Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Christentum und der Islam als divergierende Kulturimpulse

05. 11. 2016 | Kulturgeschichte

Und dieses steht nicht unvermittelt da, sondern es ist mit etwas unverbrüchlich verflochten, was vor und hinter ihm liegt, ein aus Erinnerung und Vorstellung bestehendes Größeres, eine ihn umfassende Kontinuität. Es ist eine Kontinuität, die von und mit ihm weitergeführt werden will. Er nennt sie Geschichte. Sie entsteht erst nach dem Sprung aus dem Zirkulieren im Kreise, denn sie verläuft nach Form und Inhalt linear und “einen bestimmten Theil des Raumes und einen bestimmten Theil der Zeit zugleich und im Verein” betreffend, um wieder einmal mit Schopenhauer zu reden. Und wenn - nach dem bereits Gesagten - Materie, Raum und Zeit nur dazu dienen, das Grundprinzip des Logos, die Logik in ihrer Ausdrucksform der Kausalität zu vergegenwärtigen, kann es in der Geschichte einen anderen Höhepunkt als die Inkarnation dieses Logos selbst geben?

Dieses Ereignis feiern nun die Christen in Jesus Christus, und sie feiern ihren Gott zugleich als den ultimativen Repräsentanten des zur Person gereiften geschichtlichen menschlichen Typus: Zwischen Himmel und Erde, irdisch und göttlich zugleich, hebt er den zyklischen Lauf der Natur wie des Rituals (Sabbat) zugunsten individueller und kollektiv-historischer (eschatologischer) Belange auf, ohne es auszulassen, die verwandtschaftliche Beziehung von Mensch und Gott ausdrücklich zu vertreten: “Ihr seid Götter und Söhne des Höchsten”, bringt er zu Gehör (Johannes). “Söhne”, das ist ein Verwandtschaftsgrad; somit kann der erste Teil des Satzes nicht als bloßer Metapher für geistiges oder sonstiges menschliches Wachstum verstanden werden, wie mancher, von der immensen Bürde dieser Definition überwältigte Interpret, meinen möchte. Hier geht es um die Essenz des Menschlichen, das dabei für gottverwandt erklärt wird!

So im Christentum.

Nomaden dagegen und nomadische Stämme sind abstinentere Geschichtsteilnehmer. Daß die Wissenschaftler wenig Erforschtes über diese versprengten Kollektive haben finden können, liegt daran, daß diese nichts über sich aufzeichneten. Ihr “stetig zyklisches Wandern” entspricht dem Verbleib auch ihres Bewußtseins in einer vorhistorischen Verbundenheit mit der Natur und ihren Kreisläufen. Solch zyklisches Empfinden erzeugt und unterhält eine gravitierende Verdichtungsdynamik, die ein stetes Zurückfallen in das Bestehende erzwingt. Sich als im Kreise befindlich denken, erschließt in des Menschen kognitiven und psychologischen Strukturen nur vordergründig eine Zu-kunft; das Perpetuieren der Her-kunft dagegen beansprucht ihn um so mehr, ihre Erhaltung durch permanente Wiederherstellung wird ehrfürchtig und als eine Sache der Ehre betrieben.

Und was das Menschenbild betrifft, so dürfte klar sein, daß Wert und Bedeutung des Einzelnen eher davon abhängen, wie willig und tauglich derjenige sich dazu erweist, das Tradierte weiterzutragen, als davon, ob er der Gemeinschaft Neues stiftet, sie mit denkerischer Innovation bereichert.

Das Ausnehmen der Natur ohne die kreative Hinwendung zu ihr durch mühsamen und verantwortungsbewußten Ackerbau begünstigte zusätzlich eine Beutementalität, die oft keinen Halt davor machte, auch den erarbeiteten Vorrat seßhafter Gemeinden in krimineller Absicht anzusteuern. In so mancher Siedlung der Vergangenheit wird wohl das blanke Entsetzen aufgekommen sein, wenn ihre arglosen Bauern und Fellachen plötzlich die Silhouetten berittener marodierender Nomadentruppen am Horizont ausmachen mußten. Und betrachten wir die politisch organisierte Ausgabe solcher Invasionen, haben wir eben jene “Einfälle mächtiger Nomadenverbände aus den Steppen” vor uns, von denen im weiter oben angeführten Forschungsprojekt die Rede war, und wofür die brutalen Invasionen der von Djingis Khan angeführten Mongolen oder zuvor die Expansion der arabischen Stämme als Beispiele standen.

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