Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Christentum und der Islam als divergierende Kulturimpulse

05. 11. 2016 | Kulturgeschichte

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Und all dies waren Innovationen, die auf einer erstmals aufgetretenen Selbstwahrnehmung des Menschen basierten, seiner Selbstwahrnehmung als mentale Zentralität, als Person, die alle Triebe, Kräfte und Vorstellungen des Menschlichen einheitlich enthält und vergegenständlicht. Und unter dieser selben Empfindung entstand auch parallel der Monotheismus, die Auffassung, daß auch das Überweltliche, Gott, als eine einzige Zentralität für alle Naturkräfte und Phänomene verstanden werden muß. Die menschliche Personalität und der Monotheismus sind im selben kulturellen Entwicklungsrahmen entstanden. Wir haben es also hier mit einer Begegnung beider Instanzen, der göttlichen und der menschlichen, in einem gemeinsamen Rahmenbegriff zu tun, und dieser Begriff heißt Person, Ich. Diese ideelle Gemeinschaft könnte übrigens als die konkreteste Manifestation jener biblischen These angesehen werden, die den Menschen zum Ebenbild des Urwesens erklärt.

Reihen wir nun die Grundzüge dieses gesamten kulturhistorischen Hergangs wie Sequenzen eines Programmablaufs aneinander, gewinnen wir das folgende Ablaufschema:

1. Gott und der Mensch nähern sich mit dem Monotheismus zunächst ideell in der gemeinsamen Erscheinungsform der Person. Bemerkenswertes Ereignis dabei: Gott gibt sich einen Namen, und der heißt Ich bin (der an Moses verkündete Gottesname). Das ist der inwendige Name der Person.
2. Gott beteiligt sich maßgeblich bei der Konstituierung einer Art Staatsordnung und verfolgt mit intensiver Anteilnahme das Schicksal des dazugehörigen Volkes.
3. Letztlich substantiiert sich dieses Verhältnis durch den Auftritt Gottes selbst als menschliche Person innerhalb des erwähnten Volkes.

Dieses Ereignis und seine Bedeutung sind das, was sich als Evangelium an die ganze Menschheit richtet, und in diesem Anspruch sprengt es alle partiellen Eingrenzungen. Doch dieser “Glaube” ist keine religiöse Lehre wie jede andere. Die Behauptung, Gott und Mensch finden nach einer – metaphysisch zu deutenden – Trennung wieder zueinander, enthält die Erfüllung des Religiösen schlechthin, denn Religion bedeutet eben das: die Wiederverbindung von Mensch und Gott. Mit dieser aber ist auch die Religionsgeschichte zu Ende!

Gott als Mensch und das Individuum im Aufwind

Es ist unschwer, in der geschilderten Abfolge eine Aufwertung des menschlichen Individuums zu erkennen. Bereits die Vorstellung, daß Gott, das Absolute und Werdelose, sich dem Menschen zuliebe in die Zeit begab, um sich selbst als zeitliches menschliches Wesen zu erfahren, ist eine überwältigend-überweltliche Liebeserklärung an die Erdbewohner, und stellt in der kollektiven Vorstellung die größte Liebesgeschichte der Welt dar. Dementsprechend macht sich diese Aufwertung auch in den vereinzelten Taten und Lehren des inkarnierten Gottes präsent:

Etwa darin, daß das Individuum aus Ethnie und Sippe herausgelöst wird, und als selbstverantwortliche Seele eine eigene Adresse bekommt. Doch nicht nur gegenüber gesellschaftlichen Formationen und Maximen erhält das Individuum Freiheit. Einen energischeren noch Befreiungscharakter zeigt die Lehre dort, wo sie es sogar über Gottgegebenes hebt, über Gebot und Ritual! Prägnant wurde diese Lossprechung in der Klarstellung formuliert, nicht der Mensch sei für das Ritual (“den Sabbat”) da, sondern das Ritual (“der Sabbat”) für den Menschen (Markus 2). Der Mensch sollte den Sabbat als rituellen Ruhetag ganz nach seinem Gewissen einhalten oder nicht.

Eine ergreifende Begebenheit, in der die Parteinahme für das Individuum geltendes Gebot außer Kraft setzt, findet sich wohl in jener Erzählung, in der eine des Ehebruchs beschuldigte Frau vor Jesus gebracht wird, um dort mit seiner, ihm arglistig unterstellten Zustimmung, gesteinigt zu werden. Man gönne sich alle Innerlichkeit, um diesen Vorfall in seiner humanen Dramatik und ganzen Handlungseleganz zu würdigen, in welchem Jesus erst zum Boden gebeugt etwas in den Sand schreibt, um sich dann zum erlösenden Rechtsspruch aufzurichten, “Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein”. – Die lieblosen Frömmler, die ihn berechnend in ein Glaubensdilemma und die angeklagte Frau in den qualvollen Tod führen wollten, gingen alle davon; sie mußten sich als diejenigen erkennen, die dabei vorgeführt wurden.

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