Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Aufgehen der Person in der Kulturgeschichte und S. Freud

14. 11. 2014 | Kulturgeschichte

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Echnatons reformatorische Maßnahmen tragen in den Augen des bewanderten Betrachters allerlei Merkmale des Initiatorischen: Er gab sich selbst einen neuen Namen (von Geburt hieß er Amenophis oder Amenhotep), führte einen neuen Gott und einen neuem Kult ein, begründete eine neue Kunst und baute eine neue Stadt. Der neue Gott war Aton, der Helios (die Sonne), und wurde durch die Sonnenscheibe dargestellt. Der neue Kult bestand u.a. in der Einführung monotheistischer Ansätze, die allerdings, ob aus Rücksicht gegenüber der bis dahin ausgeübten Tradition oder aus Überzeugung, noch Nebengötter duldeten. Aton, dem Hauptgott, wurde die neue Stadt Achet-Aton gewidmet, die entsprechend auch der neue Regierungssitz Echnatons wurde. Die alte Priestergarde des abgesetzten Gottes Amun wurde entmachtet, die Tempel desselben wurden umgewidmet oder lieferten fortan das Material für Bauten zu Ehren Atons.

Die Kunst (Amarna-Kunst genannt nach dem späteren Namen der Umgebung um die Ruinen Achet-Atons) wurde revolutioniert. Eine überzeugende Naturtreue hob die Typisierungen der archaischen Kunst auf, sogar erste räumlich-perspektivische Andeutungen machen sich bemerkbar. Entsprechend werden auch die physiognomischen Züge des Menschen nicht nur (erstmalig in der uns bekannten Kulturgeschichte)  abgebildet, sondern darüber hinaus sowohl idealisiert als auch karikiert. Idealisiert ist etwa das genannte Nofretete-Porträt im Berliner Museum, dessen Symmetrie sich einem neu angewandten feinen Maß verdankt. Karikiert, doch stillvoll, ja geradezu vorteilhaft, ist hingegen ihr königlicher Gatte im Ägyptischen Museum in Kairo zu bewundern.

Er war es, der seinen kompetenten Einfluß in der Manier des Universalgenies auf allen Gebieten verteilte: Von ihm erhielten Bildhauer Regeln, Architekten Pläne; seiner dichterischen Ader entstammt u. a.  die berühmte Aton-Hymne.

Das alles ging mit der Inspiration eines Gottes einher, dessen Forderungen lang vor dem Einzug der Lehre Buddhas - und zu einer Zeit, da Götter anderer Kulturkreise ihr launenhaftes Grauen über die Menschen verhängten - Milde, Wahrheit, Frieden und Gerechtigkeit waren, ohne seine Geschöpfe mit der Einschüchterung seiner Zerstörungsmacht gehörig machen zu wollen. Viele sahen daher in Echnaton und seinem Gott eine Frühvergegenwärtigung des Christus-Impulses, und in moderner Literatur werden Aton und sein Vertreter auf Erden vielfach positiv in die Ereignisse um den Aufenthalt der Israeliten in Ägypten eingeflochten.

Doch entgegen unserer Neigung empfiehlt es sich hier weniger, den Dichter als Bogen zwischen dem frommen König Atons im vorchristlichen Nilland und unserer Gegenwart einzuspannen, und so werden wir auf die geistentzückenden Dialoge verzichten müssen, die Thomas Mann in seinem vierbändigen Epos, Joseph und seine Brüder, in die Münder seiner Romanhelden legte. Statt dessen wenden wir uns an die Wissenschaft, namentlich an die Psychoanalyse, und zwar in der Person ihres Begründers höchstselbst.

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