Michail A. Xenos
Frankfurt am Main
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Das Christentum und der Islam als divergierende Kulturimpulse

05. 11. 2016 | Kulturgeschichte

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Wo dann das dominierende Empfindungswesen sich noch die ethische Führung aneignet, ist die Barbarei nicht mehr weit: Das Wohl der Sippe bzw. des Eigenen rechtfertigt alles Vorgehen gegen das Andere und den Anderen; Verschiedenheit wirkt anfeindend, Individualität erzeugt Unbehagen, Kritik assoziiert Kampf. Solche Dominanzen sind es, die anfällige Charaktere zu den irrationalen Handlungsweisen führen, die in der Öffentlichkeit Abscheu und Aporie hervorrufen. Das Gebaren der radikalisierten Fanatiker und sogenannter Gotteskrieger im islamischen Raum, die ihre überbordende Morbidität gezielt in Szene setzen, um die Welt zu entsetzen, ist ein desperates Sich-eingefangen-wissen in diesem barbarischen Modus, und die Ergebenheit zu seiner Dämonie mag den Tätern wohl zugleich und verhängnisvollerweise den Schein von Weltüberwindung und Transzendenz zu vermitteln. Zu dem gesellt sich die bangende Ahnung der Vergeblichkeit ihrer Untat, weil die heutige Menschheit, die sich durch Wissenschaft und Technik von physischen Notwendigkeiten und durch Aufklärung und gesellschaftlichen Fortschritt von tradierten Abhängigkeiten weitgehend freimachen konnte, kaum mehr Raum für einen Gott wird zur Verfügung stellen können, dem die Menschen mit lethargisch-sklavischen Unterwerfungsgesten Dienst zu erweisen haben. “Denn ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen, daß ihr in Furcht lebt” schrieb Paulus an die Römer, “sondern den Geist der Sohnschaft, in welchem wir Vater rufen.”

Götter, die nicht werden, (um an einen Gedanken vom Beginn dieses Traktats wieder anzuknüpfen) vergehen oder verkommen. Zwar ist das statisch-göttliche Element in den Mönchsmalereien der Byzantiner richtig empfunden und in Bild gesetzt, sofern bei ihnen um den Ausdruck gerungen wurde, das Göttliche in seinem authentischen außerzeitlichen Sein stilistisch anzudeuten. Wo aber Gott als Inhalt unseres Bewußtseins auftritt, und das ist in den theistischen Religionen der Fall, hat er sich zu wandeln, da ja seine Wahlheimstätte, unser Bewußtsein mitsamt seinem Fassungsvermögen und seinen Auffassungsmodi sich im Wandel befindet.

Die Loyalität gegenüber diesem ewigen Entwicklungsprozeß, die Bereitschaft zur immerwährenden Erneuerung sollte die eigentliche Frage der Ehre sein. Und der Freiheit! Der Freiheit nicht zuletzt vom Herkommen und Herkömmlichen, der Freiheit, Neues zu assimilieren. Vor allem aber der Freiheit des anderen Menschen: der Religionsfreiheit.

Und hier sind die westlichen Politiken in Sachen Islam und Einwanderung gefordert: Es ist ein Oxymoron, wenn gesagt wird, der Islam habe dasselbe Recht auf Religionsfreiheit wie jede andere Religion, während er die Ablehnung der Religionsfreiheit als dogmatischen Bestandteil seiner Heilsprogrammatik enthält und Apostasie unter (Todes-) Strafe stellt. Denn, welchen Anspruch kann die Religionsunfreiheit auf Religionsfreiheit erheben? Islamische Länder, aber auch islamische Vertretungen und Verbände in westlichen Ländern und Einrichtungen sollten in dieser Hinsicht mit konsequenten Forderungen konfrontiert werden. Sie dürften nicht wie selbstverständlich die Teilhabe und Akzeptanz der jeweiligen amtlichen Institutionen genießen, sei es derer der Vereinten Nationen oder der Institutionen in Einwanderungs- und Integrationsämtern westlicher Staaten, außer, sie garantierten ihrerseits verbindlich die Religionsfreiheit und die straffreie Abkehr vom Islam in den eigenen Einflußgebieten.

Ich weiß, daß diese Forderung in der gegenwärtigen weltpolitischen Lage nicht (leicht) umsetzbar ist. Doch diese Freiheit wäre unabdingbar, sollte sich der Islam in die Geschichte und in die kulturelle Evolution integrieren wollen. Und erst damit könnte er sich als auf dem Weg befindlich erachten, sein notorisches soziales und kulturelles Integrationsproblem in seinen zahlreichen westlichen Wahlheimaten von sich aus anzugehen, um es zu überwinden.

[Dieser Beitrag wurde am 16. 12. 2016 leicht ergänzt und modifiziert.]

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Anmerkungen:

1. “Das subjektive Korrelat der Materie oder der Kausalität, denn Beide sind Eines, ist der Verstand.” Die Welt als Wille und Vorstellung. Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 54

2. Ebd., S. 50

3. Diese Erläuterung verdanken wir Rudolf Steiner

4. Siehe Beitrag “Das Aufgehen der Person in der Kulturgeschichte…” auf dieser HP

5. Sonderforschungsbereich 586 der Universitäten Leipzig und Halle, “Differenz und Integration – Wechselwirkungen zwischen nomadischen und sesshaften Lebensformen in Zivilisationen der Alten Welt”, Teilprojekt “Nomaden und Sesshafte in Steppen und Staaten

6. “Hat es Mohammed als historische Gestalt gegeben?”, TELEPOLIS, 24. 03. 2008

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