Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Christentum und der Islam als divergierende Kulturimpulse

05. 11. 2016 | Kulturgeschichte

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Vorlagen boten sich zur Genüge; die Ablehnung der Göttlichkeit des Menschen Jesus war früh zum Dogma christlicher Sektierer geworden, am prominentesten unter ihnen die Arianer. In seiner Abhandlung über die christlichen Häresien seiner Zeit (7−8. Jh.) bringt der bedeutende Kirchenvater Johannes Damascenus die Anhänger “Mahmeds”, die er “Ismaeliten” oder “Hagariten” (so genannt nach Hagar, der Stammutter der Araber) nennt, erzählerisch in die Nähe der Arianer, indem er eine Begegnung “Mahmeds” mit einem arianischen Mönch anführt.

Was übrigens die Entstehung des Namens des islamischen Propheten betrifft, der in der Auffassung des eben genannten Kirchenvaters als christlicher Pseudoprophet auftritt, so erschien dieser Name zuerst auf gewissen Münzen mit arabischer Schrift, die sich in der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts rasant verbreiteten, und mit denen die mobilen Händler auf den Karawanenrouten sehr wahrscheinlich umgegangen sind. Es waren christliche, zumeist mit Kreuzen besetzte Münzen, auf denen jenes Prädikat Jesu geprägt war, mit dem die weiter oben erwähnte Menschenmenge am Jerusalemer Tor seinen Einzug in die Stadt feierte: “Gesegnet sei der Kommende im Namen Gottes”.

Das Attribut “gesegnet” (häufig auch “gelobt” oder “gepriesen”) erklingt auf arabisch “muhammad” und wird mit MHMD (Konsonantenschrift) ausgeschrieben. In der heutigen Islamforschung wird davon ausgegangen, daß “sich dieses christologische Prädikat von seinem Bezugspunkt gelöst” habe, “so dass es auf den im Koran häufig angesprochenen, namenlosen Propheten bezogen und somit in der Gestalt eines arabischen Propheten historisiert” worden sei6. Damit hatte der junge Islam seine konkrete Person, mit der er der Gestalt Jesu ein Gegenüber setzen konnte, das die dünkelhaften christlichen “Irrtümer” berichtigt.

Doch mit dieser “Berichtigung” müßte folgerichtig auch die Wiederabwertung des Individuums einhergehen, das ja, wie wir sahen, seine höchste Aufwertung dem Glauben an die Menschwerdung Gottes verdankte. Und um diese Abwertung kam es der neuen Lehre im Grunde auch an, wie wir durch unsere Analyse des nomadischen Menschenbilds erkennen konnten.

Das Individuum mußte jetzt die Kostbarkeiten seiner Entwicklung hin zur freien Person, die nach ihrem persönlichen Erkennen und Gewissen handelt, ablegen, und sich wieder unter die Norm des Rituals und des Gehorsams stellen; es mußte sein Denken einkerkern, um die “Gefahr” des Zweifels auszuschließen, und es mußte Gott wieder in die graue Unnahbarkeit zurückdrängen, von welcher aus er seither statisch und drohgebärdend die Unterwerfung überwacht, die sich das entwicklungsscheue Individuum selbst verschrieb.

Nur durch die Einführung der denkerischen Freiheit, d. h. auch der Freiheit zur Apostasie, könnte dem Islam die Gegenwart erreichen

Dieser Rückfall in die Entmündigung des menschlichen Denkens hat im Lauf darauffolgender Jahrhunderte das Ende einst blühender Kulturlandschaften herbeigeführt. “Boko Haram”, also Bücherverbot, ist zwar gegenwärtig der Programmname einer islamischen Extremistengruppe in Afrika, jedoch auch fern jeglichen Extremismus werden heute in den islamischen Ländern die wenigsten Bücher gelesen, auch weil dort der höchste Analphabetismus herrscht. Es ist nun mal so, daß eine Diskreditierung des (freien) Denkens über Generationen hinweg zu seiner Einschränkung führt.

Und dies wiederum ruft Ausgleichskräfte im Bewußtsein auf, die, dem anrüchigen Denken abtrünnig, von den Bereichen des Gefühls und des Instinkts genährt werden. Das Seelenleben soll die Präsenz übernehmen, die dem mentalen nicht gestattet wird. Eine Intensivierung der Emotion auf solcher Basis kann unter Umständen das verbliebene Denken bis hin zur Irrationalität überlagern. Denn nur dort, wo die freie Vernunft als oberste Instanz fungiert, wird progressive Kultur geschaffen. Die freie Suche nach Wahrheiten auf wissenschaftlicher und philosophischer Ebene erhellt den inneren Prozeß und zeigt dem Menschen eine Instanz in ihm auf, die losgelöst von alldem ist, was durch die dedizierten Interessen der Gefühle, Affekte und Befindlichkeiten bestimmt wird. Die Herrschaft der letzteren dagegen emotionalisiert und trivialisiert eine Kultur dahingehend, daß das Gekannte und Liebgewonnene als einzig Wahres angenommen wird, und “Bildung” am Ende zur Sicherung der eigenen Eingrenzung dient. Für die fehlende Begeisterungsfähigkeit (wir denken an das “Staunen” des Philosophen) springt eine dem modernen Bildungsmenschen kaum mehr vermittelbare fanatisierte Frömmigkeit anstelle, und für den Anspruch auf Selbstwert das verstiegene Verteidigungsgebaren einer allzu leicht verletzlichen “Ehre”. Als Kompensation eines geringeren mentalen Aufwands in der Äußerung wird oft eine lautstarke Stimme eingesetzt, die der Intimität schätzende westliche Mensch oftmals als störende Anwesenheit erlebt.

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