Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Christentum und der Islam als divergierende Kulturimpulse

05. 11. 2016 | Kulturgeschichte

Vergleichen wir nun zum Abschluß die beiden Kulturen hinsichtlich ihrer inneren strukturellen Dynamik, erkennen wir, daß sich in der Kultur der Seßhaften, Auflösungstendenzen zu beobachten sind: Die Gemeinschaft löst sich in mehr oder minder selbständigen und gewissermaßen autonomen Individuen auf, und diese wiederum lösen sich in Identitäten auf, die immer mehr der Neigung folgen, das Sippenhaft-Familiäre zu relativieren und sich zusätzlich (heute oft ausschließlich) über mentale Zugehörigkeiten aus Feldern wie Kunst, Politik oder Weltanschauung zu identifizieren – geistige Wahlverwandtschaften einzugehen. (Daß diese Auflösungsneigung trotz ihrer evolutionären Unverzichtbarkeit heute auch eine Gefahr für die westlichen Gesellschaften bedeutet, wird hier nicht weiter verfolgt.) Im Gegensatz dazu waltet im Nomadisch-Sippenhaften ein Verdichtungsbewußtsein, das eine Art Verhärtung der Identitäten bewirkt. Das hindert diese daran, in jenes “Werden” überzutreten, zu welchem, wie hier anfangs gesagt, die Geschichte den Menschen “drängt”. Die Geschichte als “Haus” des mentalen Menschen, als Stätte, in der sich die kausalen Abläufe des Handelns der historisch gewordenen, Ich-fixierten Person abspielen, wird so unterschwellig wie vehement abgelehnt. Die Geschichte, das ist die Geschichte der anderen, und was durch sie erwuchs, ist dem Sippenmenschen fremd.

Hier liegt das Problem der Integration muslimischer Gruppen in westliche Gesellschaftsstrukturen begründet. Freilich finden heute durch den Faktor der Kommunikationsdichte auf dem Planeten Anpassungen in dieser Hinsicht statt, doch die Einfügung nomadisch- und sippengeprägter Gesellschaften in kosmopolitische Teilhabe würde noch eine spannungsreiche Weile dauern, sollte sie sich überhaupt als möglich erweisen. Ohne daß dies heißt, Einzelne aus denselben Gruppen könnten nicht den bewußten Willen und die Einsicht entwickeln, die Transformation für sich zu bewerkstelligen. Doch eine Massenimmigration aus den einschlägigen Kulturbereichen in den Westen könnte gesellschaftliches Chaos bedeuten.

Der christologische Disput und das Problem der Hypostase

Betrachten wir unter den hier gewonnenen Standpunkten die Zeit, in der sich der Islam auf Teilen jener genannten Route zu etablieren begann, werden wir als die überregionale öffentliche Debatte dieser Epoche den sog. christologischen Streit auszumachen haben. Die Thematik dieses Disputs war genau genommen die Historizität Gottes, bzw. die Bestimmung des Wesens, das nach Ansicht der Christen als Gott in der Zeit erschienen war. Wie viel Gott bzw. wie viel Mensch das Individuum Jesus “enthielt”, und in welcher Korrelation sich diese doppelte Physis als Mensch unter Menschen vergegenwärtigte.

Die Schwierigkeit dieser Thematik verschonte auch die Christen nicht, weswegen der Disput bis ins 11. Jahrhundert währte und schließlich mit der Spaltung der großen Kirche im sog. morgenländischen Schisma endete. Es war ja gerade die begriffstechnische Problematik dieser Auseinandersetzung, die das Wort “Hypostase” auf den Plan rief, ein damals neues und eigens kreiertes Wort, das in etwa Vergegenständlichungsmodus oder -ebene bedeutet, und für das Verständnis dafür herhalten sollte, daß Gott sich eben auf verschiedenen Ebenen vergegenwärtigen kann, ohne etwas von seiner Wesenhaftigkeit einzubüßen. Auch eben als Jesus von Nazareth nicht. Das waren gewiß hochabstrakte Fragestellungen.

Und daß diese Diskussion im Grunde, wenn auch zunächst dezidiert auf die Person des Jesus von Nazareth bezogen, eine anthropologische mit Christus als Hauptrepräsentanten des Anthropos war, dürfte zwar als Erkenntnis nur die tiefer liegenden Schichten der christlichen Theologie berühren, wo diese in Mystik aufgeht. Zeitgenössische Berichte aus dem Byzanz aber legen nahe, daß seinerzeit der Filioque-Disput, der geschichtsträchtige Disput zwischen Ost- und Westkirche darüber, ob der Heilige Geist allein vom Vater oder auch vom Sohne ausginge, in den Bäckereien Konstantinopels mit der Intensität von Sportereignissen geführt wurde. Ähnliches dürfte für die älteren Phasen des christologischen Streits gegolten haben.

Es dürfte somit kein Zweifel daran bestehen, daß die Nomaden und Beduinen des Maghreb und des Orients, deren Karawanen selbstverständlich auch Abstecher nach Byzanz machten, diesen Disput all die Zeit auf ihre Weise entlang ihrer Routen transportierten. Doch wie sollte das dabei übertragene christliche Menschenbild, ein Menschenbild, das in seiner kulturellen Mündigkeit dabei war, seine spirituelle Anteilnahme am Göttlichen zu eruieren, und das sich anmaßte, Gott als Anwesenden in seiner Geschichte zu erklären, von Menschen übermittelt werden, deren Identität noch impulsiv in Sippe, Emotion, Fleisch und Blut wurzelte? Als unerhörter Dünkel, der sie kränkte und ausschloß, müßte solche Kunde bei den fahrenden Kollektiven angekommen sein – und dieser Hybris der Christen sollte entgegengetreten werden.

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