Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Aufgehen der Person in der Kulturgeschichte und S. Freud

14. 11. 2014 | Kulturgeschichte

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Denn die Problematik dieses Namens hat nichts mit einer Reue der Israeliten darüber zu tun, Aton und Moses verraten zu haben. Die Problematik dieses Namens liegt in diesem selbst, und sie eröffnet sich allmählich unserem Verständnis, sobald wir uns vergegenwärtigen, daß Jahve neben den Ausdrücken Adonai und Elohim der einzige “Name” ist. Jahve nämlich fungiert als persönlicher Name des Gottes, während die beiden anderen Ausdrücke jeweils den allgemeinen Formen für “Gott” bzw. “Herr” entsprechen und somit beide Titel, aber keine Namen sind. Und das ist noch nicht das Prekäre:

Jahve bedeutet nämlich “Ich bin, der ich bin” (nach mancher Auffassung auch “Ich werde sein, der ich sein werde”), und das gießt ein hochentzündliches Öl ins Feuer der Exegese. Denn ein “Ich”, daß sich hier als Name Gottes vorstellt, besitzt zwei überaus schwierige Aspekte: Erstens ist es zugleich der Name aller sich selbst bewußten Wesen, zweitens darf er jeweils nur aus dem Innern des sich aussprechenden Subjekts ausgesprochen werden, also von dem dafür ontologisch autorisierten “Inhaber” des gemeinten Ichs; mit anderen Worten: Es ist der innwendige Name der Person schlechthin – jeder Person, nicht nur derer Gottes – und damit steilste Abstraktion!

Diese heikle semantische Dimension, die durch die riskante Annäherung des menschlichen mit dem göttlichen Ich eine Hybris in erschreckender Nähe wittern ließ, hat verständlicherweise theologische Probleme bereitet, die durchaus am Ende zu der ehrfürchtigen Konsequenz geführt haben könnten, den hochproblematischen Namen gar nicht erst zu gebrauchen. Jene Brenzligkeit also der gemütsfernen Abstraktion, die den Menschen des alten Orients ohnehin überforderte, verlagerte sich mit diesem für Gott und Mensch gemeinsamen Namen ins Innere und erregte dort die Befürchtung, unverantwortbaren Hochmuts schuldhaft zu machen.

Das war, was die Scheu vor dem Gottesnamen, zumal im privaten außerzeremoniellen Gebrauch, in der religiösen Natur des alten Hebräers verursachte.

Wohin wir also auch kommen, lauert bereits die Abstraktion. Sie zeigt sich in jeder Phase unserer Erkundung als vorexistent, als das bereits Zugrundeliegende, als das eigentlich Treibende hinter den Entwicklungsstadien dieser Geschichtsphase.

Das Verblüffende aber ist: Sie tut dies auch in Freuds Lehre! Denn auch dort beruht alle Kulturentwicklung auf jenem elementaren “Triumpf der Geistigkeit über die Sinnlichkeit“14 (ein weiterer Ausdruck Freuds für die Abstraktion), den die Sonderung des Freudschen Ichs vom triebhaften Es erwirkte und den Gang in Richtung Kultur und Person initiierte. Und hiermit haben wir über hochinteressante Kurven den Begriff wiedergewonnen, der zum Beginn dieser Abhandlung investiert wurde. Es war das Aufkommen der Person in der Kulturgeschichte, was dem Planeten all die weiteren kulturellen Stationen bescherte, die wir hier untersuchten. Auch den Monotheismus!

Nun ist die Frage unumgänglich: Wie konnte es geschehen, daß Freud sowohl als Kenner der jüdisch-hebräischen Kultur als auch in seiner Eigenschaft als Begründer der modernen Seelenkunde die gravierenden Entsprechungen der Entwicklungsstrukturen des Ichs zu der religiösen Identitätsbildung seines Volkes so gänzlich außer Acht ließ? Erstaunlich auch: Wie konnte Freud als Psychologe das anfängliche Auftreten des modernen Individuums in einer von ihm selbst als gesondertes Buch abgehandelten Epoche keines einzigen Wortes würdigen? Verstand er gar nicht, was er da vorfand?

Diese letzte Frage ist hart aber sie ergibt sich selbstverständlich. Und sie leitet uns zu der passenden Schlußwende dieser Untersuchung: Nachdem wir die eklatanten Wiedersprüche und Inkonsequenzen im Denken des modernen Seelenkundlers reinster Prägung in Sachen Gott und Welt haben vor uns passieren lassen, sollten wir die letzten Gedanken dieses Beitrags einer Beschreibung der Denkart widmen, die den Analytiker so weit fern von den Zusammenhängen hielt, denen wir hier so viel Relevanz zuweisen konnten.

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