Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Motivation und Konzept dieser Seiten

14. 11. 2014 | Intern

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Er macht erst einmal auf einen scheinbaren Widerspruch aufmerksam; nämlich dasselbe Gedächtnis, das die Geschehnisse “vom Einfluß der Zeit befreit”, ermöglicht zugleich überhaupt erst die Wahrnehmung derselben: “Sicherlich wird uns… nur durch Erinnerung an Vergangenes zum Bewußtsein gebracht, daß es einen Ablauf der Zeit gibt.” Wie kann also dasselbe Gedächtnis, das die Zeit im Bewußtsein konstituiert, sie dort auch aufheben? “Die Schwierigkeit löst sich leicht”, meint Weininger, denn gerade ein Wesen, das “mit Gedächtnis ausgestattet ist”, stehe “mit seinen Erlebnissen nicht einfach in den Zeitverlauf eingeschaltet”, sondern “kann… dem Zeitverlauf gegenübertreten, ihn auffassen, ihn zum Gegenstande der Betrachtung machen.”

Zur Frage, welche Ereignisse es sind, für die sich das Gedächtnis einsetzt, um sie dem Strom der Zeit zu entreißen, sagt er: “Man erinnert sich nur an solche Dinge, die für die Person einen, wenn auch oft lange unbewußten, Wert gehabt haben: dieser Wert gibt ihnen die Zeitlosigkeit… Der Wert ist also das Zeitlose; und umgekehrt: ein Ding hat desto mehr Wert, je weniger es Funktion der Zeit ist, je weniger es mit der Zeit sich ändert. In alles auf der Welt strahlt sozusagen nur so viel Wert ein, als es zeitlos ist: nur zeitlose Dinge werden positiv gewertet.” In dieser Feststellung wollte Weininger sogar “das erste spezielle Gesetz aller Werttheorie” formuliert wissen.

Und, wie man auch der weiteren Hinterlassenschaft des jungen Denkers entnehmen muß, ist das intelligible menschliche Ich der ultimative Werteträger und, in der Zeitlosigkeit, die ihm sein Wesen durch das Gedächtnis gewährt, der Wert an sich überhaupt. Anschaulich fixiert er diese Zeitlosigkeit in dem Befund, daß alle “diskreten Momente des individuellen Lebens immer das ganze zeitlose Ich” enthalten.

Welche tiefe Wahrnehmung und welche wache innere Reflexion müßte nicht in diesem noch Jugendlichen-Gemüt walten, das sich in der Lage sah, von einem “Gefühl der Identität in allen Lebenslagen” zu schwärmen!4 So spricht ein lebendiges Nachsinnen, das den Denkenden in ein Panorama mitzureißen vermag, welches das Gewahren der menschlichen Individualität von einer überempirischen Warte aus ermöglicht.

Betrachten wir aber nun auch die verblüffende wissenschaftliche Legitimation von Weiningers Anschauung: Die wissenschaftliche Methode, die, in Analogie zu Weiningers Ich, Überzeitliches aufnimmt und behandelt, ist freilich die mathematische. Sie kann es, weil sie, zumal durch den Gebrauch der Null und der damit ermöglichten algebraischen Tradition, rein ideell arbeiten kann, also unabhängig von der Anschauung, auf welche sie jedoch in der Anwendung ihrer derart frei erarbeiteten Ergebnisse Wirksamkeit entfalten kann.

Nicht immer vermag unsere Anschauungs- und Erlebnisfähigkeit mit den Wirklichkeitsvorstellungen Schritt zu halten, die uns die theoretischen Wissenschaften auf solchem Weg vermitteln. Kaum jemand würde wohl behaupten, die Relativitätstheorie zu leben. Ganz gleich aber, wie wir mit dieser Diskrepanz umzugehen pflegen, darf festgehalten werden, daß, wo immer diese Wissenschaftstheorien unsere herkömmliche Wirklichkeit revidierten, taten sie dies, indem sie Größen wie die Zeit, den Raum oder die Materie anpaßten oder korrigierten, niemals jedoch den Beobachter, das erlebende Individuum, das “menschliche intelligible Ich” Weiningers. Letzteres bleibt durchweg der konstante Bezugspunkt, an welchem alle Relativierung gemessen wird. (Auch die moderneren Untersuchungen neuronaler Vorgänge mittels bildgebender Verfahren, die menschliche Willensprozesse außerhalb des Ichs verortet haben wollen, relativieren das Ich nicht wirklich.)

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