Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Christentum und der Islam als divergierende Kulturimpulse

05. 11. 2016 | Kulturgeschichte

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Auch das zweifelnde Individuum wird im Christentum toleriert, sogar verstanden, und der Glaube wird als eine den Menschen oft überfordernde, schwer aufrecht zu erhaltende kognitive Hypothek angesehen. Das Schwanken, der Zweifel, ja der Abfall werden als Optionen im geistigen Leben inkludiert. Das menschliche Bedürfnis, die eigene existentielle Vergewisserung durch das physisch Existente zu nähren; die menschliche Schwäche, am sinnlich Positiven festzuhalten, werden angenommen, verstanden und vergeben: Dem Zweifler Thomas sagte sein “Herr und Gott”, “Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh. 20). Er deutete damit auf eine vorhandene individuelle Schwäche seines Jüngers, ohne ihn jedoch dazu zu verurteilen, nicht auch “selig” werden zu können. Man kann dieser Einstellung durchaus faustische Züge ablesen: Der “in seinem dunklen Drange” eingefangene “gute Mensch”, nämlich der im faustischen Sinn “Strebende”, vollzieht den Schritt vom Irrtum zur Himmelfahrt, er wird aufgenommen, erlöst!

Diese Nähe zum Menschlichen stellt ein zentrales Charakteristikum des Christentums dar, das seine Faktizität in jener Bezeichnung Gottes ausdrückt, die auch auf eine Wesensverwandtschaft mit dem Menschen schließen läßt, in der Bezeichnung “Vater”.

Wenn sich auch die hier angeführten Emanzipierungsansätze leider wenig im geschichtlichen Auftreten der christlichen Kirchen auffinden lassen, ist der emanzipatorische Aufbruch der Neuzeit, und dies war ihm in seinen Anfängen durchaus bewußt, dem christlichen Menschenprototyp zu verdanken. Kein Gedanke im kulturellen Beitrag des Abendlandes hat entschiedener dessen emanzipatorische Impulse angefacht und geprägt als der Gedanke des bis zum vollen Erleiden des Menschseins herabgestiegenen, fleischgewordenen Gottes.

Wir könnten überspitzt behaupten, daß selbst der Atheismus nicht zufällig in christlichen geographischen Breiten gedieh und gedeiht, sondern eine weitere Bestätigung der denkerischen Freiheit ebendieser Regionen ist. Daß die emanzipatorische Wirkung des Christentums oft verkannt wird, und mitunter sogar die Auffassung besteht, alle westliche Emanzipation läge in der Überwindung desselben, liegt daran, daß Christentum mit Kirchentum gleichgesetzt wird, und somit die kulturanthropologische Wirkung des ersteren in den Schichtungen der Kirchengeschichte Europas zumeist vergeblich gesucht wird – sie wirkte nämlich außerhalb des Kirchenkomplexes. Doch nur so viel zu diesem Thema.

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Zur Wahrung einer weltanschaulichen Neutralität soll an dieser Stelle gesagt sein, daß die hier dem Christentum zugewiesenen Wirkungsweisen als rein phänomenologische Feststellungen angesehen werden. Das heißt, es ist in dieser Hinsicht (und nur in dieser) gleichgültig, ob Gott tatsächlich auf die Erde kam und so das Individuum aufwertete, oder ob ein fortgeschrittenes selbstaufgewertetes Individuum einen solchen Gott “erfand” und ihn als Evangelium weitergab. Wichtig in dieser Abhandlung und letztendlicher Konsens ist, daß Christentum und ein freies, aufgewertetes Individuum konzeptionell zusammengehören.

Zwei divergente Kulturimpulse

Nicht so im Islam. Mit ihm kam eine Religion auf, die das Individuum in allen Einzelheiten seines Alltags durch Gebot und Ritual bestimmen ließ, und ihm einen Wert allein als Bestandteil des nächst größeren Kollektivs beimaß: der Sippe, des Sippenverbands, der Umma oder Gemeinschaft der Gläubigen. Diese wurde durch ein theokratisches Reglement geleitet, das Zweifel als kognitive Möglichkeit ausschloß, den Abfall vom Glauben und jede Emanzipierung vom Kollektiv mit schreckenden Todesdrohungen belegte, schon Kleinkriminalität mit Amputationen bestrafte und allzeit warnend vermittelte: Paßt auf, denn Gott sieht alles, und er weiß, wo ihr wohnt.

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