Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Christentum und der Islam als divergierende Kulturimpulse

05. 11. 2016 | Kulturgeschichte

Versuchen wir nun gleichermaßen phänomenologisch kulturelle Spuren für diesen Unterschied offenzulegen, erscheint empfehlenswert, jenen Sachverhalt zu fokussieren, den wir weiter oben als Parallelerscheinung des zur Person gereiften Individuums im zivilisatorischen Entwicklungsstadium des Menschen konstatiert hatten: die Seßhaftigkeit.

Denn, betrachten wir einmal auf der Weltkarte jene Strecke, entlang derer sich ursprünglich der Islam ausbreitete, die vom Norden Afrikas ausgehend, sich über die Levante genannten Regionen des vorderen Orients fortsetzt, um sich weiter entlang heutiger iranischer und pakistanischer Gebiete über Kaschmir und China bis hin zu den mongolischen Steppen zu erstrecken, stellen wir fest, daß es sich um eine Reiseroute handelt – heute zum Teil Seidenstraße genannt -, deren anliegende Siedlungen tief vom Nomadentum geprägt worden waren.

Mit letzterem Begriff sind nicht nur die Handelskarawanen gemeint, die diese immense Strecke oder Teile davon periodisch hin und her durchfuhren, und den Siedlungen entlang ihrer Handelswege nicht nur Handelswaren, sondern zusätzlich Kommunikations- und Nachrichtendienste boten. Auch die an den Handelsstrecken Angesiedelten bildeten zumeist halbseßhafte, oft aus Wanderhirtenfamilien bestehende Gründungen, die ihre Wohn- und Weidestätten innerhalb eines kleineren Gebiets immer wieder wechselten.

Es gibt überraschend wenig Forschungsmaterial über die gesellschaftlichen Besonderheiten der Nomadenkollektive. Diesem Mangel wollte ein vor einigen Jahren angelegtes Forschungsprojekt der Universitäten Halle und Leipzig entgegentreten. Im sog. Sonderforschungsbereich 586 mit insgesamt 20 Teil- und Unterprojekten waren Entwicklung und Wesen des Nomadentums als auch sein Verhältnis zu den seßhaften Gesellschaften die Untersuchungsfelder.

In der resultierenden Beschreibung werden Nomaden als “Stammes- bzw. Familiengruppen” vorgestellt, die ein “stetig zyklisches Wandern” absolvierten. Ihr Verhältnis zu den seßhaften Gesellschaften bedinge sich durch “räumlichen und kulturellen Abstand”, dies ließe sich “auch bei Roma und anderen fahrenden Völkern in Europa beobachten.” Auch “Wirtschaftsweise, soziale Organisation, Rechtswesen, Normenwelt, Sprache und materielle Kultur von Nomaden unterscheiden sich in der Regel deutlich von ihrer sozialen Umgebung.” Ein grundsätzliches Widerstreben gegen die Einrichtungen der Seßhaften sei das gegen die von letzteren errichteten Staatengrenzen, weil sie Einschränkungen für die nomadische Bewegungsfreiheit bedeuteten.

Nach dem “Aufkommen von pferdezüchtenden Reiternomaden im 2. Jahrtausend v. Ch., und mit der Nutzung des Kamels als Pack- und Reittier seit Anfang des 1. Jahrtausends v. Ch. entwickelte sich eine raumgreifende, zum Teil kriegerisch auftretende nomadische Mobilität”, die nicht nur friedliche Tauschbeziehungen zu den Seßhaften unterhielt, sondern sie auch mit “zum Teil epochalen Konfliktkonstellationen” konfrontierte. Dazu gehörten etwa “die Einfälle mächtiger Nomadenverbände aus den Steppen… zur Zeit der von Djingis Khan geführten Mongolen im 13. Jahrhundert oder zur Zeit der Expansion arabischer Stämme im 7. Jahrhundert“5.

Diese durch Historiker, Archäologen, Geographen, Orientwissenschaftlern und Ethnologen getroffenen Feststellungen über Nomaden, sollen zum Zwecke der hiesigen Analyse neben einen weiteren Gedanken gestellt werden, der ein zentrales Prinzip der Seßhaftigkeit ausdrückt. Wir nennen es zunächst Selbstverantwortung und auch Emanzipation von der Natur und schauen danach, was dieses Prinzip noch enthalten könnte:

Indem der Mensch die Natur bearbeitet, um ihre produktiven Abläufe zu steuern, zu verwalten und somit seine Nahrung zu sichern, übernimmt er, anders als der Nomade, der zu seiner Versorgung der Natur hinterherzieht, die Verantwortung für seinen Fortbestand in den eigenen Händen und stellt sein schaffendes Bewußtsein über die Natur! Dies bedeutet freilich eine Neujustierung seines Wesens als nunmehrige Instanz zwischen Himmel und Erde, sprich zwischen Natur und Transzendenz. Indem er erstere von außerhalb, ja, gewissermaßen von “oben” zu betrachten beginnt, überblickt er ihre zyklischen Bedingungen, die er durch seine gezielten Methoden von Produktion und Speicherung der jetzt kultivierten Naturerzeugnisse zu überwinden beginnt. Das Vorsorgen für die Zeit nach der Produktion (Vorrat) trägt ihm zusätzlich einen konkreteren Umgang mit dem Phänomen Zeit an. Somit tritt er aus seinem ursprünglichen, ihn existentiell bestimmenden Naturkreislauf heraus. Er ist jetzt ein - mitten im Sein all der Wesen und Phänomene - sich selbst erkennender souveräner Punkt, ein in diesem Sinn gereiftes Individuum.

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