Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Christentum und der Islam als divergierende Kulturimpulse

05. 11. 2016 | Kulturgeschichte

Monotheismus ist keine weitreichende Gemeinsamkeit

Kein Gedanke im kulturellen Beitrag des Abendlandes hat entschiedener dessen emanzipatorische Impulse angefacht und geprägt als der Gedanke des bis zum vollen Erleiden des Menschseins herabgestiegenen, fleischgewordenen Gottes

Monotheismus wird häufig als die grundlegende Gemeinsamkeit der drei
abrahamitisch genannten Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam angeführt. Das soll die Einsicht begründen, daß die drei Glaubensgruppen über eine Gemeinsamkeit verfügen, die sie in der zusammengerückten Welt unserer globalisiert genannten Gegenwart aussöhnen, befrieden könnte. Doch eine solche Hoffnung erscheint angesichts der barbarischen Gewaltausbrüche, die von rabiaten Anhängern der zuletzt genannten Religion gegen vermeintliche Apostaten und Andersgläubige ausgehen, so gefährdet, daß sich die Frage nach dem Wesen der Unterschiede innerhalb des genannten religiösen Dreiecks unumgänglich macht. Ziel dieser Arbeit ist, die nach Sicht ihres Verfassers zentrale Divergenz in den theologischen Positionen herauszustellen, und sie auf einen bestimmten Aspekt hin, der hier als ebenso zentral angesehen wird, zu analysieren. Es ist der Aspekt der Historizität des einen Gottes der Monotheisten gemeint, die Frage also, ob und wie Er in diesen Religionen als Geschichtssubjekt wahrgenommen wird und in dieser Eigenschaft heilsgeschichtlich wirkt. Denn das Zugegensein Gottes in der Geschichte als Ort der Begegnung mit dem Menschen gibt Auskunft darüber, welches Verhältnis die beiden Instanzen, Gott und Mensch, vereint, und welche Wertigkeit dabei dem menschlichen Part zukommt, kurz: in welchem anthropologisch-theologischen Klima das spirituelle Wesen des jeweiligen Glaubens sich entfaltet.

Daß wir hier vorwiegend das Verhältnis von Islam und Christentum im Mittelpunkt behalten und das Judentum vorerst eher am Rande betrachten werden, liegt daran, daß der Islam es heute ist, der sich durch einen - dem säkularen Westen rigoros aufgezwungenen - religiösen Disput eigenmächtig Aktualität verleiht.

Der historische und der statische Gott

Indem der Mensch die Erfahrungen, die er in Raum und Zeit macht, deutet, erkennt er die beiden ebengenannten Grundfunktionen seiner Kognition als das Kontinuum, in welchem die Materie als der sichtbare Teil der Welt ihr kausales Interagieren entfaltet. Schopenhauer betrachtet Raum und Zeit rein als Präsentationsbühne des Kausalitätsprinzips, oder als das Arrangement, durch welches sich die Logik selbst in Gestalt von Ursache und Wirkung in Erscheinung bringt. In seinen Ausführungen erklärt er Materie und Kausalität als identisch1 und Raum und Zeit als Einrichtungen im Dienste der Kausalität und des auf dieser beruhenden Wandels2.

Aber Wandel und Kausalität hinsichtlich menschheitlicher Belange nennen wir Historie, Weltgeschichte. Wenn also das Christentum das Erscheinen seines Initiators in der Geschichte als das Erscheinen des Logos in der Welt deutet (Johannes), belegt es damit vortrefflich die philosophische Authentizität seiner Botschaft - etliche Jahrhunderte vor Schopenhauer!

Mit dem Erscheinen Gottes in der Zeit entsteht allerdings ein theologisches Dilemma, das im Grunde auch jenem Diskurs der ersten Jahrhunderte des Christentums zugrunde lag, den man den christologischen Diskurs nennt.

Denn Gott wird als immateriell und somit als nicht durch Zeit und Raum bedingt aufgefaßt. Von der menschlichen Perspektive betrachtet, verharrt er in der statischen Vollendetheit eines wandellosen und unwandelbaren ewigen Jetzt. (Es ist übrigens dieses statische Element des Heiligen, das in der Ikonographie der Byzantiner einen künstlerischen Ausdruck fand: Die Perspektivlosigkeit in diesen Arbeiten, die alle dargestellten Objekte und oft verschiedene Darstellungsebenen zusammen auf einer raumlosen Fläche eingebettet zeigt, ist nicht, wie oft gemeint, Beleg dafür, daß die malenden Mönche die Entwicklung der Perspektive in der Malkunst verpaßt hätten, sondern Ausdruck ihrer Absicht, das Weltlich-Raumzeitliche aus den Werken ihrer Andacht herauszuhalten.3) Kurz gefaßt lautete das Problem: In der Geschichte ist der Mensch von der Zeit bestimmt, die ihn drängt, vom Sein in das Werden überzutreten. Wenn aber Zeit Werden bedeutet, was hätte Gott in ihr zu suchen gehabt, bzw. was hätte er werden sollen? Diese Frage wiederum evozierte weitere Streitpunkte nach dem Wesen des Christengottes und dem Verhältnis zwischen Menschlichkeit und Göttlichkeit während seines irdischen Aufenthaltes und danach.

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