Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Aufgehen der Person in der Kulturgeschichte und S. Freud

14. 11. 2014 | Kulturgeschichte

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Wir hatten vorausgeschickt, daß sich dieser Aufsatz nicht mit den sonstigen Entwürfen Freuds auseinandersetzen will, sondern mit seiner Haltung zum Phänomen Person, die uns zugleich vieles über das Menschenbild der Freudschen Weltanschauung und unserer intellektuellen Gegenwart preisgibt, und die schließlich eine sehr zentrale für den Begründer der Psychoanalyse sein müßte! Doch zu dieser Einsicht gelangen wir am besten durch eine kritische Besichtigung der Kausalstrukturen des Analytikers, und speziell zwei bestimmter Unebenheiten seines hypothetischen Komplexes.

Hermeneutik gegen “Analyse”

1. Die erste betrifft die Bedeutung des Monotheismus in Freuds Konzept. Er erblickt in der Einheit, die das monotheistische Prinzip impliziert, die angemaßte Aufhebung einer vorangegangenen Götter-Vielfalt als Akt militanten Imperialismus. Monotheismus hat für ihn einen politischen Hintergrund; kurzerhand heißt es: “In Ägypten war der Monotheismus erwachsen… als eine Nebenwirkung des Imperialismus, Gott war die Spiegelung des ein großes Weltreich unumschränkt beherrschenden Pharao.“6 Etwas konkreter zum Verhältnis dieser beiden -Ismen in Echnatons Dynastie erläutert Freud später noch einmal: “Durch die Eroberungen der 18ten Dynastie ist Ägypten ein Weltreich geworden. Der neue Imperialismus spiegelt sich wider in der Entwicklung der religiösen Vorstellungen… der herrschenden und geistig regsamen Oberschicht … Unter dem Einfluss der Priester des Sonnengottes zu On (Heliopolis)… erhebt sich die Idee eines universellen Gottes Aton, an dem die Einschränkung auf ein Land und ein Volk nicht mehr haftet.“7

Gegenüber diesem unmittelbaren Zusammenhang zwischen Monotheismus und Imperialismus zeigt sich der Autor allerdings nicht genügend konsequent. Dort etwa nicht, wo er mit der Behauptung überrascht, “direkte Anregungen zum Monotheismus” hätten auch “aus Syrien eingedrungen sein können“8. Syrien gehörte aber zu den Ländern, die dem ägyptischen Expansionskurs unterworfen worden waren, und so könnte dieses Land kaum einen Monotheismus anzubieten haben, wenn dieser in geistig regsamen imperialistischen Oberschichten entstünde, wie gleichzeitig behauptet wird. Merkwürdig in ähnlicher Hinsicht ist auch, daß Moses den neuen “imperialistischen” Kult ausgerechnet einem Völkchen aus Fronarbeitern abgeben wollte, dessen bevorstehendes Abenteuer zwar Wehrbereitschaf verlangte, gewiß jedoch kein Weltreich versprach. Und mutet es nicht ebenfalls nach Widerspruch an, wenn Freud den Pharao, der angeblich die Religion des Imperialismus etablieren wollte, anderswo als “Pazifist” bezeichnet, “der untätig zusah, wie das von seinen Ahnen gewonnene Weltreich auseinanderfiel“9?

Zu diesen Widersprüchen kommen positive Zuweisungen Freuds hinzu, die den Monotheismus sehr wohl auch ohne einen Imperialismus erdenklich machen. So sieht er die Wirkung der “monotheistischen Religion auf das jüdische Volk” als einen Bruch mit dem vergangenen primitiven Zeremoniell bestehend aus “Magie und Mystik”, als “Anregung zu Fortschritten in der Geistigkeit” und als “Aufforderung zu Sublimierungen”, also zur Verfeinerung der geistigen Prozesse10. Das heißt doch eindeutig: Es gab erhebliche evolutionäre Fortschritte, die der Monotheismus implizierte, und die nicht aus imperialistischen Neigungen heraus erklärt werden könnten, einem Imperialismus sogar diskrepant gegenüberstanden!

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