Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Aufgehen der Person in der Kulturgeschichte und S. Freud

14. 11. 2014 | Kulturgeschichte

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Denn, bezugnehmend auf ein steinernes Figurenrelief, das zu den Hauptattraktionen der besichtigten Kulturstätte zählt, fragte ich nach der Identität der Hauptfigur auf dem plötzlich rege umlagerten Kunstwerk. Rasch erfolgte nun erwartungsgemäß der Name desselben Herrschers, den ich von meinem Reiseführer her auch kannte, stand er doch eingraviert auf dem Denkmal in einer längst entzifferten Schrift.

Dann wies ich daraufhin, daß hier die königliche Person zwar durch schriftliche Angabe festgelegt würde, nicht aber durch die Darstellung einer individuellen Physiognomie zu erkennen wäre. Weiter erläuterte ich, daß es sich in den meisten Frühkulturen so verhielte, daß der Kunst nur ein männliches und ein weibliches Gesicht zur Verfügung stünden, häufig allein durch die Zutat eines Bartes unterschieden. In vielen Fällen würden diesen stereotypen Figuren verschiedene Größen zur Kennzeichnung verschiedener Wichtigkeitsgrade vergeben, sodaß die größte Gestalt die des Königs oder Häuptlings wäre. Und daß sich diese Gepflogenheiten in Zeitaltern fortsetzten, längst nachdem die europäische Antike Marmorbilder gefertigt hatte, auf welchen wirkliche Personen durch die Summe ihrer physiognomischen Attribute räumlich zu erkennen waren: Sokrates, Homer, Perikles, aber auch imaginierte wie Artemis, Apollon oder Athene.

Daß eine solche physiognomische Darstellung der Person eine kulturanthropologische Errungenschaft bedeutet, wird wohl unmittelbar einleuchten. Damit ist allerdings nicht dargetan, warum das so ist, welche kognitiven Bedingungen also sich darin aussprachen, und wie diese seit ehedem den Einzelnen als Subjekt und die Geschichte als Gesamtereignis prägten. Zur Erkundung dieser Zusammenhänge böte es sich wohl an, einen kurzen Ausflug zu jener historischen Nische vorzunehmen, aus der erste merkliche Andeutungen der Wahrnehmung der Person einst ausgingen.

“Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen”

Sonnenkult, Porträt und Monotheismus: Sosehr auch diese Begriffe weit davon entfernt zu sein scheinen, eine konsistente Dreiheit zu bilden, so sehr tun sie hier genau das. Denn das Besondere an ihnen ist, daß sie im Kontext dieser Abhandlung gleichbedeutend in dem Sinne sind, daß sie auf Gleiches hindeuten. Auf was, ist nun die Frage. Versuchen wir in Richtung Antwort voranzukommen, indem wir zunächst nach der jeweils direkten Assoziation eines jeden dieser Wörter suchen: Sonnenkult hat sicher mit der Wahrnehmung der Sonne als eines zentralen Faktors des Lebens zu tun. Zugleich auch als Grundlage aller optischen Wahrnehmung und somit eines sehr wesentlichen Aspektes des Erkennens. Mit beiden Fällen assoziieren wir den Begriff Wissenschaft. Die Assoziation zum Portrait wäre wohl Kunst und die zum Monotheismus Religion.

Die historische Nische, von der eben die Rede war, und aus welcher wir erstes Zeugnis einer Reflexion des Phänomens Person in der Darstellungskunst erwarten, läßt sich zeitlich in der 18. Pharaonen-Dynastie verorten, konkret in der Amtszeit jenes Pharao, dessen Gattin Nofretete, repräsentiert durch ihre weltberühmte Büste, die sie kunstgeschichtlich fast prominenter noch als ihren königlichen Gemahl machte, heute unter Verwahrung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Ägyptische Museum zu Berlin schmückt.

Dafür bietet Echnaton, der Gemahl, ein ausgesprochenes kulturgeschichtliches Rätsel. Seine Regentschaft bildet eine geschichtliche Zäsur, deren reformatorische Intentionen so rabiat die damalige Kulturszene Ägyptens attackierten, wie sie rasch nach seinem Ableben wieder verschwanden. Um jedoch in der Folge von einer sich neu konstituierenden Volksgemeinschaft weitergetragen zu werden, welche diese Ansätze bis zur kulturhistorischen Wiege der westlichen Zivilisation bringen sollte, um sie ihr in der Zeit des weltumarmenden Hellenismus auf dramatischem Weg einzuverleiben. Gemeint ist das israelitische Volk.

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