Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Aufgehen der Person in der Kulturgeschichte und S. Freud

14. 11. 2014 | Kulturgeschichte

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Moses nun, Freuds Ägypter, enttäuscht von der Aufhebung der reformatorischen Ansätze Ikhnatons nach dessen Tode und der Wiederherstellung der alten Priestermacht, abgewendet von seinen ägyptischen Landsleuten, die sich unreif für die spirituellen Innovationen Ikhnatons zeigten, missionierte die Milieus gewisser Fronarbeiter mit semitischem Migrationshintergrund, etablierte bei ihnen den neuen Kult Atons und floh alsdann mit ihnen aus Ägypten auf der Suche nach einer neuen Heimat für den neuen Gott und sein Volk, welches Moses als geistiger Vater desselben, nun “auserwählt” hatte. Mit diesem Kniff erklärt Freud die Auserwähltheit Israels, die er als prägend für die Charakterbildung seines Volkes ansah, aus einem historisch-rationalen Kontext heraus.

Erst auf der Wanderschaft über die Halbinsel Sinai jedoch, nahe ihrer östlichen Ausläufe hin zum Westrand Arabiens, soll das frisch auserwählte Volk seine Bekanntschaft mit jenem Gott Jahve (oder “Jahwe”) gemacht haben, der ihm religionsgeschichtlich so inhärent wurde. Ursprünglich ein Vulkangott, der ziemlich unvorteilhaft charakterisiert wird (“ein unheimlicher, blutgieriger Dämon, der bei Nacht umgeht und das Tageslicht scheut“3), wurde er vom verwandten Stamm der Midianiter verehrt und von den Israeliten übernommen, die wohl allmählich des allzu feinen und ethisch anstrengenden Aton so überdrüssig geworden waren, wie selbst die hochkultivierten Ägypter vor ihnen. Der ägyptische Führer Moses wurde dabei ermordet, seine Gestalt verband sich jedoch laut Freud mit jener des midianitischen Jahve-Priesters zu einer Zweiheit, die fortan fürs Judenvolk typisch werden sollte. Diese Zweiheit nämlich soll es gewesen sein, die sich später in den zwei Reichen Juda und Israel als die konstitutive Bilanz einer Zusammenkunft derjenigen Hebräer manifestierte, die aus Ägypten flohen, und die den kleineren aber kulturell überlegenen Teil ausmachten, und jener unterwegs hinzugekommenen verwandten Stämme, denen Aton und seine fortschrittlich-moralischen und abstrakt-spirituellen Ansprüche fremd waren. Entsprechend strukturierte sich auch die Geschichte dieses besonderen Volkes einerseits durch die immer wieder ausbrechende innewohnende Untreue gegenüber “der großen und mächtigen Tradition, die allmählich im Dunklen angewachsen war”, wie Freud die verdrängte Erinnerung an den ägyptischen Ursprung nennt, andererseits durch das immer wieder anhebende Gedenken an diesen Kult seitens “einer nicht mehr abreissenden Reihe Männer”, den Propheten, “die unermüdlich die alte mosaische Lehre verkündeten, die Gottheit verschmähe Opfer und Zeremoniell, sie fordere nur Glauben und ein Leben in Wahrheit und Gerechtigkeit.“4

Als Konzession an die ägyptische Tradition sieht Freud übrigens auch die rituelle Beschneidung.

Obwohl wir dem Vater der Psychoanalyse ein ehrliches Bedauern des tragischen Vorfalls von Moses’ Ermordung nicht absprechen wollen, sehen wir uns dennoch versucht, den gewaltsamen Tod des geistigen Vaters der Israeliten als willkommene Fügung in Freuds analytischer Religionskunde zu verdächtigen. Denn dieses Ereignis stattet die Geschichte mit einem allzu vertrauten und universellen Motiv Freuds aus, universell insofern, als dieser darauf die Entstehung aller Kultur und Religion inklusive psychotischen Potentials derselben zurückführt: dem Motiv des Vatermordes.

In seinen klassischen Ausführungen nämlich zelebriert Freud durchweg als folgenreichste Spekulation über die Entstehung der Religion die Ermordung des Vaters in der Urhorde. Diese Bluttat soll der Ausgang einer Haßliebe zwischen den unterdrückten und sexuell zu kurz gekommenen Söhnen sein, erfindet aber anschließend aus Schuldgefühl und Reue die Religion der Vaterverehrung. Das Christentum brachte demnach die Besonderheit, daß sich hier erstmals ein Sohn opferte, damit so der Mord am geistigen Oberhaupt des Judentums (hinter welchem aber laut Freud “der wiedergekehrte Urvater der primitiven Horde“5 zu sehen wäre) gesühnt werden konnte.

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