Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Aufgehen der Person in der Kulturgeschichte und S. Freud

14. 11. 2014 | Kulturgeschichte

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Der kritische Hebräer Freud

Sigmund Freuds zweite Gelehrten-Hypostase ist allgemein weniger wahrgenommen worden, weil seine Bedeutung als Analysator der Psyche seine populär-wissenschaftliche Vita ausfüllt. Dabei wäre sein Zweitjob geeignet, um gewisse Tendenzen einordnen zu können, die sein psychoanalytisches Werk dominieren. Denn Sigmund Freud hat sich – nebenbei, aber anhaltend – als Theologe einer besonderen Art betätigt, nämlich als Antitheologe. Seine beträchtliche Kenntnis zentraler religiöser Inhalte, die ihm als einem Nachkommen jenes Volkes, das einst aus Ägypten auswanderte, in den Schoß gefallen waren, nutzte Freud mit beeindruckender Kontinuität, um die Entstehung des Heiligen aus profanen Beweggründen zu belegen, genauer gesagt aus niederen Beweggründen, oft kannibalischen Niveaus! Dies sollte den neurotischen und psychotischen Charakter des Religiösen begründen.

Sein Spätwerk Der Mann Moses und die monotheistische Religion1 veröffentlichte Freud zögerlich, denn er befürchtete während seiner Wiener Jahre Repressalien gegen seine psychoanalytische Betätigung seitens der “katholischen Strenggläubigkeit” Österreichs. Es wäre allerdings anzunehmen, daß auch die Eignung des Werks, einen Durchblick in Freuds Verhältnis zu seinen jüdischen Wurzeln zu gewähren, keine unheikle Angelegenheit in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war. Das deutet wohl auch der einleitende Satz des Bandes: “Einem Volkstum den Mann abzusprechen, den es als den größten unter seinen Söhnen rühmt, ist nichts, was man gern oder leichthin unternehmen wird, zumal wenn man selbst diesem Volke angehört.“2 Moses war nämlich nach Auffassung Freuds, der sich auf neuere ägyptologische Erkenntnisse seiner Zeit berief, kein Hebräer, sondern ein wohl einflußreicher Ägypter gewesen, möglicherweise adeliger Sproß oder Mitglied des höheren Priester- oder Beamtentums, jedenfalls Anhänger jener kurz aufblitzenden Religion des Reformators Echnaton – in Freuds Schreibweise: Ikhnaton.

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Da wir allerdings hier keine dogmatischen Standpunkte zu verteidigen haben, nicht einmal den, ob Moses überhaupt eine historische Person ist, und um den Leser nicht unnötig auf einer falschen Spur verweilen zu lassen, soll im voraus geklärt sein, daß die konkreten Einwände Freuds zu Moses’ Wirkung und Geschichte uns nur peripher interessieren, nämlich allein als der kontextuale Rahmen, in dem der Psychoanalytiker seine Einstellung zu den Phänomenen Ich und Person – unserem eigentlichen Interesse – offenlegt. Denn Freuds Einstellung dazu als diejenige eines Gelehrten spätmarxistisch-positivistischer Aufgeklärtheit und als Theologen eines (wenn auch vielleicht nie bewußt gewollten) Nihilismus, ist geradezu repräsentativ für sämtliche Begegnungen mit der intellektuellen Beschaffenheit unserer allüberall materialistisch gestimmten Gegenwart. Was die historische Nachprüfbarkeit übrigens betrifft, so umfaßt der mögliche Zeitrahmen, in dem die heutige Geschichtsforschung die Gestalt Moses’ einbettet, etwa drei Jahrhunderte und damit einige Pharaonenfolgen vor und nach Echnaton. Historisch gesichert ist also lediglich eine gewisse Synchronizität der Einwirkung des Monotheismus in den beiden hier angesprochenen Kulturkreisen: dem Juden- und dem Ägyptervolk. Um weitere Einzelheiten kann nur spekuliert werden, wovon Freud auch regen Gebrauch machte.

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