Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Motivation und Konzept dieser Seiten

14. 11. 2014 | Intern

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Genius versus Intellekt

Wir haben diesbezüglich bereits erkannt, daß die von uns kritisierte Identitätsdefinition sich weniger auf Inhalte stützt, die Elemente einer mental-seelischen Natur repräsentieren, als vielmehr auf begleitende, situative oder diskursive Dispositionen, die während der Artikulation von Identität das Handlungsfeld mitbestimmen, und die über alles Innere und Genuine im Individuum gestellt werden. Im ersten Fall hätten wir es mit einer organisch einheitlichen Zusammengehörigkeit zu tun, die als solche das Gemüt des gesunden Menschen ausmacht, im zweiten Fall dagegen mit Fremdelementen, die auch beliebig zusammengeführt werden können, und über deren Wirkung auf die menschliche Präsenz eher spekuliert als konstatiert werden kann.

Genau gegen solche Fremdbestimmung aber setzt sich jener Mensch ein, den wir im Helden verehren; nicht nur im romantisierend-epischen Sinn des Wortes, sondern als psychologischer Prototyp des Menschen, der den “Sinn” seiner Identität selbst (wie könnte es auch anders sein) und unabhängig von jeglichem Arrangement in der Umgebung, also “feststehend”, weiß und verkörpert – sei dies Gulliver unter den Riesen oder den Liliputanern, Odysseus auf seinen Fahrten, oder der anatolische Schuhputzer von Elia Kazan, der es im New York der frühen Wolkenkratzer als Immigrant zum Wohlstand bringen will. Es zeichnet sich somit eine Fluchtlinie in der Sprache des Anti-Essentialisten oder Positivisten ab, die weg vom Wesen und hin zum Machwerk in der Umwelt führt. Als zentrale Anweisung für eine solche Verfügung könnte wohl die These Karl Marx’ angesehen werden, wonach allein das Sein das Bewußtsein bestimme. Doch lassen wir diese Spur nur nebenbei erwähnt sein.

Wir wollen jedoch hier zu einer fundamentalen Begründung unserer Distanzierung vom Weltverständnis schreiten, das wir bisher kritisch vorführten. Dazu beziehen wir das gemeinsame existentielle Basismedium beider Weltanschauungen ein: der anti-essentialistischen, die wir fortan – der Einfachheit halber – dem Materialismus zuordnen, und unserer Auffassung von einer Priorität des geistig-identitären Prinzips, das wir in den Belangen des Idealismus2 unterwegs zu sehen haben. Ihr gemeinsames Medium ist die Zeit. Denn ob Prozesse oder Gedanken, Performanz oder Willensimpuls, Strukturen der Sprache oder anderer Organisation, seelisches Befinden, Gedächtnisabläufe: das alles findet in der Zeit (in jener – auch vom frühen Heidegger – als zu sehr vernachlässigt beklagten Bedingung der Ontologie) zur Entfaltung und Vergegenwärtigung. Die zuletzt genannten sogar, die Gedächtnisabläufe, stehen in einem besonders anregenden Verhältnis zu der Zeit, wie wir noch sehen werden.

Wo wir Stationen der zeitlichen Entfaltung im Kollektiven analysieren und beurteilen, haben wir es mit Historie oder Geschichtstheorie zu tun, und nicht lange hatte es gedauert, bis sich der Materialismus das Attribut “historischer” hinzulegte. Fragt man ihn aber nach dem Wesen der Zeit oder des Gedächtnisses, in welcher und durch welches sich alle Geschichte abspielt, wird man von ihm bestenfalls mit dem kulanten Belächeln der ihm befremdlichen Frage belohnt.

Otto Weininger, das früh gegangene Genie, dessen Vermächtnis, zusammengestellt in der Kürze seines 23jährigen Lebens mächtig genug gediehen war, um das Geistesleben der Mitwelt zu beseelen, sah im Identitätsfaktor Gedächtnis die “Überwindung der Zeit”, denn es hebe “die Geschehnisse, die überall sonst in der Natur Funktionen der Zeit sind, hier im Geiste über die Zeit” hinaus.3 Von diesem Standpunkt aus steuert Weininger einen Syllogismus an, dessen luzide Führung mit der knabenhaften Kühnheit einer selbstüberzeugten Selbstautorisierung auszieht, um das Innere des Seins und des menschlichen Wesens zu durchdringen:

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