Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Motivation und Konzept dieser Seiten

14. 11. 2014 | Intern

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Weininger, dessen Leben zwei Jahre vor Albert Einsteins Formulierung der speziellen Relativitätstheorie endete, war sich dieses Sachverhalts bewußt und trug ihm dadurch Rechnung, daß er die Entsprechung des Ichs innerhalb logisch-mathematischer Operationen in keiner der zahlenmäßigen Größen der Gleichung sah, sondern im Gleichheitszeichen selbst! Denn daß etwas gleich ist mit etwas, das hinzukommt, kann nur eine Instanz bezeugen, die während des Vorgangs dieselbe, ein Selbst geblieben ist. In diesem Sinn erklärt er an anderer Stelle mit Bezug auf Fichtes Verständnis des ersten Satzes der Logik, des Satzes von der Identität (A=A): “Glauben kann man im Grunde nur an sich selbst… Fichte hat erkannt, daß der Satz der Identität, der formal sich mit dem Begriffe der Wahrheit deckt, identisch ist mit dem Satze: ich bin. Also auch der Glaube an die Logik ist im letzten Grunde Glaube an sich selbst.“5

Und jetzt – der Leser möge dies entschuldigen – nochmals zum Vergleich das Zitat, mit dem die Geistscheuen das Ich in Nichtigkeit zu versenken versuchen: “Eine anti-essentialistische Haltung ist ganz allgemein gegen ein Denken gerichtet, das Identitäten als etwas Wesenhaftes und Feststehendes begreift – und nicht als Effekte von Prozess und Performanz, die immer erst innerhalb einer differentiellen Struktur Sinn bekommen.” Jenes Selbst also, das die Logik konstituiert, die über den Status aller Effekte, Prozesse und Performanz befinden soll, wird hier zu deren Objekt degradiert. Ein Attentat auf das eminent Menschliche! Dagegen dürfte die Kongruenz der Sichtweise Weiningers mit dem mathematisch abstrakten Erleben die Position des jungen Genies, wonach die Kontinuität des Ichs und seiner “Identität in allen Lebenslagen” eine unabdingbare Bedingung der Logik ist, vernichtend auf die kümmerlichen Arrangements des wirren Intellektualismus wirken, der Identität hinter irgendwelche “Prozesse”, “Performanz” und andere Namenlosigkeiten verbannt sehen will; Namenlosigkeiten, die, wie wir bereits anmerkten, erst dann im Geschehnis gelten können, wenn ihnen ein Intelligibles Namen und Relevanz verliehen hat. Aber wie sollte man es auch sonst zum Anti-Essentialisten schaffen, außer durch den Verlust der Essenz?

Vom verlorenen Sohn der Philosophie

Die Geschichte der Philosophie durchlief viele Phasen, zeitigte aber bislang einen bahnbrechenden Wendepunkt. Dieser markiert die spätere Neuzeit und beruht auf dem Verhalten des philosophierenden Geistes, des erkennenden Subjekts zu sich selbst. Während nämlich in den vorangegangenen Epochen die Philosophie Logik, Bewußtsein, Identität erkundete, das Was, Woher und auch Wohin des sich selbst erkennenden Subjekts also, und erst aus dieser Erkundung auch ihren praktischen Wert gewann, kam eine Zeit, in der Philosophie eine sogenannte Philosophie der “Praxis” wurde. Das Was und Woher des Subjekts wich dem Wie der Gemeinschaft. Der Gang vom Individuum ins Kollektiv wurde unwiderruflich beschritten. Damit rückten zwar die allgemeingesellschaftlichen praktischen Werte in den Vordergrund, also vorwiegend die ökonomischen und sozialen.

Doch da das Kapital, welchem diese Werte ihre Schöpfung und Konzession verdanken, das zeitlos intelligible schöpferisch-Menschliche, der Geist, nicht mehr Objekt des Subjektes, also seiner selbst war, wurde er zum bloßen Mittel. Als Mittel aber ist der Urgrund des Menschlichen nicht selbst tätig, sondern wird lediglich als Vernunftträger für Externes betätigt. Unter dieser Bedingung ist es jedoch dem sinnenden Individuum nicht mehr möglich, das zeitlos Wesenhafte im Denkprozeß aufrecht zu erhalten. Kaum mehr hat also der zeitgenössische Denker ein Verhältnis zu dieser Instanz entwickeln können; er kann bloß das Instrumentarium anwenden, das sie im Laufe der Kulturgeschichte in der Zeit abgesondert hat: den Intellekt und die ihm adäquaten Anliegen und Tendenzen. Diese sorgten dafür, daß in unserer Zeit an die Stelle des Genius oder des Weisen der “Intellektuelle” gekürt wurde. Und da der Intellekt intelligent ist, weiß er Wege, auch Identität zu substituieren. Es sind Ausbünde dieses Betrügers, die uns heute in die Wüsten von “Prozessen, Performanz und differentiellen Strukturen” schicken, um dort den menschlichen Wesenskern zu verscharren.6

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