Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Christentum und der Islam als divergierende Kulturimpulse

05. 11. 2016 | Kulturgeschichte

Lassen wir diese Fragen vorerst stehen, und begnügen wir uns zunächst mit der Feststellung, daß, wie auch immer der christliche Gott in der Zeit beschaffen gewesen sein mag, er in dieser nicht etwas werden, sondern etwas bewirken wollte. Und weiter: Wie auch immer dieses Etwas in den verschiedenen religiösen Interpretationen genannt werden kann, eines ist es in jedem Fall, nämlich Begegnung, Begegnung mit dem Menschen! Diese wird im Kontext der christlichen Schrift vornehmlich in jenem Ausspruch gefeiert, den man der Jerusalemer Menge beim bejubelten Einzug Jesu in ihre Stadt kurz vor seiner Kreuzigung in die Münder legte: “Gesegnet sei der Kommende im Namen des Herrn.”

Altes und Neues Testament

Laut Bibel ereignete sich diese Begegnung in zwei Phasen. Zunächst in der besonderen Verbundenheit Gottes mit den geschichtlichen Handlungen und Widerfahrnissen eines Kollektivs, eines Volkes, dem Gott sich durch individuelle Vertreter vermittelte. In der zweiten Phase wurde dieser selbst Individuum inmitten desselben Volkes und er vertrat und vermittelte sich unmittelbar. Die von diesem Individuum ausgehende Botschaft, und das ist sehr grundlegend für das Verstehen dieser selbst, richtete sich ebenfalls an einzelne Individuen, an einzelne “Seelen”, und nicht mehr an kollektive Gebilde wie Völker, Blutsgemeinschaften oder Nationen. Dies hob die Bedingung der ethnischen oder sippenhaften Zugehörigkeit auf und mit ihr auch die Bedeutung der bis dahin verehrten lokalen Gottheiten. Das machte Menschen ungeachtet ihrer Herkunft und ihrer sozialen Position teilhaftig im selben Erlösungsprozeß. Dieser ökumenische Anspruch resultierte zwar bereits aus dem monotheistischen Bekenntnis, denn wenn es nur einen einzigen Gott gibt, so muß dieser wohl für alle gleichermaßen gelten. Doch durch seine “Auserwähltheit” hatte das Volk Israel (von diesem Volk war oben die Rede) den Anspruch auf eine Sonderstellung proklamiert, die aber der Begründer des Christentums wieder aufhob.

Wir sehen also hier eine religiöse Kunde aufkommen, die auf der einen Seite ökumenischen Anspruch hegt, zugleich jedoch die kleinste zivilisatorische Einheit, das einzelne Individuum, als ihr konstitutives Element anspricht. Diese Anordnung wird als ein neues Vermächtnis oder Testament aufgefaßt, das sich an den einzelnen freien Menschen wendet, und das alte, einem Volk zugewandte Testament, ablöst. Was bedeutet das anthropologisch? Das bedeutet, daß im neuen religiösen Zusammenhang das Individuum erstmals als reif genug erachtet wird, um Verfügungsbefugnis über die eigene Seele, über die eigene innere Verfassung zu erhalten.

Diese Reife beruht auf jenem Zuwachs an Selbstreflexion, dessen Anfangsphase wir einst im kulturellen Ereignisstrom der ägyptisch-hebräischen Kulturgeschichte lokalisiert hatten4. Um diese anthropologische Begebenheit nicht im Ungefähren entschwinden zu lassen, hier ein paar konkrete Beispiele von Entwicklungsmerkmalen dieser Phase und deren klassische Installationen in den jeweiligen Gesellschaften: Das aufkommende Ansinnen des menschlichen Geistes etwa, nicht mehr von der Natur getrieben zu werden, sondern relative Unabhängigkeit von ihr zu gewinnen, drückte sich in der Seßhaftigkeit aus, der ersten Voraussetzung für die Bildung von Zivilisation im heutigen Sinn. Dieser Schritt implizierte die Eignung, in die Prozesse der Natur einzugreifen, woraus die Agrikultur mit dem Pflug als erste komplexere funktionale Aufgabe entstand. Mit diesen Ansprüchen ging eine erstarkte Abstraktionsfähigkeit einher, die ermöglichte, etwas durch anderes mental vergegenwärtigen zu können (symbolisieren), was das Tauschmittel Geld und den “modernen” Handel initiierte... Diese Beispiele stehen stellvertretend für weitere hier nicht vorgebrachte.

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