daher werden Prozeß, Performanz und differentielle Strukturen herbeigerufen, die in ihrer disponierten Ob­s­ku­ri­tät richtige Naturtalente sind, wenn es darum geht, Wesenhaftes zu verflüchtigen.

Doch wenn Identität als subjektiver Bestand zu erfassen ist, dessen Vorkommnis sich im Inneren vergegenwärtigt, dann macht sich jede objektivistische Annäherung desselben, wie sie die obige Definition vornimmt, von selbst verdächtig, andere Ziele anzustreben als das Auffassen der menschlichen Identität. Welche könnten das sein? Betrachten wir einmal die Identitätsbedingungen des Anti-Essentialisten, die da wären Prozeß, Performanz und differentielle Struktur, und stellen sie den unsrigen gegenüber, also den Gedanken, dem Gedächtnis, den Vorstellungen, den Willensprozessen und den Befindlichkeiten oder Empfindungen. Was sehen wir?

Das eine Mal haben wir es mit Abläufen oder Formen zu tun, die unabhängig von inhaltlichen Elementen, als leere Gefäße sozusagen, aufgerufen werden. Im zweiten Fall treten hingegen eben jene seelisch-mentalen Elemente auf, die der Anti-Essentialismus ausläßt, und die durchaus einen “feststehenden” Gehalt aufweisen, und dies auch unabhängig von Prozessen, Performanz und irgendwelchen “differentiellen” oder anders zu nennenden Strukturen. Beachten wir nun, mit welcher Evidenz diese beiden heterogenen Gruppen in das richtige Verhältnis gesetzt werden, sobald wir die anti-essentialistische Definition wie folgend umkehren:

Nicht Prozesse, Performanz und jedwede soziokulturell diskursive Strukturen geben Identitäten einen “Sinn”, sondern vielmehr jene erhalten erst dann einen, wenn sie Identitäten referieren, in Bezug nehmen oder bedienen. Der “Sinn” nämlich einer Identität ist unter jeder, auch unter einer ihr völlig fremden gesellschaftlichen, existentiellen – geschweige denn differentiellen – Struktur gänzlich nachvollziehbar. Umgekehrt wäre eine dieser genannten Strukturen überhaupt nicht denkbar, wenn sie sich nicht auf Identitäten bezöge, nicht von diesen geprägt worden wäre, nicht für diese funktionieren würde!

Unserem Verdacht nun folgend, wonach hinter der Relativierung der Identität ein kollektivistisches Interesse zu vermuten wäre, sind wir veranlaßt, nach den Zielen des Anti-Essentialisten zu fragen. Die Antwort wird uns in der Fortsetzung des Zitats aus dem Glossar des Schweizer “Instituts ästhetische Bildung und Vermittlung” gegeben, dessen Beginn wir nur bisher rezensierten. Dort lesen wir des weiteren: “In diesem Sinn ist ‘anti-essentialistisch’ ein wichtiges und politisches Attribut kritisch-emanzipativer Theorie und Praxis.” – Soll heißen, ein wichtiges politisches Instrument zur Typisierung der Gesellschaft nach den Mustern jenes essenz- und geistscheuen Diskurses, dem wir vorhin die Hegemonie über die Gegenwart bescheinigten.

Eingehendere Charakterisierungen dieser Intervention werden freilich häufiges Thema auf diesen Seiten sein. Was wir jedoch bereits im Vorfeld näher gekennzeichnet haben wollen, ist die Sprache, deren sich diese Eingriffe gewöhnlich bedienen.

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